Sido in der Max-Schmeling-Halle : Der Vorbild-Rapper

Für Väter, Mütter, Teenager und alle, die Berliner sein wollen: Sido umarmt seine Fans in der Hauptstadt

Alexandra Ketterer
Sido kann auch sehr nett sein.
Sido kann auch sehr nett sein.Foto: dpa

„Wer von euch ist Berliner?“, ruft Sido. Fast alle Hände in der Max-Schmeling-Halle gehen nach oben. Zu seiner Tausend-Tattoos-Tour adoptiert der Rapper auch all die anderen Fans, die nicht aus Berlin kommen. Aber nur bis das Konzert zu Ende ist: „Dann seid ihr wieder Schwaben!“, flachst er. Die Menge grölt. Heimspiel. 

Gleich als zweites Lied lässt „Siggie“ die Beats seines alten Tracks „Mein Block“ über das Publikum krachen. Schlaksige Hip-Hopper mit Cap und muskulöse Tattooarme bouncen zusammen. Schon seit 20 Jahren mischt Sido in der Deutschrap Szene mit. Seine Fans sind mit ihm groß geworden, und viele von ihnen auch Eltern. Breitschultrige Väter und textsichere Mütter mit Sohnemann. Auch Teenies in Sneakers stehen in der ersten Reihe. „Ganz schön viele Zahnspangen hier“, kommentiert der Rapper belustigt. 

„Wer von euch hat Kinder?“ Fast genauso viele Väter und Mütter wie zuvor Berliner heben die Hand. Sido hat seinen Sohn auch dabei. Zum Lied „Papa ist da“ wird der Rapper, der mit bürgerlichem Namen Paul Hartmut Würdig heißt, von seinem 19-jährigen Kind live am Schlagzeuger begleitet. 2006 hatte er ihm den Song „Ein Teil von mir“ gewidmet. 

Die legendären Battleraps im Royal Bunker sind längst vorbei. Der „Junge von der Straße“ der Hochhaussiedlung Märkisches Viertel ist mittlerweile Familienvater im Speckgürtel. Zur Ruhe setzen will er sich aber noch lange nicht. „Ich & keine Maske“ heißt sein achtes Soloalbum. Die Totenkopfmaske ziert das Cover, nicht mehr verchromt, sondern in blutrot.

Sido macht bei "the Voice of Germany" mit

Auf der Bühne trägt Sido an diesem Abend nur eine Sonnenbrille. Mit oder ohne Maske- das spielt für den 38-jährigen Deutschrap-Veteranen keine große Rolle mehr. Sido macht einfach weiter sein Ding. Läuft im Radio mit massentauglichen Sommerhits, sucht neue Talente als Juror bei der CastingshowThe Voice of Germany und holt die jungen Rapkids auf Instagram ab. Und das, ohne sich von seiner Berliner Schnauze wegzubewegen. 

„Warum habt ihr alle nicht für mich angerufen?“ Sidos Kandidatin Freschta Akbarzada war vorherige Woche auf dem letzten Platz der Talentshow gelandet. Entweder, so beschwert er sich weiter, hätte wohl keiner die Sendung gesehen oder seine Kandidatin sei doch nicht so gut gewesen. Ein Misserfolg, über den der Rapper jetzt aber auch schon wieder grinsen kann.

Zwei Stunden ausgelassene Stimmung 

Sido genießt viel Anerkennung in der deutschen Musikszene. Für junge Rapper ist er ein Mentor, verbrannte Erde hat er nicht hinterlassen. In Berlin hat er zahlreiche Gäste dabei: Den Newcomer Bozza, den Sido gerade erst zu seinem Label geholt hat, dazu YONII und BEKA. Die Popmusiker Andreas Bourani und Johannes Oerding. Auch Kool Savas teilt sich mit Sido für mehrere Songs die Bühne. Mehr als zwei Stunden lang bleibt die Stimmung ausgelassen.

Tam-tadada-dada! Über das gesamte Konzert hinweg johlt die Menge Sidos berüchtigten Track an. Sido zögert den „Arschficksong“ bis zum Ende hinaus. Mehrere Male lässt der Rapper die Melodie vom Publikum nachsingen. Für kurze Zeit ähnelt die Halle einem Fußballstation. Aus Versehen stimmt Sido mitten im aufgeladenen Moment die ersten Zeilen des Songs „Mein Block“ an. Schallend lacht er auf und lässt sein Mikrofon fallen. Ein „MicDrop“ der sympathischen, unerwarteten Art.

Provokant gedisst wird kaum noch

Sidos Texte handeln davon, wie er seine Kinder ins Bett bringt, seine schlechten Tage mit Hennessy runterspühlt und durch die Welt jettet. Provokant gedisst wird auf der neuen Platte kaum noch. Nur gegen die „Modus Mio"-Spotify Liste stänkert er, eine Playlist, die sich die gesamte junge, deutsche Hiphop Szene anhört. Ein Track von „Ich & keine Maske“, das Feature mit dem 21-jährigen Apache 207, hat es auf den obersten Platz von genau dieser Playlist geschafft.

Durch seine Art, sich junge Rapper auf sein Album zu holen und sich auf deren Stil einzulassen, schraubt Sido sich in die Aufmerksamkeitsspanne der jungen Generation. Der Track „2002“ wird an diesem Abend nur wenige Sekunden von DJ Desue angespielt. Sido kennt sein Berliner Publikum. „Junge von der Straße“ und „Schlechtes Vorbild“ kommen hier besser an, als seine neuen, trappigen Songs. Während dem Konzert wird ein exklusives CD-Mixtape verkauft. Sidos Fans brauchen kein Spotify-Abo. Sie haben alle noch einen CD-Player.

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