Schau in der Galerie Zak/Branicka : Die Relativität der Dinge definieren

Die profunde Ausstellung "Continuum" in der Galerie Zak/Branicka vereint Werke von Roman Opalka, Jaroslaw Kozlowski und den Schwestern Schmidt Heins.

Mittendrin. „Orientation in Space (left right political)“ heißt die Arbeit von Barbara Schmidt Heins (1972).
Mittendrin. „Orientation in Space (left right political)“ heißt die Arbeit von Barbara Schmidt Heins (1972).Foto: Galerie Zak/Branicka

Ist das nun Aufbegehren oder Resignation: Wenn Roman Opalka festlegt, ein Leben lang fortlaufend Zahlen auf Leinwände zu malen – und sich damit der Einsicht unterwirft, dass man zwar unendlich weiterzählen, aber nicht weiterleben kann. Fürchtet er dann den Tod? Oder verbündet er sich mit ihm?

Die kleine Zeichnung des französisch-polnischen Malers in der Galerie Zak/Branicka (Lindenstraße 35, bis 8. September) stammt von 1965, seiner frühen Zeit, und ist noch dicht mit dunklen Zeichen übersät. Mit jedem Jahr verwendete Opalka weniger Pigment, ließ die Zahlen verblassen – bis er 2011 starb. Sein Werk ist von einer Konsequenz, die frösteln lässt. Zugleich fasziniert es, weil Opalka der Zeitlichkeit der Existenz einen sichtbaren Rahmen gibt. Dieser Einbettung verdankt die überschaubare und dennoch ungeheuer profunde Ausstellung den Titel Continuum: angelehnt an die gleichnamige Ewigperformance von Jaroslaw Kozlowski, der in wilden Schwüngen pausenlos auf eine Tafel malen will – und es nicht schafft, weil die Kreide in seiner Hand den Kraftakt nicht aushält und ständig in kleine Stücke bricht.

Schneiden, reißen, kleben, vernähen, schreiben

Kozlowski ist noch mit einer zweiten Arbeit vertreten: „Library of Time“ von 2007 versammelt vier Wecker, die komplett mit schwarzer Farbe überzogen sind. Die Zeit, vor allem aber ihre Taktung, wird gelöscht. An ihre Stelle tritt die Relativität der Dinge, die jeder der hier versammelten Künstler für sich definiert. So schrieb On Kawara Telegramme an die Schwestern Barbara und Gabriele Schmidt Heins, in denen er ihnen – und damit nicht zuletzt sich selbst – versichert, dass er noch da sei. Tage, Wochen, Jahre werden mit Lebenszeit gemessen.

Die beiden Künstlerinnen, die Wiederentdeckung der Galerie, beschäftigten sich in den siebziger Jahren mit derselben Frage. Ihre konzeptuellen Gedanken konzentrierten sich in zahllosen Notizbüchern, die sämtliche Varianten der Arbeit auf und mit Papier versammeln: schneiden, reißen, kleben, vernähen, schreiben. Am Ende entstand eine imposante Bibliothek, die 1982 auf der Documenta in Kassel gezeigt wurde. Bei Zak Branicka sind andere, nicht minder beeindruckende Arbeiten zu sehen. „Orientierung im Raum“ von 1972 zeigt zwei in unterschiedliche Richtungen gebundene Bücher, auf denen „Links“ und „Rechts“ steht. Wer genau davorsteht, findet sich eine kleine Unendlichkeit im Dazwischen wieder.

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