Kultur : Schattenfänger

Jörg Magenau

Es ist reichlich abgedroschen, Romane über die Adoleszenz mit Salingers „Fänger im Roggen“ zu vergleichen. Kaum bricht irgendwo ein jugendlicher Held aus Familienenge und Elternerwartung aus, schon heißt es, er sei wie Holden Caulfield. Alexander Osang hat es allerdings nicht anders gewollt. Sein jugendlicher Held Robert Fischer aus Berlin-Friedrichshagen hat Salingers Werke im Gepäck, als er versucht, für ein Jahr in Manhattan zurechtzukommen. An selber Stelle ist ja auch schon Holden Caulfield an der Einsamkeit verzweifelt.

Anstatt sich auf das College-Studium zu konzentrieren, wie es seine Eltern erhoffen, arbeitet Robert in einer dubiosen Detektei, verliebt sich ein wenig in die Tochter der jüdischen Familie, bei der er wohnt, und flieht schließlich auf eine kleine Insel vor Long Island, wo er Zuflucht bei einem älteren Ostberliner findet. Dort erlebt er seine sexuelle Initiation bei einer grünäugigen Frau, die ihn aber bloß missbraucht, um schwanger zu werden. An einer Lungenentzündung und einem Zeckenbiss geht er fast zugrunde. John Lennon kommt als Obsession ins Spiel, weil der Sänger kurz vor seiner Ermordung ein paar Tage auf dieser Insel verbracht haben soll und dort zu einer Legende geworden ist.

Osang verliert sich mehr und mehr in Einzelheiten und schreibt allzu vordergründig am „Fänger im Roggen“ entlang – bis hin zur Heimkehr Roberts als Kranker und dem Versuch, seine traumatisierenden Erlebnisse in Form einer Ich-Erzählung abzuarbeiten. Darüber hinaus hat der arme Junge auch noch das ganze symbolische Gepäck eines Menschen zu tragen, der aus dem Osten in den Westen aufbricht und in der Anonymität, in die er flieht, zu zerbrechen droht. Das wäre wohl auch für Holden Caulfield zu viel gewesen.

Alexander Osang: Lennon ist tot. Roman. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2007. 288 Seiten, 17,90 €.

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