Satire „Downsizing“ mit Matt Damon : Schöne neue Miniaturwelt

Rette die Welt, schrumpfe dich selbst: Alexander Paynes Sozialsatire „Downsizing“ mit Matt Damon als Durchschnittsamerikaner.

Gruß aus der alten Welt. Matt Damon als Winzling Paul Safranek und Christoph Waltz als Liliput-Playboy.
Gruß aus der alten Welt. Matt Damon als Winzling Paul Safranek und Christoph Waltz als Liliput-Playboy.Foto: Paramount Pictures

Hungersnöte. Überbevölkerung. Ressourcenknappheit. Migration. Klimawandel. Plastik im Meer. Die Welt ist im Eimer, und wenn das so weitergeht, ist bald endgültig Schluss. Aber was bitte außer Mülltrennung und CO2-Ausgleich kann Otto Normalo dagegen tun? Als freundlich-braver Durchschnittstyp aus dem unteren Mittelstand, dem schon qua Naturell das Genie und der Mumm fehlen, um die Menschheit zu retten? Was, wenn man nicht im Hollywood-Actionstreifen den Helden zu spielen hat, sondern im neuesten Film von Alexander Payne?

Seit „About Schmidt“ sind Payne und sein Co-Autor Jim Taylor Experten für Durchschnittsamerikaner. Für Männer, die sich eingerichtet haben in ihrer faden Existenz und doch ein wenig fremdeln dabei. In „About Schmidt“ spielt Jack Nicholson so einen Witwer und Versicherungsstatistiker aus Omaha; in „Nebraska“ ist es Bruce Dern als vertrottelter Alter; nun folgt Matt Damon als Paul Safranek, Physiotherapeut in einer Steakfabrik, wieder in Omaha, Nebraska. Gerade mal 40, keine Kinder, öder Alltag, Frust, beflissenes Lächeln – keine Chance, den Wunsch der Gattin zu erfüllen und aus dem schäbigen Elternhaus auszuziehen, trotz Doppelverdienst. Payne ist ein Meister in der sanft satirischen Zeichnung solch unscheinbarer Typen. Es lauert etwas Abgründiges in ihrer Angepasstheit.

Aber dann sieht Paul diese Werbung im Fernsehen, für „Leisureland“, für ein Leben in Saus und Braus, mit Luxusvilla, Schampus aus Magnumflaschen, Diamantcollier für die Gattin und kaum noch Müll in der Tonne. Die Menschheit könnte er auch noch retten, ganz ohne Mumm und Genie. Das Zauberwort lautet „Downsizing“. Paul und seine Audrey (Kristen Wiig) könnten sich zellular miniaturisieren lassen, auf gut zwölf Zentimeter, die Wissenschaft macht’s möglich. In der XXS-Welt hätte ihr bescheidenes Gesamtvermögen von 152.000 Dollar einen Kaufwert von 12,5 Millionen. Das Problem: Nach Unterzeichnung der Verträge (Schrumpfprozess irreversibel, Risiko: Wegen eines vergessenen Implantats könnte der Kopf explodieren ...) und der eigentlichen Schrumpfprozedur findet sich Paul allein bei den Winzlingen. Audrey packte in letzter Sekunde die Angst.

Science-Fiction-Farce mit erstaunlich wenigen Special Effects

Was man sich bei Payne schon fast denken kann: Bei den Liliput-Menschen geht es nicht besser zu als bei den großen. Paul erlebt dieselbe Gier, dieselbe Missgunst, dieselben Machenschaften, dieselbe Ausbeutung und Unterdrückung. Konsumismus, Kapitalismus, soziale Spaltung, Einsamkeit, alles wie gehabt. Und nach der Party (mit Drogen bis zum Abwinken, Udo Kier und einem bewährt superfies grinsenden Christoph Waltz als Playboy und Luxuswaren-Dealer) kommt die vietnamesische Putzfrau zum Aufräumen. Schöne neue Miniaturwelt. Derart verzwergt, nimmt das Unrecht riesige Ausmaße an: Die Putzfrau zum Beispiel wurde als Dissidentin von ihrer Regierung zwangsgeschrumpft und überlebte als Flüchtling in einem Fernsehkarton.

Alexander Payne ist Lakoniker, darin liegt der Reiz seiner mit erstaunlich wenigen Special Effects auskommenden Science-Fiction-Farce. Allein die köstlich konkreten Details: der zum Winzling geschrumpfte Freund, der die Knoblauchfahne des Noch-Originalgrößen-Paul fast als Orkan erlebt. Die Tortenheber, mit denen die frischen Schrumpflinge von ihren Klinikbetten auf Winzliegen umgehoben werden. Oder der Möbelwagen, von dem zwei gigantische Goldreifen abgeladen werden – die Eheringe der Safraneks.

Es ist wie in der „Truman Show“. Das wahre Leben findet jenseits der gated community statt, jenseits der Werbeweltfassaden und der wie in einen Kokon gehüllten Hyperrealitat. Die vietnamesische Putzfrau (deren Pidgin-Englisch dem Film in den USA die Kritik einbrachte, es handele sich um eine rassistische Karikatur, was Schauspielerin Hong Chau jedoch zurückweist) nimmt Paul in die Slums von Leisureland mit. Dorthin, wo die Verlierer der Wohlstandsgesellschaft hausen, Flüchtlinge, Menschen mit Handicap, Abgehängte, Außenseiter. Die Farce kippt ins Sozialdrama – und am Ende in die Romanze, mit Hippie-Kommune, Utopie, Sonnenuntergang und, tja, doch noch einer echten Heldentat.

Schade eigentlich: Das Leisureland-Kapitel zielt derart gewitzt ins Herz der dystopischen Gegenwart, dass es zusätzlicher Moralisierung und Politisierung gar nicht bedurft hätte. Aber was soll’s: Matt Damon als unbedarfter Bürger, der das System nicht checkt und dann irgendwie doch – der Ton steht ihm gut. Schön auch der erste Bodycheck beim Erwachen im Mini-Universum. Schneller Blick unter die Bettdecke, erleichtertes Aufatmen – Pauls kostbarstes Körperteil ist auch nicht mehr geschrumpft als der Rest. So viel zum Thema Gender und Sex.

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