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"Schoßgebete" : Die Trauma-Queen Charlotte Roche

Alles ganz schön kaputt. Aber welche Pranke des Schicksals in dieses Leben hineingelangt hat, erfährt man wenig später. Die Erzählzeit ist in drei, mit Dienstag, Mittwoch und Donnerstag überschriebene Tage und Teile gegliedert. Die erzählte Zeit geht zurück bis zu jenem tödlichen Autounfall, der Elizabeth um ihre drei Brüder brachte, die zusammen mit der Mutter auf dem Weg zu ihrer Hochzeit in London waren: mit einem Mann, dem Vater ihres Kindes, mit dem es nach der Katastrophe nicht mehr ging und an dessen Stelle Georg trat. Auch Charlotte Roche hat ihre drei Brüder verloren, als diese auf dem Weg zu ihrer Hochzeit waren.

Der Roman arbeitet mit Splatter- und Gore-Effekten, um Elizabeths eingebildete Schuld und den Schrecken wegzulachen. Anders als so mancher Horrortrash sind die „Schoßgebete“ aber von einer geradezu pathetischen Moralität getragen, zumal sich sofort nach dem Unfall Boulevardmedien auf die Braut und ihre Geschichte stürzten. Deshalb ist dieses Buch auch nicht pornografisch, es ist nur hochgradig obszön.

Es ist das brutale Korrektiv zu den glatt polierten Oberflächen von Hardcore-Pornos, deren Reize Elizabeth und Georg durchaus zu schätzen wissen. Vor allem aber sucht es damit den Kontrast zu den „Blutgafferpornografen“, die mit dem Leid anderer die wahren „Emotionspornos“ herstellen, Pornografen eines einschlägig bekannten Drecksblattes namens „Druck“, mit dessen Pendant in der Wirklichkeit Roche sich auch vor Gericht stritt.

Die bis zur Ekelgrenze detaillierte, durch die bis zur Leugnung der Symptome peinliche Berührtheit der Erkrankten aber wiederum hochkomische Beschreibung eines Fadenwurmbefalls, der Elizabeth, Liza, Vater und Stiefvater ereilt, legitimiert sich spätestens in dem Moment, in dem erzählt wird, wie die Mutter der Erzählerin mit verbrannten Füßen schwer verletzt im Krankenhaus liegt. Zur Verhinderung von Geschwulsten muss sie sich alle zwei Tage unter Vollnarkose mit einer groben Bürste über das bloße Fleisch streichen lassen.

Roches großes Thema ist die Verleugnung des Kreatürlichen. Dieses Verleugnete erobert die Erzählerin, sich selbst gnadenlos beobachtend, auf allen Gebieten zurück. So lugt hinter dem, was versaut erscheint, sofort wieder etwas Spießiges durch, hinter der Maßlosigkeit ein Ordnungswahn, und hinter dem Ordnungswahn ein namenloses Grauen.

Natürlich hat Charlotte Roche nicht die Sprache, mit der Jean Genet oder Josef Winkler über den Zusammenhang von Sex und Tod schreiben. Doch es gibt in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur keinen (heterosexuellen) Autor, der so anschaulich und letztlich liebevoll über Sex schreiben kann.

Die „Schoßgebete“ mögen nicht zur Gattung des Romans taugen, insofern sie die wahre Begebenheiten, aus denen sie entstanden sind, nur notdürftig fiktionalisieren. Aber es kommt nicht auf die Übereinstimmungen und Bruchstellen zwischen Wirklichem und Erfundenem an, sondern auf die Reflektiertheit im Umgang mit dem Stoff.

Roche tritt fortwährend mit schamlosen Bemerkungen in Distanz zur Unmittelbarkeit des Geschehens, was dem Ganzen eine unbedingt literarische Qualität verleiht. Die umgangssprachliche Lässigkeit ihrer Rollenprosa setzt sie dabei mit hoher Präzision ein. Schwächen liegen nur in den sich zum Ende hin häufenden Wiederholungen längst bekannter Details, die nicht aufs Konto von Elizabeths Obsessionen gehen, sondern auf dasjenige mangelnder erzählerischer Ökonomie. Nach diesem verflixten zweiten Buch muss Charlotte Roche niemandem mehr etwas beweisen – höchstens, ob sie, wenn sie denn weiterschreiben will, in der Lage ist, auch einen nichtautobiografischen Stoff zu bewältigen.

Charlotte Roche: Schoßgebete. Roman. Piper Verlag, München 2011. 283 Seiten, 16,99 €.

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