Bisherige Verbesserungen sind für Precht nur Anbauten an ein marodes Gebäude

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Schulpolitik in Deutschland : Precht fordert Revolution des Bildungssystems

Um Bildung geht es auch Precht zunächst, um Charakter-, Lebens-, vielleicht gar Herzensbildung, um eine Allgemeinbildung, die vor der Fachausbildung kommt, darum, dass junge Menschen nach der Schule in der Lage sind, „sich in der Welt und mit sich selbst zurechtzufinden.“

Deshalb beginnt er sein in zwei große Kapitel unterteiltes Buch („Die Bildungskatastrophe“ und „Die Bildungsrevolution“) auch mit der Vorstellung der Bildungsideale eines Wilhelm von Humboldt, erwähnt dann noch die durchaus erfolgreichen Bildungsreformen der sechziger und siebziger Jahre und was daraus geworden ist (nichts mehr!), um schließlich mit dem gesamten gegenwärtigen System abzurechnen: mit dem dreigliedrigen Schulsystem, den überflüssigen Stoffmengen, der „Bulimie-Lernerei“ der Schüler (schnell Wissen anfuttern, es ausspeien und danach sofort vergessen), den fehlenden Vermittlungsfähigkeiten der Lehrer, dem Noten-Bewertungssystem, der 45-Minuten-Schulstundentaktung, den kasernenartigen Schulgebäuden (deren Baufälligkeit und Heruntergekommenheit vielerorts er gnädig ignoriert), der Lehrerausbildung, der zunehmenden Anzahl von Privatschulen, Pisa, G 8 etc.

Ja, dieses Buch ist in seinem ersten Teil eine Art Untergangsszenario – und Precht ist ein gewiefter Sachbuchautor, der zuspitzt, der polemisiert, der sich genau die Zahlen und die Reformpädagogen und Schul- und Bildungskritiker sucht und findet, die er für seine Katastrophenbeschreibung braucht. Die Verbesserungen, die es hie und da gegeben hat, von Angeboten wie „Lernen lernen“, Kreativ-AGs oder Projekt sind für Precht nur „neue kleine Anbauten an ein marodes Gebäude“, schließlich geht es ihm um ein ganz neues Gebäude, eine Revolution. Er schlägt „Projekte statt Fächer“ vor, die Abschaffung der Noten und des Sitzenbleibens, die Hervorhebung nicht-kognitiver Fähigkeiten wie Hilfsbereitschaft, Verlässlichkeit, Fairness und Teamgeist, die größere Berücksichtigung individueller Fähigkeiten, Ganztagsschulen, Lehrer aus dem Leben, Unterrichten in Lehrerteams und dergleichen mehr.

Richard David Precht
Richard David PrechtFoto: picture alliance / dpa

Viele dieser Vorschläge klingen plausibel, sind schon angedacht und vereinzelt umgesetzt worden. Manches davon ist tatsächlich utopisch bis absurd, wie etwa die Einführung eines 8. Schuljahrs, eines „Abenteuerprojektjahrs“, weil pubertierende Kinder eher weniger schul- und aufnahmefähig sind. Und der Schnellkurs, den Precht im Fach „Biologie des Lernens“ gibt, mutet gleichfalls oberflächlich an: schnell mal Aufbau und Funktion von Nervenzellen erklärt, ein bisschen Dopamin dazu – und fertig sind der „Flow“, „das andauernde lustvolle Bei-sich-selbst-Sein“, und Gemeinplätze wie „Nur durch das Vergessen erhält das Erinnerte seinen Wert.“

Bedenkenswert ist Richard David Prechts Buch dennoch. Auch die von ihm geforderte Radikalität, mit der unser gegenwärtiges Schulsystem umgebaut werden sollte, hat etwas Sympathisches. Von „verheerenden Botschaften“ spricht Hamburgs Bildungssenator Ties Rabe in seiner Antwort auf Precht übertrieben alarmistisch, von „Heilsversprechen für alle Bildungsprobleme“, die Precht aber gar nicht macht. Es muss nicht immer alles beim alten Schlechten bleiben. Man will die eigenen Kinder wirklich nicht „fit für den Weltmarkt“ machen. Und man will ihnen heutzutage auch nicht weismachen, „durch die Schule irgendwie durchzumüssen“. Bloß weil man selbst mal mehr, mal weniger unbeschadet durchgekommen ist.

Richard David Precht: „Anna, die Schule und der liebe Gott“. Goldmann Verlag, München 2013. 352 Seiten, 19, 99 €.

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