"Schwanensee" neu interpretiert : Mitten ins schwarze Herz

Verhext: Der Choreograph Martin Schläpfer zeigt mit dem Ballett am Rhein „Schwanensee“ als Familienaufstellung.

Ohne Tutu und Spitzenschuh. Die Schwanenmädchen sind bei Martin Schläpfer ganz irdische Geschöpfe.
Ohne Tutu und Spitzenschuh. Die Schwanenmädchen sind bei Martin Schläpfer ganz irdische Geschöpfe.Foto: Gert Weigelt

„Schwanensee“ ist der Inbegriff des romantischen Balletts. Dass das Ballettmärchen bis heute so zu faszinieren vermag, liegt vor allem an den weißen Akten mit den grazilen Schwanenmädchen. Bei Martin Schläpfer ist „Schwanensee“ aber kein Traum in Weiß. Seine mit Spannung erwartete Neuinterpretation des Klassikers für das Ballett am Rhein ist düster, dramatisch und ungemein packend.

Die überlieferten Bilder sind bei „Schwanensee“ übermächtig. Dem gefeierten Schweizer Choreografen gelingt es jedoch, sich davon zu befreien. Er zeigt einen Schwanensee ohne Tutus und Gefieder. Auch die Spitzenschuhe kommen nur spärlich zum Einsatz. Schläpfer deutet den Stoff psychologisch wie schon viele Choreografen vor ihm. Seine Familienaufstellung ist aber komplexer: Er beleuchtet nicht nur die gestörte Beziehung des Prinzen Siegfried zu seiner Mutter, die beileibe nicht böse ist, aber doch ganz in höfischer Etikette gefangen. Er bringt auch die Stiefmutter von Odette ins Spiel. Sie ist hier die dämonische Zauberin, Rotbart ist nur ihr Handlanger. Unter ihrem Bann stehen Odette und die anderen Schwanenmädchen. Schläpfer führt auch noch den Großvater Odettes als Beschützer ein. Doch gegen die Macht der Stiefmutter kann er wenig ausrichten.

Technisch sehr anspruchsvoll

Diese Personenkonstellation hat Schläpfer aus dem Originallibretto von 1877 abgeleitet. Doch er hat den Mut zu einer eigenen Deutung und Durchdringung des Stoffes. Er demonstriert, dass er eine Geschichte nur durch Bewegung erzählen kann. Auch wenn seine Choreografie technisch sehr anspruchsvoll ist, lässt er seine Tänzer nie reine Kunststückchen ausführen.

Fünf Schwäne kreuzen Siegfrieds Weg und ziehen ihn in eine andere Welt. Das Flattern der Arme wirkt wie ein fernes Echo. Doch Schläpfer hat nicht einfach Marius Petipas und Lew Iwanows legendäre St. Petersburger Choreografie aus dem Jahre 1895 variiert und überschrieben. Er findet seine eigenen Bewegungen und schöpft dabei aus seiner kontrastreichen Stilistik. Er verleiht ihnen zudem einen psychologischen Subtext.

Verzweifelt versuchen die Schwanenmädchen aufzubegehren

Die Schwäne setzt Schläpfer nie rein dekorativ ein. Er betont, dass es sich um unglückliche, geknechtete Mädchen handelt. Es ist anrührend, wenn ein einsames Mädchen zusammengekauert auf dem See hockt. Oder wenn die Tänzerinnen in gebeugter Haltung dastehen, unfähig zum Flug. Schläpfer lässt die Mädchen auch aufbegehren mit in die Höhe gerichteten Bewegungen. Doch dann schleift das schwarz gekleidete Gefolge der Stiefmutter sie wieder über die Bühne, zerrt und zieht und engt ihren Spielraum ein. Young Soon Hue leiht der Stiefmutter eine finstere Energie, ohne dass sie ihre Bewegungen verzerren muss.

Marcos Menha als Siegfried ist zunächst etwas blässlich, gewinnt dann aber an Kontur. Sein Prinz ist ein sanfter Rebell und Träumer. Immer wieder entzieht er sich den Berührungen der Mutter – später auch den Avancen der Prinzessinnen. Immer wieder zieht er sich in sich zurück und wirkt dabei verloren. Dieser Siegfried sehnt sich genauso nach Erlösung wie Odette.

Schläpfers Muse Marlúcia do Amaral ist fantastisch. Sie ist das einzige der Schwanenmädchen, das auf Spitze tanzt. Doch sie ist kein ätherisch-entrücktes Geschöpf, sondern eine verletzliche Frau, die sich immer wieder in die Arme ihres Großvaters flüchtet. Ihre anfängliche Scheu weicht der Hingabe. Es gibt rauschhafte Momente in den Pas de deux, doch Schläpfer macht deutlich, dass diese Liebe keine Erfüllung findet. Siegfrieds Verrat bricht Odette das Herz. Das letzte Duett von Odette und Siegfried ist in seiner Dramatik ungemein aufwühlend. Und wenn Siegfried die leblose Geliebte auf seinen Armen von der Bühne trägt, ist klar, dass er ihr in den Tod folgt. Ein letztes Mal zieht eine Gruppe von Schwänen vorbei.

Die Geschichte geht unter die Haut

Tschaikowskys Musik, die immer wieder stark verändert und umgestellt wurde, wird hier in der Originalversion gespielt. Auch das macht diesen Abend so beglückend. Die Düsseldorfer Symphoniker unter der Leitung von Axel Kober lassen die Partitur in allen Farben leuchten. Die ebenso virtuosen wie ausdrucksstarken Tänzer des Ballett am Rhein unterstreichen mit dieser Premiere erneut, dass sie eine der führenden Ballettcompagnien in Deutschland sind.

Martin Schläpfer zielt mit seiner Neudeutung von „Schwanensee“ ins schwarze Herz des Märchens. Die Geschichte eines Liebesverrats geht unter die Haut. Der Kampf der Guten gegen die Bösen hat bei ihm etwas Archetypisches. Ein großer Ballettabend.

Opernhaus Düsseldorf, bis 15. 7.

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