Schicksal von Hans-Jochen von Arnim : Frieden gefunden 70 Jahre später

Hans-Jochen von Arnim war russischer Kriegsgefangener in verschiedenen Lagern und starb 1950 im Zuchthaus Waldheim – vermeintlich anonym. Erst jetzt fand seine Enkelin seine Urne.

Gabriele von Arnim
Hans-Jochen von Arnim starb 1950 im damaligen Zuchthaus Waldheim, das noch heute nahe Chemnitz betrieben wird. 
Hans-Jochen von Arnim starb 1950 im damaligen Zuchthaus Waldheim, das noch heute nahe Chemnitz betrieben wird. Foto: picture alliance/dpa

Das Interesse an meinem verstorbenen Großvater Hans-Jochen von Arnim begann, als ich Kind war. Für mich war er eine faszinierende Person, erfolgreicher Landwirt, Unternehmer und Kunstliebhaber, aber auch jemand, der die neuesten technischen Erfindungen seiner Zeit kaufte. Viel gereist, belesen und witzig. 

In Kinderaugen natürlich jemand, den man unbedingt kennenlernen will. Das ging nicht, denn mein Großvater, geboren 1884 in Neuensund, starb 1950 im damaligen Zuchthaus Waldheim, das noch heute nahe Chemnitz betrieben wird. Lange bevor ich auf die Welt kam.

Am 13. Mai 1945 wurde mein Großvater wie viele andere Männer seines Heimatdorfes Mürow von den kurz vorher einmarschierten Russen gefangen genommen. Seine Familie war Tage zuvor in den Westen geflüchtet, mein Großvater wollte seinen Besitz nicht im Stich lassen und blieb. Zunächst wurden die Gefangenen in der nächsten Kreisstadt in einem überfüllten Kellerraum zusammengepfercht. 

Dann folgte der Marsch nach Neubrandenburg in das Speziallager Fünfeichen. Die sowjetische Besatzungsmacht hatte die Straf- und Konzentrationslager der Nationalsozialisten in sowjetische Straflager umfunktioniert. 

Keine Verurteilung, keine Verabschiedung

Die menschenunwürdige Unterbringung entsprach der, die auch die Gefangenen der Nazis erdulden mussten: kalt, dreckig, von Ungeziefer durchsetzt. Dazu Hunger, Strafen und Demütigungen, Krankheit und Tod. Es gab keine Verurteilung, keine Verabschiedung und keine Chance, irgendetwas mitzunehmen.

Oft stellte ich mir sein hoffnungsloses Dasein in Haft vor und dass er noch fünf Jahre lebte, ohne dass seine Familie ihn sehen konnte. Mein Vater versuchte mir die Situation nach Kriegsende nahezubringen: die Familie im Westen, Kontaktverbot zu den Häftlingen, die Kommunikationswege lang und umständlich. 

Das heißt, selbst wenn Informationen vorhanden waren, dauerte die Übermittlung Wochen oder Monate. Heute weiß man, dass diese Speziallager zu Recht „Schweigelager“ genannt wurden. Einmal fragte ich als Kind meinen Vater: Warum habt ihr euch nicht wenigstens vor das Fenster seiner Zelle gestellt und gewinkt? 

Selten habe ich meinen Vater so traurig gesehen: „Das war alles nicht so einfach damals, er war unerreichbar für uns.“ Natürlich hatte ich in dem Alter keinerlei Vorstellung davon, was „Speziallager“ und ein „Dahinsiechen“ in Baracken bedeutete.

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Mein Großvater und seine Bekannten aus dem Heimatdorf unterstützten sich noch während der ersten Haftzeit in Verbundenheit gegenseitig. So erzählte ein Mitgefangener uns später: „Dein Großvater hat uns dazu animiert, Behelfskleidung aus alten Zuckersäcken zu fertigen. Als Nadeln haben wir Drahtstücke benutzt. 

Mit gemeinsamem Singen, Beten und vor allem durch das Erzählen von Geschichten hat er versucht, uns zu trösten. Dabei war das streng verboten!“ Er war als Barackenältester für seine Mitgefangenen verantwortlich. Das hieß aber auch, von den teils grausamen sowjetischen Aufsichten zur Verantwortung gezogen zu werden, wenn es Streitereien gab. 

Er konnte zum Beispiel nicht verhindern, dass einige Inhaftierte Holz aus den Barackenwänden lösten, um mit kleinen Feuern die unerträgliche Kälte und Feuchtigkeit zu lindern. Die Folge: eine Woche Haft in der „Stehzelle“ und Kürzung der Essensration. Besonders schlimm für ihn, da er inzwischen an Tuberkulose erkrankt war.

