Sangerin Connie Constance : London blüht in vielen Farben

Mit ihrem Debütalbum ist die Sängerin Connie Constance zur Hoffnung des britischen Pops aufgestiegen. Eine Begegnung.

Simon Rayss
Connie Constance
Connie ConstanceFoto: Lily Rose Thomas

Zwanzig Minuten mit der Bahn, dann ist man in Watford. Londoner Vorort eben, nicht mehr Großstadt, aber auch nicht wirklich auf dem Land. Dort wächst Connie Constance auf, wohlbehütet, gefährdet vor allem durch eine Überdosis Langeweile. Genau deswegen gibt es in Watford mittlerweile auch ein ziemliches Drogenproblem. Für die heranwachsende Connie, die damals noch Constance Power heißt, war das aber kein Thema. Sie hatte die Kunst, um ihre Zeit zu füllen. Schreiben, Ballett tanzen, singen. Constance lebte bei ihrer Mutter – alles very british, very white auch. Doch etwas fehlte. „Ich wusste immer, dass ich irgendwie anders bin“, sagt sie. Ihre dunkle Hautfarbe: „Der Elefant im Raum, über den niemand geredet hat.“

Das Verschwinden des Vaters

Ihr Vater hat jamaikanisch-nigerianische Wurzeln – und sie quasi aus seinem Leben verbannt, als sie sieben Jahre alt ist. Mit 14 jedoch läuft sie ihrem älteren Bruder in einem Einkaufszentrum über den Weg. Eine Zufallsbegegnung, die alles verändert. Über ihn lernt sie eine komplett andere Welt kennen: den nigerianischen Teil ihrer Familie. Das löst Veränderungen in ihr aus. „Ich schnitt mir die Haare ab und fing an, meinen Afro rauswachsen zu lassen“, sagt Constance. Sie liest viel über schwarze Geschichte und redet darüber auch gern zu Hause, was zu hitzigen Gesprächen am Esstisch führt.

Wenn sie heute, mit 24 Jahren, zu Besuch in Watford ist, merkt sie schon, wie engstirnig es dort zugeht – im Kontrast zum sehr diversen Londoner East End, in dem sie mittlerweile wohnt. Ihre Hobbys pflegt sie immer noch, sie sind zu ihrem Beruf geworden. Gerade ist „English Rose“, ihr Debütalbum, erschienen. Connie Constance nutzt ihre Musik, um all die Einflüsse zu kanalisieren.

Zum Gespräch im Büro ihrer Plattenfirma in Kreuzberg hat sie den Afro in einer Flechtfrisur gebändigt. Sie trägt einen blendend gelben Neon-Hoodie unter einer Latzhose und wirkt darin ziemlich mädchenhaft. Als Teenager war sie noch ein richtiges Indie Girl. Sie hörte The Smiths, Blur, die Arctic Monkeys, während im Radio der Soul von Amy Winehouse und Adele rauf- und runterlief. Auch der ging nicht spurlos an ihrer Musik vorbei. Abends auf Partys tanzte sie zu Grime, der damals in Englands Clubs explodierenden Mischung aus Hip-Hop und Elektronik. Als sie auf die prestigeträchtige Tanzschule Urdang Academy wechselte, kam sie auch noch mit Jazz in Kontakt.

Verdammt gut abgerockt

All das findet jetzt auf ihrem Album zusammen. „Ich brauche einen Sound, mit dem ich alles machen kann“, erklärt sie. Zu dem sie singen kann, der sich zugleich mit ihren Texten verträgt und der vor allem auch noch zu einem taugt: „to rock the fuck out“, was sich nur im Ansatz mit „verdammt gut abrocken“ übersetzen lässt. Constance muss lachen, als sie das erzählt. Ein intensives, ansteckendes Lachen, wieder ein bisschen teeniemäßig.

