Kultur : Schlumpfhausen auf Ecstasy

Aus dem Tagebuch eines Arbeitslosen: Samuel Finzi tobt als „Der Selbstmörder“ durch die Volksbühne

Andreas Schäfer

Vor einigen Jahren wurde das kaum gespielte Stück „Der Selbstmörder“ des russischen Autors Nikolaj Erdmann (1902– 1970) schon einmal aufgeführt, im Frankfurter Theater am Turm, unter der Regie von Tom Kühnel. Die Groteske um einen Arbeitslosen stammt aus dem Jahr 1930 und hatte in der frühen Sowjetunion so viele wunde Punkte getroffen, dass ihr Autor verhaftet und die Uraufführung unter Meyerhold verboten worden war.

Also: Mangels anderer Beschäftigung konzentriert sich Semjon auf die Tyrannisierung von Frau und Schwiegermutter. Ein Streit gebiert das Missverständnis, er wolle sich umbringen, und ehe man papp sagen kann, hat die Neuigkeit die Runde gemacht. Intellektuelle, Fleischer, Priester, eifersüchtige Frauen stehen vor seiner Tür, wollen den geplanten Selbstmord für ihre Zwecke nutzen und halten ihm Abschiedsbriefe unter die Nase, die Semjon, berauscht von der plötzlichen Aufmerksamkeit, auch unterschreibt.

Wie die Geschichte ausgeht, liegt auf der Hand. Semjon entdeckt die Lebenslust wieder, und die Masse der Schmarotzer, also die verlogene Gesellschaft, schaut in die Röhre. Das Stück ist gut geschrieben, mit geschliffenen Dialogen und wohlgesetzten Slapstick-Elementen, benötigt aber, um seinen bösen Witz zu entfalten, einen starken Kontext – und der war vor einigen Jahren in Frankfurt vorhanden: Kühnel wählte den Text als Abschiedsinszenierung, bevor das Theater am Turm schließen musste. Als die Schauspieler in schwarzen Anzügen an Semjons Grab standen, wurde also auch das totgesparte Theater betrauert, das – anders als der vermeintliche Selbstmörder – allerdings nicht wieder aufstand.

In Dimiter Gotscheffs Volksbühnen-Inszenierung ist die Bühne erst einmal leer, wie meistens, wenn Katrin Brack für sie zuständig ist. Wie Comicfiguren oder batteriebetriebene Puppen rasen die Schauspieler zur Begrüßung einzeln von rechts nach links: Katrin Angerer auf den obligatorischen Pumps als Semjons Frau. Herbert Fritsch im rosa Nachthemd als Semjons Schwiegermutter. Wolfram Koch im Zuhältermantel über weißer Unterhose als Semjons korrupter Nachbar.

Noch bevor ein Wort gefallen ist, hat Gotscheff bereits gezeigt, in was für einer Welt er den „Selbstmörder“ ansiedelt: Schlumpfhausen auf Ecstasy. Man sieht den Regisseur förmlich die Hände reiben ob des hysterisierten Knallchargenglücks, das die folgenden drei Stunden ohne Unterbrechung über die Bretter knattern wird. Und der Kontext? Auch diese Frage wird schnell beantwortet. Nach wenigen Minuten gleiten 28 Schaukeln an immer länger werdenden Strippen von der Decke, die flugs von Jungen und Mädchen des P14-Ensembles in Bewegung gesetzt werden, im Laufe des Abends immer wieder hoch- und runtergelassen werden und beweisen, dass die Geschichte im kindlich-luftigen, also kontextlosen Raum spielt.

Natürlich gibt es in Berlin viele Arbeitslose, die mit mangelndem Selbstwertgefühl zu kämpfen haben. Aber das ist schon der einzige, vage aktuelle Bezug. Gotscheff interessiert an dem Stück (außer Spaßhaben) nur eins: die Hauptrolle. Und die wird von Samuel Finzi gespielt, der – nachdem die Jugendmeute abzogen ist – mit einer Komponistenperücke geschmückt, auf Zehenspitzen durch die schwankenden Schaukeln trippelt, als sehe er den Wald vor lauter Bäumen nicht. Gotscheffs Liebe zu Finzi muss so groß sein, dass er ihm einen ganzen Abend zu Füßen legt.

Verständlicherweise. Denn die Rolle ist Finzi wie auf den Leib geschrieben. Semjon ist ein Westentaschentyrann, ein komplexbeladenes Würstchen, das sich, sobald man ihm schmeichelt, monströs aufbläst und für den Herrscher der Welt hält. Nichts liegt dem Aufbrausakrobaten Finzi mehr als das Drama des Zukurzgekommenen: das höllische Selbstmitleid der beleidigten Leberwurst; die gönnerhafte Großspurigkeit, sobald die Illusion von Oberwasser einen Moment lang trägt; das zum lächerlichen Kieksen neigende Schreien angemaßter Autorität und die explodierende Rumpelstilzchenwut, sobald diese Autorität nicht anerkannt wird – zum Beispiel von seiner Frau, die Katrin Angerer akkurat pendelnd zwischen verständnisvoll liebend und zickig abweisend gibt. Samuel Finzi setzt sich in diese Rolle wie in eine riesige Wasserrutsche und jagt mit halsbrecherischem Spaß und ewig aufgerissenen Wunderaugen die Serpentinen runter.

Auch Herbert Fritsch als superhysterische Schwiegermutter, die sich auf der Suche nach einer humorvollen Anekdote fast in die Hose macht, und Wolfram Koch, der seinem Schießbudenbesitzer einen anarchischen Hauch von Dschingis Kahn verleiht, sind – wie das gesamte Ensemble – eine präzise choreografierte Augenweide. Doch ohne Finzi läuft die Spaßmaschine leer, und von der untergründigen, auch quälenden Kraft von Gotscheffs „Iwanow“-Inszenierung ist nur selten etwas zu spüren. Der Abend schließt eher an die Inszenierung von „Volpone“ im DT an, bei der Finzi schon einmal im clownesken Mittelpunkt stand.

Der Höhepunkt kommt nach der Pause. Semjon hat sich vom Gesellschaftsgeschmeiß kaufen lassen und muss sich nun wirklich umbringen. Eine halbe Stunde bleibt ihm, die er für eine Abschiedsrede nutzen will. Finzi steht auf leerer Bühne und steigert sich in eine große Freiheitsfantasie hinein (denn er muss ja eh sterben!), während Todesfurcht ihm den Schweiß auf die Stirn treibt. Als Beweis seiner Angstfreiheit zieht er die Unterhose aus und versucht, mit dem zusammengeknüllten Stoff als Telefon den Kreml anzurufen. Der traurigste, lächerlichste Mensch der Welt. Als niemand abhebt, wendet er sich wütend um und zuckt vor der eigenen Größe (in Gestalt des Wandschattens) zurück – ähnlich wie Chaplin in „Der große Diktator“. Von dessen berührend ursprünglichem Spiel trennt Samuel Finzi nicht mehr viel.

Wieder am 10., 17., 27. März sowie 15. und 19. April

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