Transport ins ehemalige KZ Buchenwald

Im Sommer 1948 entließen die Sowjets die ersten Gefangenen aus Fünfeichen, wobei keinerlei Begründung oder Urteil abgegeben wurde, nach welchen Kriterien diese Auswahl stattfand. Mein Großvater wurde nicht begnadigt und musste sich von seinen Freunden verabschieden. Erwachsene Männer, die beim Abschied weinten, wohl wissend, dass sie sich nie wiedersehen würden. 

Am 4. September 1948 wurde er dann aus Fünfeichen in das ehemalige KZ Buchenwald abtransportiert. Mit auf dem Transport ein 18-jähriger Schüler aus seinem Dorf, der weder in der Hitlerjugend gewesen war noch in der Partei, sondern aus reiner Willkür verhaftet und seit Frühjahr ’45 in Gefangenschaft gehalten.

Ein Augenzeuge berichtete, mein Großvater sei der „Engel von Buchenwald“ genannt worden, immer bereit, anderen zu helfen und sie moralisch zu stützen, auch wenn es große Gefahr für ihn selbst bedeutete.

In Buchenwald verschlimmerte sich sein Gesundheitszustand drastisch. Trotzdem wurde mein Großvater zusammen mit vielen anderen Unschuldigen im Februar 1950 in eisiger Kälte nochmals abtransportiert – diesmal in das Zuchthaus Waldheim, das bereits der Justizverwaltung der DDR unterstand. 

Im April 1950 begannen die Waldheimer Schauprozesse. Im 20-Minuten-Takt wurden über 3400 Inhaftierte – egal ob schuldig oder nicht – verurteilt, einige zum Tod.

Tod in Isolation – vermeintlich anonym

Die „Richter“ und „Staatsanwälte“ hatten oft keinerlei ordnungsmäßige juristische Vorbildung und manche kurz zuvor in ganz anderen Berufen gearbeitet. Eine Verteidigung für die Gefangenen gab es nicht. 

Da mein Großvater wegen der offenen Lungen-TBC von dem behandelnden, ebenfalls inhaftierten Arzt als nicht vernehmungsfähig erklärt wurde, blieb ihm diese weitere grausame und rechtlose Tortur erspart. So viele kranke Mitgefangene mussten das – manche auf Bahren liegend – erdulden.

Am 14. Juli um 2.15 Uhr starb mein Großvater, allein, von Familie und Freunden isoliert. Aus dem großen, lebensfrohen Familienvater und Unternehmer war am Ende ein gebeugter, todkranker Mann mit einem langen, weißen Bart geworden. Das Verantwortungsbewusstsein für seine Mitmenschen hat er auch unter den schrecklichen Haftbedingungen nie abgelegt. 

Seiner Familie wurde nur ein Totenschein zugestellt. Nach der Wende erhielten wir Dokumente vom Bundesarchiv, die ergaben, dass sein Leichnam anonym verbrannt wurde. Mein Vater hat bis zu seinem eigenen Tod geglaubt, es gäbe keinerlei Überreste von seinem Vater.

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Und ich kann ihm nun nicht mehr erzählen, was tatsächlich passiert ist: 2018 habe ich durch Nachforschungen einen Mann ausfindig gemacht, der zur selben Zeit in Waldheim inhaftiert war wie mein Großvater.

Durch ihn bin ich auf bedeutende Dokumente gestoßen, die belegen: Mein Großvater ist nicht, wie von den Leitern des Zuchthauses Waldheim gewollt, in Anonymität versunken: Ein Mitarbeiter in Waldheim hatte den Mut, den Urnen der Verstorbenen Nummern zu geben und diese mit den dazugehörenden Namen in einer separaten Liste festzuhalten. Diese Urnen, die man auf dem Dachboden des Krematoriums gefunden hat, wurden später bestattet.

Ich bin diesem Mann so dankbar, er hat erreicht, dass die Unschuldigen eben nicht totgeschwiegen wurden. Vor 70 Jahren starb mein Großvater 66-jährig, fast genau fünf Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges und nach fünf Jahren rechtlosen Leids. 

Es ist so schön, heute auf seine Grabstätte zu schauen. Er hat also doch einen letzten Ruheplatz gefunden. Und wir haben ihn gefunden. Endlich. Das befreit auch mich von einem Stück Trauer, das mich ständig begleitet hat. Endlich kann ich ihm sagen, dass er all die Jahre nicht allein war.
Die Autorin (geb. 1968) arbeitet als freie Journalistin in Bonn und hat einen eigenen Blog unter https://artfacial.blog/

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