Schlagerparodie im Tipi am Kanzerlamt : Immer wieder samstags

Schlagergrusel, Fernsehflitter: Die Pfisters holen im Berliner Tipi das Beste aus Cindy & Bert heraus.

Böse Menschen haben keine Lieder. Ursli und Toni Pfister als rothaarige Cindy und Vokuhila-Bert.
Böse Menschen haben keine Lieder. Ursli und Toni Pfister als rothaarige Cindy und Vokuhila-Bert.Foto: Fokke Hoekman/Tipi am Kanzleramt

Cindy Berger steht draußen und raucht noch eine. Ein bisschen klamm mag es sich schon anfühlen, als Schlagerstar der Siebziger der eigenen Verballhornung beizuwohnen. Doch ein Fossil der prä-ironischen Hitparaden-Ära ist gut beraten, den Schabernack der Kinder mitzumachen. Am souveränsten hat das Kollegin Mary Roos in einer gemeinsam mit Kabarettist Wolfgang Trepper aufgeführten Schlagerhasser-trifft-Schlagerstar-Show vorgeführt.

Im Tipi am Kanzleramt spendet das Babyboomer-Publikum der überlebenden Hälfte des Duos Cindy & Bert prompt rauschenden Applaus. Am Ende der bejubelten Premiere von „So, als ob du schwebtest“, als Christoph Marti und Tobias Bonn – oder besser Ursli und Toni Pfister –, der 1948 geborenen Sängerin artig für die Unterstützung danken. Und tatsächlich steht die stets das rote Haar schwenkende Cindy dem Ursli viel besser als vor ein paar Jahren die Mireille mit dem Betonpagenkopf.

Die Geschwister Pfister sind – mal mit Andreja Schneider und mal ohne – seit etlichen Jahren als komödiantische Nachlassverwalter des deutschen Fernsehmuffs von Kulenkampff bis Heck unterwegs. Furchtlos fleddern sie Operettenmelodien, Heurigenlieder und Schlager.

In „Servus Peter, oh là là Mireille“ verulkten sie Peter Alexander und Mireille Mathieu, deren Manierismen in der Gestalt von Ursli Pfister furchterregend wächsern gerieten. Und in der gaga Toskana-Show waren auch schon „Spaniens Gitarren“ und „Wenn die Rosen erblühen in Malaga“ von Cindy & Bert dabei.

Dem Duo und seinen vom Schlagzeuger stoisch auf eins durchgetrommelten Stampfschlagern widmen sie nun das von ihnen unerreicht perfektionierte große Kleinkunstbesteck. Die siebenköpfige Jo-Roloff-Band macht den ganzen Abend über richtig Dampf. Danny Costello hat sich für den Botho-Lucas-Chor, äh, die tanzenden Jo-Roloff-Singers großartige, immer dynamischer geratende Choreografien ausgedacht, die das selige ZDF-Fernsehballett nachahmen und in ihrer naiven Gestik, dem festgetackerten Grinsen und den pseudolasziven Hüftschwüngen zugleich parodieren.

Unfassbar, wie viele Schrottnummern Cindy & Bert hatten

Zu recht erntet die Truppe, die die Kostümwechsel von Cindy & Bert mit Werbesongs für Zigarillos und „Nuts hat’s“ überbrückt, immer wieder Beifall. Der gebührt auch dem silberweißen Bühnenbild von Stephan Prattes, das die unverzichtbare geschwungene Showtreppe durch Glitzerkreise über den Köpfen des Publikums verlängert. Von den Schlaghosenanzügen, Halstüchern und Flatterfummeln gar nicht zu reden, die Kostümbildnerin Heike Seidler der Zeit abgeschaut hat.

Was die Verpackung und die gesanglichen wie instrumentalen Qualitäten von „So, als ob du schwebtest“ angeht, gibt es also nichts zu meckern. Immer wieder verblüffend auch, wie gut die Pfisters den Bühnenhabitus ihrer „Opfer" erfassen. Nur wird in satten zweieinhalb Showstunden grausam klar, wie viel Schrottnummern Cindy & Bert unters Volk gebracht haben.

[Tipi am Kanzleramt, bis 5.1.2020, Di-Sa 20 Uhr, So 19 Uhr]

Löbliche Ausnahmen sind der Gassenhauer „Immer wieder sonntags“ und vor allem die an Marianne Rosenbergs Diskoschlager anknüpfenden Hits „Hallo, Herr Nachbar“ und „Geh die Straße“, die die Band pompös-funky untermalt. Textungeheuer wie „Annemarie aus Witten“, „Rosen aus Rhodos“ und ähnlicher Mist lassen die Ohren jedoch vor Langeweile bluten. Da hat die Peter- und Mireille-Show deutlich mehr Facetten zum Verhohnepipeln geboten und eine größere musikalische Fallhöhe geschaffen.

Gut, dass wenigstens der „Gastauftritt“ von Heino und Margot Hellwig im krachledernen Volksmusik-Medley der zu sehr ins nostalgische Fahrwasser mit Mitklatschappeal gleitenden Show schärfere satirische Spitzen aufsetzt.

Ansonsten beschränkt sich die Entlarvung des restaurativen bundesrepublikanischen Fernsehmiefs auf die kein Frauen- und Ausländerklischee auslassenden Schlagertexte. Auf Cindys von Ursli ausgestellter „fraulicher“ Passivität und auf Berts an Toni Pfisters Peter-Alexander-Rolle geschulter Jovialität. Als er Tänzerin Doris vorstellt und ihre Drehung süffisant mit „Sie ist so vielseitig!“ kommentiert, fühlt man sich schaudernd an Peter Frankenfeld erinnert. Igitt, was waren die TV-Onkels damals ölig.

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