Schau in der Berlinischen Galerie : Tausend Augen, heiliges Feuer

„Wide Open. Seelenbilder – Seelenräume“: Eine Ausstellung in der Berlinischen Galerie erkundet die Spiritualität in der Kunst und die Magie der Farbe.

Verweile doch. „The Daughter of the Easter Egg“ heißt Zora Manns Arbeit, die die Berlinische Galerie erworben hat.
Verweile doch. „The Daughter of the Easter Egg“ heißt Zora Manns Arbeit, die die Berlinische Galerie erworben hat.Foto: Berlinische Galerie

Wie eine Kamerablende mit Lamellen öffnet sich das riesige Auge, auf dem sich weitere Tausende von Augen befinden. „The Daughter of the Easter Egg – Die Tochter des Ostereis“ nennt Zora Mann ihr monumentales Gemälde.

Rechts und links gehen über die gesamten zehn Meter der Leinwand kleine Feuerbälle auf und nieder, die Ränder des Bildes sind von Händen gesäumt. Das Großformat erinnert an ein buddhistisches Mandala, ein Meditationsbild, aber auch an afrikanische Stoffmuster.

Die Berlinische Galerie hat „The Daughter of the Easter Egg“ im vergangenen Jahr angekauft, jetzt wird das Bild zum ersten Mal im Museum gezeigt, im Rahmen der luftigen Ausstellung „Wide Open. Seelenbilder – Seelenräume“ über Kunst und Spiritualität.

Sie greift das wachsende Bedürfnis des digitalen Zeitalters auf, andere Dimensionen als die des Internets zu erkunden und der Beschränkung des Binärcodes in neue Welten zu entfliehen. Gerade boomen die Anleitungen zu Yoga und Meditation, Übungen, die dem Atem folgen – Einatmen, Pause, Ausatmen.

„Nimmt man einer Gesellschaft die Spiritualität, fehlt ihr etwas“, sagt die Kuratorin Stefanie Heckmann. Zora Mann, deren Vorname die Göttin der Morgenröte zitiert, verarbeitet in ihrem Gemälde autobiografische Erfahrungen. Ihre Eltern, Briten, die in Uganda und Kenia aufwuchsen, schlossen sich als Sannyasin dem indischen Guru Osho an und folgten ihm bis in die Vereinigten Staaten.

Kontrollwahn der Kameras

Zora Mann wurde mit zwölf Jahren als Fotomodell entdeckt. Ein Bild von ihr, hinter Kissen versteckt, ziert das Buch „Zehn Wahrheiten“ von Miranda July. Elf Jahre arbeitete sie als Model, bis eine Psychose infolge von Drogenkonsum sie zwang, innezuhalten.

Das Meditationsbild in der Berlinischen Galerie ist Jahre danach entstanden, bezieht sich aber auf die Erfahrung des fragmentierten Bewusstseins und erzählt von Aggression. Beunruhigend spürbar wird die Übergriffigkeit fremder Blicke, der Kontrollwahn der Kameras. Immerhin, die Sitzsäcke in Augenform konterkarieren den Ernst des Sujets und laden zum Verweilen ein.

[bis 12. Oktober, Mi–Mo 10–18 Uhr. Weiterhin zu sehen: „Umbo Fotograf Werke 1926–1956“ (bis 20. Juli), „Bettina Pousttchi. In Recent Years“ (bis 17. August) und Yael Bartana im Videoraum (bis 29. Juni).]

In dem hellen, hohen Raum hat Stefanie Heckmann die Neuerwerbung mit Werken aus der Sammlung kombiniert. Allen gemeinsam ist das Urvertrauen in die heilsamen vibes der Farbe. Der „Geist“ des 2019 verstorbenen Malers Eberhard Havekost tritt nur schemenhaft auf, fast durchsichtig gemalt, mit Farben dünn wie ein Hauch, als sei er unentschlossen, ob er erscheinen oder verschwinden will.

