Satire „Dene wos guet geit“ : Nummernkonto in der Schweiz

Absurde Kapitalismuskritik: Das Spielfilmdebüt „Dene wos guet geit“ von Cyril Schäublin folgt einer Trickbetrügerin durch die Großstadt.

Bildrand des Lebens. Dass die Betrügerin Alice (Sarah Stauffer) in Zürich lebt, ist Cyril Schäublins auch formal bemerkenswertem Spielfilmdebüt nicht so wirklich anzusehen.
Bildrand des Lebens. Dass die Betrügerin Alice (Sarah Stauffer) in Zürich lebt, ist Cyril Schäublins auch formal bemerkenswertem...Foto: Dejavu-Film

Ausfallstraßen, Fußgängerüberführungen, Kreuzungen, zugepflasterte Parks, Passanten und Stahlmülleimer, immer wieder Stahlmülleimer. In langen Großaufnahmen gefilmt. Solchermaßen aus der Umgebung herausgelöst entwickelt das unscheinbare Stadtmöbel einen ganz eigenen Zauber. Als kultische Stele der Konsumgesellschaft, in die ab und zu ein weggeworfenes Kuvert fällt. Warum, das erschließt sich in Cyril Schäublins in jeder Hinsicht originellem Spielfilmdebüt „Dene wos guet geit“ alsbald (Brotfabrik, FSK, Wolf, alle OmU).

Die Satire des DFFB-Absolventen wurde gleich zum Filmfestival von Locarno eingeladen. Kein Wunder, verrät sie doch ein beträchtliches Talent für die komische Absurdität von strengen Kompositionen. Dass sie in der Heimatstadt des 1984 geborenen Schweizers spielt, hält der Filmemacher jedoch gut verborgen. Zumindest am üblichen Bild Zürichs gemessen, dass am blauen Zürichsee oder in der Altstadt an der schönen Limmat spielt. „Dene wos guet geit“ zeigt dagegen die Peripherie als transitorischen Unort. Als überall und nirgends. Nicht sozial und architektonisch randständig, sondern banal normal. In dieser häufig in Totalen aus der Draufsicht gefilmten Textur verfangen die üblichen Wiedererkennungsraster nicht mehr. Autos, Züge und die Wellen des Flusses rauschen stetig vorbei und gerinnen zum Ornament.

Und die Menschen? Die scheinen in der von ihnen gestalteten und genutzten Stadtlandschaft nur noch geduldet zu sein. Die Infrastruktur, der Apparat an sich hat übernommen und sein Personal irrlichtert verwirrt am Bildrand herum. Alice (Sarah Stauffer), eine junge Frau, die im Callcenter jobbt, hält sich in Begleitung ihres Mobiltelefons vorzugsweise an Ampeln auf. Dass man sie nach der Arbeit ausnahmsweise mit zwei ihrer Kolleginnen auf dem Heimweg plaudern hört, heißt noch lange nicht, dass ihnen die Kamera (Silvan Hillmann) dabei sklavisch folgt.

Konversationsfetzen aus dem Off stehen überall wie unsichtbare Sprechblasen im Luftraum. Und eine Gruppe von uniformierten Polizisten, die wegen einer zuerst namenlosen und später als Bombendrohung im Hauptbahnhof bezeichneten Bedrohungslage die Straße sichert, stößt ebenfalls laufende neue aus. „Schau doch mal bei Schwyz Everywhere“, rät einer der Kollegin mit Internetproblemen. Der Netzanbieter gehört – ebenso wie die Krankenkasse Dezentra – zu den Firmen, für die Alice’ Callcenter-Truppe als moderne Drückerkolonne wirbt. Vertrauen heischend entlocken sie den gutgläubigen Kunden so intime Daten wie den Kontostand.

Die Codes des Kapitalismus

Und warum die im Job erworbenen schauspielerischen Fähigkeiten nicht nach Feierabend perfektionieren und effizienter einsetzen? Im Kapitalismus ist schließlich jeder seines eigenen Glückes Schmied. Alte Damen mit hohen Kontoständen gibt es in Zürich reichlich, und Alice beherrscht den berüchtigten „Enkeltrick“. Die geleerten Geldkuverts landen in den Mülleimern. Mit den um ihre Enkelinnen besorgten Greisinnen hat sie leichtes Spiel. Nur der Bankkassierer, der sich argwöhnisch erkundigt, wozu die Frau Oberli denn 50 000 Franken bar braucht, ist weniger leichtgläubig. Ihr Verhältnis zur Großmutter sei ganz normal, sagt die echte Enkelin später bei der polizeilichen Vernehmung, „ich sehe sie ein- bis zweimal im Jahr“. Wie es so zugeht im kühlen, den Zusammenhalt der Generationen zersprengenden kapitalistischen Leben.

Dessen Codes sind das eigentliche Thema von Cyril Schäublins aus Zufallsbegegnungen bestehendem Beziehungsgeflecht. Die Stichworte „Schweiz Everywhere“ und „Dezentra“ schwirren überall umher, vom Callcenter zu den Kunden, unter den Streifenpolizisten und den Kripobeamten, die nach der Trickbetrügerin fahnden.

Ein niederschmetternder Befund

Die unablässig zur Identifizierung am Mobiltelefon memorierten Pincodes und Ziffernfolgen gliedern als ewiges Tremolo die Nicht-Kommunikation. Nichts geht mehr ohne sie. Und wenn im Chor der Bindungs- und Gedächtnislosen eine Polizistin ihrem Kollegen mit beziehungsreichem Blick von einem Film erzählt („wie hieß der doch gleich, den kennst du bestimmt!“), in dem sich ein Polizist in eine Polizisten verliebt, kommt nur Ratlosigkeit als Reaktion. Gegen diese feinmotorisch grotesken Straßenszenen wirken die Episoden in einer von Reichen aus aller Welt frequentierten Privatbank deutlich plumper. Dass nicht nur die Schweizerin Alice, sondern auch russische Millionäre hier ohne lästige Nachfragen dicke Konten eröffnen, überrascht nun nicht.

Umso niederschmetternder ist der lakonisch erzählte gesellschaftliche Befund: das moderne Gemeinwesen als ein von Unsinns-Betriebsamkeit und Trickserei zusammengehaltener Totalausfall. Nirgends Empathie, nirgends Kontakt, das aber gut verpackt in Schweizer Höflichkeit.

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