Sie spricht einen Londoner Slang der Sorte, die nicht immer leicht zu verstehen ist und keinen Zweifel an ihrer britischen Herkunft lässt. Genau das wünscht sie sich auch für ihre Musik. „Der Sound soll immer britisch sein“, sagt sie. Programmatisch eröffnet sie das Album mit einer Coverversion des vierzig Jahre alten The-Jam- Songs „English Rose“. Nur ein Klavier und sie, die mit nöliger Stimme auf den Worten herumkaut, dann wieder mit wunderbar dunklem Timbre singt. So sparsam geht es sonst auf der Platte selten zu. Ihre freche Frische jedoch, die bleibt.

Im Entstehungsprozess hat sie mit einer ganzen Reihe junger Musiker und Produzenten wie Mura Masa und Kwesi Darko zusammengearbeitet. Am Ende jedoch war Jim Abbiss federführend, der mit Adele die Hit-Alben „19“ und „21“ aufgenommen hat. Constance beschreibt die Zeit mit ihm als kollegialen Prozess. Bei einigen Songs hatte sie eine genaue Vorstellung davon, wie sie klingen sollten, bei anderen wusste Abbiss intuitiv, wie er das richtige Gefühl herauskitzeln konnte. „I Want Out“ ist eines der Stücke, die ihr schon in den Ohren klangen, als sie ins Studio kam. Sie hechelt beinahe in Schnappatmung durch den Song, malmt die Töne tief aus der Kehle hervor: „I bought a CD player / But now I’m stuck on tape, tape, tape“, und heult geradewegs heraus: „I want out!“ Im Hintergrund wirbelt, fiept und spratzelt es über einem fetten Dubbeat.

Lernen von Adele

Die Arbeit mit Abbiss sei für sie eine große Lehrstunde gewesen, sagt Connie Constance. Dabei ist ein überaus persönliches Album entstanden. „Ich habe nur Sachen geschrieben, die wahrhaftig sind“, sagt sie. In „Bad Vibes“ singt Constance über eine Beziehung, die unter den Launen des Partners erstickt wie unter einer luftdichten Decke: „I tried so hard not to see / That I went blind to your bad vibes.“ Das Stück ist auch schon 2017 auf ihrer EP „Boring Connie“ erschienen. Kurz vor der Veröffentlichung durchfuhr es sie damals: „Oh Gott, ich muss meinen Ex-Freund anrufen!“ Am Telefon sagte sie ihm: „Ich werde diesen Song rausbringen, und du wirst wissen, dass er über dich ist.“ Er war sauer, klar, aber sie ließ sich nicht beirren: „Sorry, ich muss das wirklich sagen.“

Von der kathartischen Kraft des Schreibens ist Constance überzeugt. Deswegen habe sie ja auch überhaupt damit angefangen. „Zu schreiben ist einfach ein Teil davon, wie ich funktioniere, wie ich lebe.“ So könne sie Frieden schließen mit Dingen, die ihr zu schaffen machten. Auch mit der Depression und den Angstzuständen, mit denen sie in der Vergangenheit zu kämpfen hatte. Wenn sie mal wieder eine ärgerliche Nachricht von ihrem Vater bekommt, schreibt sie auch die einfach auf. Dann spukt sie nicht mehr in ihrem Kopf herum.

Neue Demos sind schon fertig

Das Verhältnis zum Vater, der noch in Watford lebt, ist nicht gerade blendend. Friedliche Koexistenz, so lässt es sich wohl am besten beschreiben. „Wir versuchen, miteinander klarzukommen. Aber es gibt es viele Sachen, über die wir reden müssten, ohne dass er dafür Zeit zu haben scheint“, sagt sie. Ein Song auf dem Album ist über ihn, doch sie verspürt keinen Drang, ihm das zu verraten. Klingt ganz so, als würde in der Beziehung noch Material für weitere Songs stecken. „Aber ich halte sie erstmal zurück“, sagt sie und lacht wieder. Genug Stoff für ein neues Album hat sie eh schon zusammen, einen ganzen Stapel Demos. „Ich kann einfach keine Pausen machen“, sagt sie. Langweilig wird es ihr auch in Zukunft nicht werden.

Mehr zum Thema

„English Rose“ ist bei AMF Records/Caroline erschienen.

Mehr lesen? Jetzt E-Paper gratis testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar