• Schriftsteller berichten aus aller Welt: Vom Siegeszug der Rechten in Polen bis zur Krise der BBC

Die Abschottung der brasilianischen Gesellschaft

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Schriftsteller berichten aus aller Welt : Vom Siegeszug der Rechten in Polen bis zur Krise der BBC
A.L. Kennedy Daniel Gera Jacek Dehnel
Licht, Luft, Lieblosigkeit. Ein Pflanzengrabmal in Porto Alegre.
Licht, Luft, Lieblosigkeit. Ein Pflanzengrabmal in Porto Alegre.Foto: Daniel Galera

Daniel Galera: Die Abschottung der brasilianischen Gesellschaft

Daniel Galera wurde 1979 in São Paulo geboren. Zuletzt erschien bei Suhrkamp der Roman „So enden wir“. Aus dem brasilianischen Portugiesisch von Lea Hübner.

Meine Frau und ich laufen jeden Tag an dieser Ecke in Porto Alegre vorbei, an der einige gut besuchte Imbisslokale angesiedelt sind. Der Platz auf dem Gehweg ist dort hart umkämpft. Menschen, Hunde, Kinderwagen, Kranke, die aus weit entfernten Städten zur Behandlung im Hospital de Clínicas hierherkommen.

Des Öfteren sieht man handgeschriebene Schilder, auf denen die Hundebesitzer angehalten werden, zu verhindern, dass ihre Lieblinge ihr Geschäft im Blumenbeet verrichten. Nun wurde vor ein paar Wochen der Gehweg saniert und dabei sind diese grotesken Gitter errichtet worden.

Anfangs dachten wir, es könnte sich um eine Kunst-Installation handeln, die die Abschottung Brasiliens und seine faschistische Stoßrichtung, der die Gewalt in den Städten zum Vorwand dient, kritisiert. Doch dann dämmerte uns, dass weder Sarkasmus noch ästhetische Ausführungen der Grund für diese Gitter waren. Zum Schutz der Blumen waren sie errichtet worden.

Wir beschwerten uns bei der Stadtverwaltung, aber es wird natürlich nichts passieren. Die Gitter werden bleiben, ganz als sei das etwaige Wasserlassen eines Dackels Rechtfertigung genug für einen solchen Käfig aus eng stehenden, schwarzen, spitzen, in ihrer Übertriebenheit geradezu obszönen Eisenstäben.

Die Gitterstäbe muten an wie ein Denkmal für die Barbarei, die in unserem Land um sich greift, in dem die Bevölkerung einer Regierung Beifall klatscht, die Waffenbesitz propagiert und die Hinrichtung verdächtiger Personen, während die, die das nötige Geld haben, versuchen, sich in mauerbewehrten Wohngebieten zu verschanzen.

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Bolsonaro flippt in Youtube-Video aus
Bolsonaro flippt in Youtube-Video aus

Die Gitterstäbe sind Sinnbild für eine anthropozentrische Sicht auf nichtmenschliche Wesen, für eine Weltanschauung, zu der die von uns selbst verursachte Zerstörung der Umwelt gehört, die uns irgendwann noch das Leben kosten wird. Wer die Gitter angebracht hat, erkennt nicht die Ironie dabei. Auch nicht den eigentlichen Gegenstand – nämlich die Blumen –, die kaum zwischen den Stäben auszumachen sind.

Die Eisengitter haben aber vor allem etwas von einem Grabmal. Und ich persönlich zöge es vor, sie nicht jeden Tag sehen zu müssen, wenn ich dort vorbeikomme, ich fände es schön, wenn sie verschwänden. Die Geisteshaltung, der sie entstammen, kann uns an die finstersten Orte führen.

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