Science-Fiction von Sebastian Guhr : Träume machen den Kopf sauber

Einprägsam-surreale Bilder. Der dystopische Science-Fiction-Roman „Die Verbesserung unserer Träume“ von Sebastian Guhr.

Anja Kümmel
Der Autor Sebastian Guhr studierte Philosophie und Germanistik. Er lebt in Neukölln
Der Autor Sebastian Guhr studierte Philosophie und Germanistik. Er lebt in NeuköllnFoto: Privat / Luftschacht Verlag

Warum träumt ein Planet?“ fragt ein Kind. „Aus dem gleichen Grund wie wir“, erwidern die Erwachsenen. „Um in seinem Gedächtnis aufzuräumen.“ Aufgeräumt wird in Sebastian Guhrs Roman „Die Verbesserung unserer Träume“ gründlich: Die einst friedfertigen Bewohner des Planeten Rheit schlachten sich gegenseitig ab, während eine Wanderdüne die Wohntürme ihrer Stadt Oneiropole unter sich begräbt. So weit der erste Teil der Dystopie, die einst als Utopie begann. Zwanzig Lichtjahre von der Erde entfernt erschufen Siedler eine Stadt nach altgriechischem Vorbild, deren Zentrum die Agora, ein Ort des öffentlichen Austauschs, und das „Extensum“ bildeten, eine gigantische Bildungs- und Sportstätte, in der die Oneiropoliten ihrem Ideal der „Selbsterweiterung“ frönten.

Ob Zufall oder nicht, Guhrs vernunftgesteuerte und zugleich seltsam gedämpfte Wohlfühlgesellschaft erinnert stark an Leif Randts „Planet Magnon“. Gearbeitet wird fünf Stunden pro Tag, die Freizeit gilt der ganzheitlichen Optimierung von Körper und Geist. Ehepartner rotieren ebenso regelmäßig wie Arbeitsstellen, um „Fixierungen“ und „Fanatismus“ vorzubeugen. Alles liefe nach Plan – wären da nicht eben jene ungeheuer plastischen Träume, die immer öfter als lebendige Halluzinationen in die Tagwelt eingreifen.

Im zweiten Teil des Romans öffnen sich neue Welten

Spannung erzeugt vor allem das latent vibrierende Unbehagen der Oneiropoliten: die dunkle Ahnung, dass ihr Zuhause ein „toter Klumpen“ ist, auf dem sie ewig fremd bleiben werden. Bei diesem existenzialistischen Gedankenexperiment scheint eine weitere Outer-Space-Dystopie Pate gestanden zu haben: Mark von Schlegells „Venusia“. Was dort die „Morituri-Helme“ waren, sind hier sogenannte „Homunc-Brillen“, mittels derer sich die Bewohner in freundlichere Welten flüchten. Das packendes Thema von Guhrs Roman: Was sich eine Gesellschaft alles einfallen lässt, um ihre Mitglieder vor den Abgründen ihrer Psyche zu bewahren.

Schade nur, dass Sebastian Guhrs Figuren zu schablonenhaft sind, dass viele Analogien zum Hier und Jetzt allzu vertraut wirken – und sich erst im zweiten Teil des Romans neue Welten öffnen. Nach dem Zusammenbruch der Stadt landen die Oneiropoliten in einer unwirtlichen Wüste, die gänzlich ihren Wunsch- oder Angstfantasien entsprungen zu sein scheint. Richtig abgedreht wird es, als sie sich bei lebendigem Leib aufzulösen beginnen, nacheinander verschwinden und an Nicht-Orten neu zusammensetzen, an denen sich die Sprache dekonstruiert und mit ihr das, was sie bezeichnet. Hier schlägt sich das Philosophie-Studium des Autors verstörend und poetisch nieder, mit einprägsam-surrealen Bildern. Warum Guhr am Schluss zum vorhersehbaren Plot zurückkehrt, erscheint da eher unverständlich, das Happy End allzu abrupt. Gern hätte man sich noch ein paar Kapitel länger auf der Metaebene fremder Planeten verloren.

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Sebastian Guhr:  Die Verbesserung unserer Träume. Roman. Luftschacht Verlag. Wien 2017. 196 Seiten, 20 €

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