Schöneberger Beletage : Wenn Wände sprechen können

Fotos aus der Beletage: Das Atelier Kirchner zeigt 110 Jahre Leben in einem Schöneberger Mietshaus.

Das Wohnzimmer der Grunewaldstraße 15.
Das Wohnzimmer der Grunewaldstraße 15.Foto: Hans-Ulrich Sanner, privat

Selbst nackte Wände bergen Geheimnisse. Die Tapete liegt in Fetzen unten. Da wird im Putz ein Rechteck aus Linien sichtbar. Da wo jetzt Steine den Weg in die Nachbarwohnung verbauen, lud einst eine Tür zum Durchschreiten ein.

Hans-Ulrich Sanner – in sehr berlinischer Personalunion Ethnologe, Hausverwalter und Ausstellungsmacher zugleich – hat das Überbleibsel bei der Sanierung der Wohnung 2015 fotografiert.

125 Quadratmeter Schöneberg

Die Tür führte einst in das mit Trophäen geschmückte Jagdzimmer von Eugen Marzillier, das auf einem alten Familienfoto zu sehen ist. Der Erbauer des Doppelhauses Grunewaldstraße 14/15 ist ein Nachfahre der Hugenotten, der aus Frankreich eingewanderten Glaubensflüchtlinge. Er ist nicht nur Spediteur, sondern auch Jäger.

Und so zwackt er von der linken Vorderhauswohnung ein Zimmer ab und schlägt es den von ihm, seiner Frau und einem Dienstmädchen bewohnten Räumen zu. Sie liegen, wie sich das für einen Gründerzeitpatron gehört, in der Beletage, dem ersten Stock.

125 Quadratmeter Schöneberg, das ist verglichen mit Wilmersdorfer oder Charlottenburger Beletagen bescheiden. Doch die drei Kinder der Marzilliers sind beim Einzug 1910 schon aus dem Haus. Das elektrische Ruftableau für das Dienstmädchen, das bis 2014 mehr als 100 Jahre ungerührt von den Zeitläuften in besagter Wohnung überdauerte, weist Schlafzimmer, Wohnzimmer, Herrenzimmer, Speisezimmer und Entree auf.

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Ein wenig erinnert das an die Rufsysteme englischer Herrenhäuser, wenn man so ein Relikt der Klassengesellschaft in der Ausstellung „Beletage: Eine Schöneberger Wohnungsgeschichte 1910–2020“ erblickt, die Hans-Ulrich Sanner und der Fotograf André Kirchner in dessen Atelier veranstalten – im Collagestil von Fotoalben, die Familienbilder aus dem Besitz der Erbengemeinschaft mit neuen Fotografien und einigen erläuternden Texten über die Wohnsituation im Haus kombiniert, in denen sich von der Wirtschaftskrise der 20er über Nationalsozialismus, Krieg, Mauer-Zeit und dem Strukturwandel der Gegenwart Stadtgeschichte spiegelt.

Verkäuferin Waltraud (hier im Jahr 1949) lebte 80 Jahre lang in dem Haus.
Verkäuferin Waltraud (hier im Jahr 1949) lebte 80 Jahre lang in dem Haus.Foto: Privatarchiv Sanner, Berlin

Dass heute Kirchner, dessen Stadtrand-Fotografien aus den 90ern vergangenes Jahr in der Berlinischen Galerie zu sehen waren, eine Galerie und ein Bilderrahmenladen samt Werkstatt auf dem aus 50 Wohnungen, drei Höfen und einem Lagerhaus bestehenden Anwesen siedeln, hätte dem Gründer gewiss gefallen.

Der auf einem Foto von 1909 stolz mit Silberkette posierende Eugen Marzillier war Kunstspediteur und arbeitete mit der Neuen Berliner Secession, dem Verein Berliner Künstlerinnen und Herwarth Waldens „Sturm“ zusammen. Seine Kunstpacker und Fuhrleute wohnen mit ihren Familien bei ihm im Hinterhaus. In mit Innentoilette und Balkon ausgestatteten hellen Zweizimmerwohnungen. Und einem Gemeinschaftsbaderaum für Hinterhausmieter, der dort lag, wo heute der Fotograf seine Bilder entwickelt.

Dass Hans-Ulrich Sanner, der die Hausgeschichte als Teil einer Studie über die Sozialgeschichte des Grundstücks seit 1780 recherchiert, über historisches Bildmaterial verfügt, liegt schlicht daran, dass das Haus in Familienbesitz blieb. Im Gegensatz zu anderen im Akazienkiez und in ganz Berlin, die inzwischen Investoren gehören.

Waltrauds Fotosammlung ist die Basis der Ausstellung

„Jedes Haus, das an einen Investor verkauft wird, verliert seine Geschichte“, sagt Miteigentümer und Bewohner Sanner, der die einst an den Museen Dahlem ausgeübte Ethnologie vor Jahren gegen den Verwalterposten eingetauscht hat. Als Beitrag zur Familientradition und zur Stadtentwicklung zugleich.

Seine Ende der 60er verstorbene Großtante Lotte, die das Haus als Witwe von Eugen Marzilliers Sohn Ernst durch die schweren Kriegs- und Nachkriegsjahre brachte, lächelt von einem sepiafarbenen Foto. „Geschichte manifestiert sich in Biografien“, weiß Sanner. Und in den Räumen, die 80 Jahre lang vom selben Menschen bewohnt werden.

Von Verkäuferin Waltraud nämlich, die ebenso wie ihre Jugendfreundin, die Soubrette Evamaria, bis 2014 in der Grunewaldstraße 15 wohnt; die „Grandes Dames“ des Vorderhauses. Ohne Waltrauds Fotosammlung und ihre Erzählungen, auch über Kriegs- und Nachkriegsschrecken, hätte es keine Ausstellung gegeben, sagt Sanner.

Die neue Mieterin betreibt im Erdgeschoss einen Laden

Im Gegenzug zur nachbarschaftlich gelebten Oral History half er Greisin Waltraud, die schon seit den Kindertagen in der Marzillier’schen Beletage nur „Trulla“ gerufen wurde, nach manchem Sturz wieder auf die Beine, bevor sie mit 90 Jahren starb.

Das schwere Mobiliar ihrer wie aus der Zeit gefallenen Einrichtung hat er samt Lieblingssessel am Erkerfenster vor der Sanierung dokumentiert. Und André Kirchner ergänzt die übereinander gehängte Vorher-nachher-Reihung der Räume mit Fotografien des Ist-Zustandes. Die neue Mieterin betreibt im Erdgeschoss einen Laden.

Auch Marzilliers Erben pflegen die Berliner Mischung aus Wohnen und Gewerbe. „Ein Haus ist ein Organismus mit Alterungs- und Verjüngungsphasen“, philosophiert Hans-Ulrich Sanner mit Blick auf seine Langzeitmieter. Sterben die alten Damen, die in den Familienwohnungen überdauert haben, bringen Familien neues Leben in die vier Wände. Und stellen ihren Esstisch womöglich genau dahin, wo schon der von Waltraud oder Eugen gestanden hat.
Atelier Kirchner, Grunewaldstr. 15, (1. Hof, Parterre links), bis 25. Juli, Mi/Fr/Sa 16-18 Uhr, Do 18–20 Uhr

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