Kultur : Shakespeare knallhart

„Romeo und Julia“ in Kreuzberg: Neco Celik inszeniert Feridun Zaimoglus türkisch-deutsches Liebesdrama im Hebbel am Ufer

Christine Wahl

„Noch’n Wort, und ich klopp’ dir die Scheiße aus’m Bauch“, lässt ein Angestellter aus dem Hause Capulet seinen Kumpel wissen. „Dein Arsch gehört mir, du Pisstopf“, muss er sich dafür später von einem Kollegen aus dem verfeindeten Clan der Montagues anhören.

Jawohl, es herrscht ein rüder Umgangston am Sozialbrennpunkt. Die spinnefeinden Familien aus Shakespeares „Romeo und Julia“ prügeln in Feridun Zaimoglus und Günter Senkels Tragödienbearbeitung nämlich nicht im Verona des 16., sondern im Kreuzberg des 21. Jahrhunderts aufeinander ein. Und da der verbale Verfall bekanntlich nicht nur ein Unterschichtenproblem ist, lassen sich auch die Familienoberen nicht lumpen: „Der Teufel soll dich holen“, begrüßt der alte Montague (Vedat Erincin) seinen Erzfeind beim ersten Auftritt, und der alte Capulet (Udo Kroschwald) kontert: „Das sagt mir ausgerechnet ein Muselmanenpinscher.“ Da hat er es dem Montague aber gegeben!

Der Abend, den das Berliner Hebbel am Ufer im Rahmen des „Beyond-Belonging“-Festivals zeigt, bemüht sich redlich, frech und heutig zu sein. Was er dabei unter Beweis stellt, ist allerdings lediglich die bekannte Tatsache, dass auch Menschen, die „Hurenloch“, „Nuttensippe“ und „Komm, du Schwuchtel, und lutsch an meinem Stall“ sagen, äußerst bieder und politisch korrekt aussehen können. Und das ist nicht das einzige Problem von Neco Celiks Inszenierung.

Vor einem Jahr lieferte der Kreuzberger Filmemacher mit Zaimoglus und Senkels tollem Stück „Schwarze Jungfrauen“ im HAU ein einhellig gefeiertes Theaterregie-Debüt ab. Er hatte die Radikalität des Textes, der auf Interviews mit jungen Musliminnen in Deutschland basiert und das Klischee-Repertoire gründlich torpediert, weise mit inszenatorischer Sparsamkeit gepaart. Der Wille zum Minimalismus ist auch diesmal vorhanden. Nur leider das Vermögen nicht.

Der Abend ist noch jung, als Romeo, der türkischstämmige Moslem der dritten Generation, und Julia, die jugendliche Deutsche aus christlichem Hause, sich auf dem Kostümfest der Capulets kennenlernen. Zur Demonstration ihrer Innigkeit ziehen sie einander wie in einem Anfängerkurs der rhythmischen Sportgymnastik und mit festgezurrtem Dauerglück im Gesicht an einem langen roten Band hin und her, welches sie fortan auch als roten Handlungsfaden bei jedem Auftritt mit sich führen werden. Zu diesem Zeitpunkt ahnt man noch nicht, dass es sich um einen der wenigen Regieeinfälle des gesamten Abends handelt.

Die meist statische Deklamation sorgt immerhin für Momente unfreiwilliger Komik: etwa wenn Julia (Lavinia Wilson), als sie erfährt, dass sie sich in den Erzfeind verliebt hat, „Heilige Scheiße“ sagt – in einem Tonfall, als wäre ihr gerade eingefallen, dass sie ja abwaschen sollte, bevor Mutti heimkommt. Schade: Es ist ja nicht so, dass man Lavinia Wilson nicht mehrfach als gute Darstellerin gesehen hätte. Und auch Romeo (Murat Seven) fällt in erster Linie als ansehnlicher junger Mann und erst in zweiter als Schauspieler auf. Dass das Paar – weil Zaimoglu dem Grabenkampf-Slang der Bösen offenbar ausdrücklich die Poesie der himmelstürmenden Liebe entgegensetzen wollte – Ergüsse zu bewältigen hat wie „Und wenn sich das alles als Schaum der Nacht erweist?“, macht die Sache nicht einfacher.

Es liegt aber nicht nur an ihnen, dass keine Chemie, keine Dynamik, kein Drama und schon gar keine Auseinandersetzung entsteht: Mit Bravour hat die Regie alle dramatischen Konflikte – die angekündigte Konfrontation „verschiedener Kulturkreise“ eingeschlossen – den verbalen Muskelspielereien geopfert. Wer gern über Männer lacht, die – wie Tim Seyfi – jungfräulich-christliche Zofen mit Kopftuch spielen und in dieser Funktion so oft wie möglich „Arschficker“ sagen, ist in dieser Inszenierung bestens aufgehoben.

Wäre da nicht die Bühnenbildnerin Mascha Mazur, die mit beweglichen Kulissen ständig neue Räume öffnet, würde der gut gemeinte Abend sich endgültig in starrem Deklamationstheater erschöpfen. Der zweite Retter heißt Udo Kroschwald: Als patriarchaler, minimalistisch grobschlächtiger und illusionsfreier Capulet gelingt es wenigstens ihm, seiner Figur Kontur zu verleihen.

Im Gegensatz zu Shakespeares Vorlage sterben die Protagonisten bei Zaimoglu nicht durch eine Verquickung unglücklicher Missverständnisse, sondern aus eigenem Entschluss. Sie brauchen zweieinhalb Stunden dafür.

Hebbel am Ufer 1. Wieder heute sowie am 12. und 13. März, 19.30 Uhr

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