Die Kriegsgeneration hat erlebt, wie bedroht auch die Spiritualität der Gesellschaft war. Johannes Geccelli, 1925 in Königsberg geboren, studierte nach Kriegsdienst und Gefangenschaft in Düsseldorf und stellte zeitweise mit den Künstlern der Gruppe ZERO aus. Sich selbst nannte er einen „rationalen Mystiker“, sagt Stefanie Heckmann. „Ein – Aus“ heißt das Diptychon von Geccelli, das jetzt in der Ausstellung hängt.

Magisches Flimmern

Aus der Ferne scheint die Farbe zu oszillieren. Das Flimmern zieht den Blick magisch an und federt ihn wieder ab. Bei genauerem Hinsehen besteht die Malerei aus exakt austarierten senkrechten Strichen, deren Farbton sich unmerklich vom Rand zum Zentrum hin verändert. Geccellis Ehrgeiz bestand darin, die Farbe über den Rahmen des Bildes hinweg beben zu lassen, als Nachhall des Sichtbaren.

Die weitgehende vergessene Malerin Göta Tellesch schließlich hat Farbnebel auf eine glatte PVC-Folie gesprüht. Die waagerechten Streifen gleichen in diesen klaren Sommertagen der Färbung des Horizonts, wenn das Sonnenlicht die Umrisse der Dinge nicht mehr scharf abgrenzt. Tellesch wollte einen „Raum schaffen, der atmet“. Dafür brauche man die Konzentration eines Zenbogenschützen, glaubte sie.

Die Malerin hat bei Hans Uhlmann studiert, der unmittelbar nach Kriegsende in der Galerie Rosen mit den Berliner Fantasten ausstellte. Sie wollten in ihren Bildern über die sichtbare Wirklichkeit hinausgehen.

Sinne schärfen für die spirituellen Facetten der Kunst

Von Uhlmann stammt die Plastik vor der Deutschen Oper – seine Bildhauerei lädt sich auf mit musikalischen Schwingungen. Ähnlich bei seiner Schülerin Göta Tellesch. Sie lässt die Farbe schwebend vernebeln, dann wieder begrenzt sie die Linien exakt, wie bei einer musikalischen Improvisation, die zwischen geregelten und spontanen Passagen wechselt.

Die Wirkung dieser kleinen Ausstellung kann man im Selbstversuch testen. Streift man nämlich durch die anderen Räume der Berlinischen Galerie, sind die Sinne geschärft für die spirituellen Facetten der Kunst.

Da nimmt man bei den Werken des Fotografen Umbo dessen Studien zum Wachstum der Salze plötzlich ganz anders wahr, oder auch seine Nahaufnahmen von durchsichtigen Insektenflügeln: Ergebnisse der Neugier auf eine feinstoffliche Welt.

Im Film nennt der Schwarz-Weiß-Fotograf Johannes Itten seinen wichtigsten Lehrer am Bauhaus. Itten war Anhänger des Mazdaznan, einer Sekte, die sich auf zarathustrischen Glauben beruft und das heilige Feuer verehrt.

Gespenstische Vorwegnahme des Stillstandes

Im Raum daneben, in der Ausstellung mit Werken von Bettina Pousttchi, steht die Zeit still. Die Künstlerin hat überall auf der Welt Turmuhren fotografiert, deren Zeiger alle die gleiche Zeit anzeigen: fünf Minuten vor zwei. Eine gespenstische Vorwegnahme des Stillstands während der Corona-Pandemie.

Im Videoraum der Berlinischen Galerie läuft ein Film von Yael Bartana. Die israelische Künstlerin hat einen Kollegen mit der Kamera begleitet, der sich im Amazonas-Regenwald einem schamanistischen Ritual unterzieht. Für die 71 Minuten Monolog und Gesang braucht man allerdings einen langen Atem. Ein Besucher hat sich hingelegt. Kein Problem, denn während in der Stadt der Verkehr wieder mit Gebrüll erwacht, herrscht im Museum wohltuende Ruhe. Gelegenheit zur Kunstmeditation, zum Aufbruch in die Weiten des Geistes.

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