Terézia Mora gelingen fabelhafte Szenen.

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Shortlist Deutscher Buchpreis : Terézia Moras neuer Roman "Das Ungeheuer"

Die horizontale Linie auf jeder Seite, das ist die Trennlinie zwischen Gegenwart und Vergangenheit, zwischen Leben und Tod, zwischen Selbsttäuschung und Desillusionierung. Darius rast durch Osteuropa: Ungarn, Albanien, Bulgarien, Georgien, Armenien, zum Schluss Griechenland, immer Floras Asche im Kofferraum, maßlos in seiner Trauer.

Es sind fabelhafte Szenen, die Terézia Mora gelingen: Darius, der im Fieberwahn, nah am Delirium, über die Grenze nach Albanien fährt, an seiner Seite eine albanische Studentin, die ihn zu ihrer Großmutter bringt. Eine Zecke unterhalb des Steißbeins, stellt sich später heraus, die eine Hirnhautentzündung ausgelöst hat. Die Studentin, wie jede Frau, der Darius begegnet, ein Spiegelbild Floras. Und der Gedanke: „Du hast dich davon blenden lassen – und zwar gerne! – was sich deinem Auge als erstes anbot. Dass sie da war, wenn du nach Hause kamst. Sie war da, die Zuhause war da, ein warmes Abendessen war da: alles in Ordnung.“ Jetzt ist nur noch das reine Unterwegssein da, mehr als ein halbes Jahr lang, und die damit verbundene Selbsterkenntnis. Ein Zustand der absoluten Freiheit, der für Darius Kopp naturgemäß ein Zustand völliger Desorientierung ist.

Er gerät in ein bulgarisches Kloster, in einen georgischen Saunaclub. „Das Spiel heißt“, so steht es in Floras Notizen, „jeden Tag von vorne beginnen.“ Flora hat das Spiel verloren, Darius kämpft wie ein Wilder. Das mitzuverfolgen, all die aufwühlenden und anrührenden Szenen, auf knapp 700 Seiten, in all der situativen Komik und der grundsätzlichen Tragik, ist ein Erlebnis. „Der einzige Mann auf dem Kontinent“ und „Das Ungeheuer“, das sich auch ohne Kenntnis des Vorgängers lesen lässt, gehören zum Besten, was in den vergangenen Jahren in deutscher Sprache geschrieben wurde.

Denn Terezín Mora hat darin einen ästhetisch schlüssigen, psychologisch brutalstmöglichen Zugriff auf die Gegenwart gefunden. Am Ende, das darf verraten werden, ist nichts mehr da. Außer der Asche. Darius Koppe muss also irgendwie weitermachen. Darauf warten wir gespannt.

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