Mütter sind häufig Teil des Missbrausszenarios

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Sexismus-Debatte : Blinde Flecken auf dem Spiegel
Priorität Kinderschutz. Die meisten Übergriffe gehen von bekannten Personen aus.
Priorität Kinderschutz. Die meisten Übergriffe gehen von bekannten Personen aus.Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Das zweite Tabu: Zur sexuellen Gewalt gehört nirgends ein Geschlecht allein, Täter sind nicht nur männliche Menschen. Sexuelle Gewalt wird möglich auch durch direkte oder indirekte Komplizenschaft von Frauen, und Frauen können auch Haupttäterinnen sein. Am portugiesischen Fall war eine vermögende Immobilienbesitzerin beteiligt. Auch Nonnen haben, etwa in den Niederlanden, Mädchen misshandelt und missbraucht. Frauen jedweder Herkunft sind beteiligt am Milliardengeschäft mit Videos und Fotos, die den Missbrauch von Kindern zeigen. Mütter und Großmütter in muslimischen Staaten betreiben aktiv die Genitalverstümmelung von Mädchen.

Als die Unabhängige Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs in der Bundesrepublik im Juni 2017 ihren ersten Zwischenbericht veröffentlichte, präsentierte sie einen bestürzenden Befund. Die Mütter, die Frauen im familiären Umfeld der Missbrauchten, sind Teil des Szenarios. „Mütter treten nach den Erkenntnissen der Kommission auch als Einzeltäterinnen auf“, heißt es, „aber vorwiegend als Mitwissende und damit als Unterstützende der Taten.“ Sie duldeten die Taten, da sie sich abhängig fühlen, selber Gewalt erfahren haben oder beides. Fast nie glauben Mütter betroffenen Kindern oder schützen sie. Bei der Kommission können sich alle melden, die zur Aufklärung beitragen und gehört werden wollen, Tausende haben das schon getan (Telefon: 0800 40 300 40).

Heranwachsende assoziieren Intimität mit Übergriffigkeit

Mütter, weibliche Verwandte, projizieren ihren Selbsthass durch erlittene Gewalt auf Töchter, auf Kinder. Sie nutzen sie als Blitzableiter und Sündenböcke. Was die Tochter abbekommt bleibt der Mutter erspart, und das Mädchen als „Rivalin“ kann zudem als schwach, schlecht, charakterlos verworfen werden. Neid missbrauchter Erwachsener kann mitmischen, wenn die Jüngeren Glück und Lust erleben, die die Älteren nie hatten. Nicht selten holen sich frustrierte Mütter den Sohn oder die Tochter als Kuschelkind ins Bett. Manche klammern am Kind wie an einem Teddy, der selber nicht lebendig sein und werden darf. Wo Töchter missbraucht werden, bekommen Söhne es mit. Wo Söhne missbraucht werden bekommen es Töchter mit.

Heranwachsende assoziieren Intimität mit Machtgefälle, Übergriffigkeit, Distanzarmut und Gewalt. Ihre Lektion lautet: Ein mächtiger Mensch darf einen ohnmächtigen Menschen physisch zu seiner Lust benutzen, als Mittel zum Zweck. Nichts anderes tun die Harvey Weinsteins dieser Welt. Wer solches Gefälle erfahren hat, für den wurde das Kontaminieren kindlicher und pubertärer Sinnlichkeit zur Norm. Bleibt der Prozess unbewusst, wird das später, in transgenerationeller Weitergabe der Traumata, wiederholt.

Missbrauch geschieht in Luxusinternaten genauso wie in Slums

Das dritte Tabu: Ursache sexualisierter Gewalt ist nicht nur das arme Milieu, die widrigen Umstände. Missbrauch geschieht in Luxusinternaten und Slums, bei Millionärsfamilien wie in Pfarrhaushalten und unter Arbeitslosen. Eine zentrale Voraussetzung für Sexualdelikte ist das destruktive Entknüpfen von Liebe und Eros auf der einen, Trieb und Sex auf der anderen Seite. Dieses Auseinanderzerren enthält viele Elemente, vor allem aber Desexualisierung und Hypersexualisierung. Traditionelles Machtgefälle zwischen den Geschlechtern gehört dazu, sittlich und religiös konstruierte Tabus, biedermeierlich-säkulares Leugnen von Lust und Sinnlichkeit, und, am anderen Ende des Spektrums, kommerzorientierte repressive Toleranz, sexistische Ikonografie in der Unterhaltungsindustrie und Produktsphäre. In jedem der Fälle wird die kreative Geschlechterspannung verdreht, pervertiert, entmenschlicht.

Unsere Gattung lernt ihr Unbewusstes gerade erst kennen, seit rund hundert Jahren – das ist wenig. Einiges wäre gewonnen, wenn sie den Spiegel, in dem sie sich anschaut, ein bisschen poliert.

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