Kultur : Sauerstoff im Stadtverkehr

James Dean der Kunst: In Berlin und New York wird der Aktionskünstler Gordon Matta-Clark gefeiert

Nicola Kuhn

Zufall oder nicht? Zeitgleich ist im New Yorker Whitney Museum eine große Retrospektive zu sehen, in der Berliner Akademie der Künste wird ihm fast eine ganze Abteilung in der Ausstellung „Raum. Orte der Kunst“ gewidmet. Unvermutet steht er wieder da, mitten in der Museumswelt: jung, schwitzend, mit nacktem Oberkörper, mit der Kettensäge ganze Häuser traktierend. Zumindest in den 16-Millimeter-Filmen, die seine atemraubenden Aktionen dokumentieren. Gordon Matta-Clark ist der James Dean der Architektenszene, der Buster Keaton der Kunst. 1978 starb er mit 35 Jahren an Krebs und hat doch in der kurzen Spanne seiner Künstlerkarriere ein Werk hinterlassen, das bis heute fasziniert. Schon zu Lebzeiten besaß er das Zeug zur Kultfigur, gerade wird er wiederentdeckt, denn aus Matta-Clarks Attacken auf die Architektur, seinen skulpturalen Eingriffen im urbanen Raum destilliert sich jede Zeit ihre Botschaft.

Als der Sohn des surrealistischen Malers Roberto Matta nach seinem Architekturstudium Ende der sechziger Jahre in New York auf den Plan trat, war es die Stadt, die auf einen Investor wie Donald Trump all ihre Hoffnungen setzte. Rezession, Ölkrise hatten zur Folge, dass ganze Viertel herunterkamen, sich niemand mehr für die zurückgelassenen, offenen Häuser zuständig sah. Stadtplanung hieß damals Generalabriss, Zerstörung von Lebensraum, von bis kurz zuvor intakten Quartieren. In solcher Umgebung fand Matta-Clark sein künstlerisches Eldorado, hier versuchte er seinen sozialen Traum von einer nachbarschaftlichen Gemeinschaft zu leben. Mit Künstlerfreunden gründete er 1971 ein kollektives Lokal in der heruntergekommenen Gegend von SoHo, hier kurvte er 1972 mit seinem klapprigen, selbst gebauten Frischluft-Gefährt herum und offerierte Passanten Sauerstoff via Maske aus der hinten aufgebockten O2-Flasche. Leicht berauscht, bestätigen ihm die Probanden im dazugehörigen Film, dass es ihnen nun wirklich besser ginge.

Das Whitney Museum breitet all diese Trouvaillen aus, zeigt akribisch die Fotos vom „Food“-Restaurant, hat sogar den „Fresh-Air-Cart“ wie ein Kunstobjekt ausgestellt. Dem heutigen Betrachter mögen diese Aktionen zwar naiv erscheinen, aber Matta wusste genau, was er tat. Einerseits spielte er mit dem Image des urbanen Träumers. Zu seinen poetischsten Filmen gehört „Clockshower“ (1974), in dem er wie Harold Lloyd ein Hochhaus erklimmt und vor dem Ziffernblatt der in luftiger Höhe angebrachten Gebäude- Uhr eine Dusche nimmt und sich die Zähne zu putzen beginnt. Andererseits schafft er mit seinen „Cuttings“, dem Herausschneiden ganzer Gebäudeteile mit Kettensäge und Vorschlaghammer, eine fast gewalttätige Realität. Aus dem Schutt, dem Staub, den wie am offenen Herzen operierten Häusern öffnen sich überraschende Durchblicke, bizarre Verbindungen ins glitzernde Sonnenlicht, durch die eine völlig neue Schönheit sichtbar wird. Zu den grandiosesten Eindrücken gehören die Aufnahmen von „Office Baroque“ (1975), einem kreisförmigen Schnitt durch die verschiedenen Geschosse eines Altbaus im Pariser Viertel „Les Halles“, in Sichtnähe zum gerade entstehenden Centre Pompidou.

Gerade darin besteht der Unterschied unserer Sicht auf Matta-Clarks Werk. Damals wurde es als explizite Architekturkritik angesehen. Legendär ist bis heute bei Architekten seine Ausstellung „Window Blow-Out“ 1972 im Institute of Architecture and Urban Studies in New York. Das Enfant terrible beließ es nicht bei der Fotopräsentation vandalisierter Häuser der Bronx, um die verfehlte Sozial- und Baupolitik der Behörden anzuprangern. Kurz nach Eröffnung kehrte er nachts mit einem Gewehr in die Galerie zurück und zerschoss einige Fenster. Heute mischt sich Nostalgie in die Betrachtung von Matta-Clark. Die berühmten „Four Corners“ (1974), die von einer Aktion verbliebenen vier realen Hausecken mit Dach, schauen wir wie durch ein Zeitfernrohr an: Aha, so sind diese Kleinsthäuser also gebaut. „Bingo“ (1974), die drei versetzten Fassadenstücke mit ihren Schnitten durch Fensterrahmen, Treppenlauf und Zwischendecke, betrachten wir staunend wie Alice im Wunderland, der die Größenverhältnisse abhanden gekommen sind.

Und doch besitzt Matta-Clarks Werk bei aller ästhetischer Rezeption noch immer Sprengkraft, zumindest für das US-Publikum. „You are the measure“ lautet im Whitney der Ausstellungstitel in Anlehnung an einen Ausspruch des Künstlers. Das Museum appelliert damit – sehr amerikanisch – an die Kraft des Individuums: dass jeder etwas ändern kann, wenn er nur will. Auch in Berlin glaubt man an die Aktualität dieses Ausnahmekünstlers, richtet ihm im April ein eigenes Symposium aus. Sein visionäres Gespür gerade für diese Stadt bewies Matta-Clark bereits 1975, schon einmal auf Einladung der Akademie. Damals wollte er Teile der Mauer heraussägen, was er auf Bitten der Kuratoren unterließ. Stattdessen beklebte er die Mauer mit Werbung für Bier, Schokolade und Backhendl. Als hätte er es geahnt.

Whitney Museum, New York, bis 3. Juni. Akademie der Künste, Hanseatenweg, bis 22. April.

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