„Septembergewitter“ von Friedo Lampe : Welt als Wimmelbild

Schwebeprosa: Friedo Lampe erzählt in „Septembergewitter“ die Geschichte einer schicksalhaften Nacht.

Nachtgedanken. Friedo Lampes Roman „Septembergewitter“ folgt dem Geschehen nach Anbruch der Dunkelheit.
Nachtgedanken. Friedo Lampes Roman „Septembergewitter“ folgt dem Geschehen nach Anbruch der Dunkelheit.Foto: Frank Rumpenhorst/dpa

Am Anfang steigt ein Heißluftballon in die Luft und gleitet sanft durch „den stillen blauen Raum“. An Bord sind Herr Gyldenlöv und seine Tochter Tine, die mit einem Freund gewettet haben, dass sie über das Wiehengebirge hinweg bis nach Dänemark segeln werden. Bis Gyldenlöv durch sein Fernrohr schaut und sagt: „Da unten liegt eine Stadt am Fluss.“ Ihr Name wird nie genannt, aber es muss sich um Bremen handeln, die Stadt an der Weser, in der Friedo Lampe 1899 geboren wurde, über die er immer wieder erzählte, bis er 1945 in Berlin von sowjetischen Soldaten erschossen wurde.

„Septembergewitter“, ein federleicht schwebender Roman von 1937, gleicht einem Wimmelbild. Wie in einem Film stürzt die Erzählung aus der Vogelperspektive hinab in die Nahaufnahme, auf einen Friedhof, wo sich die Wege von zwei Dutzend Figuren kreuzen, denen die Geschichte bis in die Nacht hinein folgt. Im Bürgerpark ist eine Lehrerin ermordet worden. Ein Dichter, der „schöne Herbstgedichte“ veröffentlicht, spielt auf einer Kirchenorgel. Eine Kinderbande jagt einen Jungen, der seit Tagen Drachenschnüre durchschneidet. Von einem Exerzierplatz wehen Gewehrsalven herüber.

Lampes ähnlich kaleidoskopischer Debütroman „Am Rande der Nacht“ war im Oktober 1933 verboten worden, unter anderem wegen seiner offen homosexuellen Szenen. Vier Jahre später beherrschte Lampe, der als Lektor für Verlage wie Goverts, Diederichs und Rowohlt arbeitete, die Kunst des Zwischen-den-Zeilen-Schreibens. Als Zivilpolizisten am Ende den Mörder in einer Kneipe verhaften, sind die Angst und das Unheil zu spüren, die über dem Spätsommeridyll hängen. „Ja, ein Gewitter müsste losbrechen“, sagt ein Leutnant. „Blitze müssten flammen und die Häuser in Brand stecken, diese muffigen alten Häuser, ein Krieg müsste ausbrechen.“ Zwei Jahre später, am 1. September 1939, beginnt der Zweite Weltkrieg.

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Friedo Lampe: Septembergewitter. Roman. Mit einem Nachwort von Hendrik Werner. Milena, Wien 2018. 110 Seiten, 19,50 €.

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