"Opa war kein Nazi"

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Siebzig Jahre nach der Auschwitz-Befreiung : Ende der Verdrängung

Zwar war die Gesellschaft in den ersten Nachkriegsjahren vom Wirtschaftswunder noch weit entfernt. Damit es sich überhaupt anbahnen konnte, mussten realistische, politische Fragen wie Antworten draußen vor der Tür bleiben. Komplize des Verstummens über die Taten war das vertuschende Sprechen. Ein Diskurswechsel hatte eingesetzt. Beliebt wurden ontologische Begrifflichkeiten, hinter denen die NS-Zeit als gesellschaftliche Hervorbringung verschwand. Wie von einem Naturereignis sprach man über die „dunklen Wolken“ einer Epoche, oder „die schlimmen Jahre“, als habe es sich um eine Naturkatastrophe gehandelt. Lange ehe die Formel „Opa war kein Nazi“ entstand, hatte sich diese Haltung eingebürgert.

Hitler eine Art "Superman"

In seiner Studie „Lügendetektor. Vernehmungen im besiegten Deutschland 1944/45“ (Frankfurt am Main 1999) hielt der Historiker Saul Padover, der als Erster für die US-Armee Deutsche interviewte, mit bitterer Ironie fest, Hitler sei offenbar eine Art „Superman“ gewesen, da er sämtliche Verbrechen allein begangen hatte, ohne Mittäter und Anhänger. Padover hatte Bauern und Bäuerinnen befragt, ehemalige Hitlerjungen und BdM-Mädchen, Angestellte, Lehrer, Juristen, Arbeiter, Hausfrauen, sämtliche Altersgruppen und Schichten.

„Niemand ist ein Nazi“, notierte wenig später auch die amerikanische Journalistin Martha Gellhorn, die im Rang eines US-Hauptmanns über den Krieg berichtet hatte. „Niemand ist je einer gewesen.“ Es habe, hörte sie, vielleicht ein paar Nazis im Nachbardorf gegeben, „bei uns“ aber nicht. Juden? Sarkastisch notierte Gellhorn: „Ich habe einen Juden versteckt, er hat einen Juden versteckt, alle Kinder Gottes haben Juden versteckt.“ In diesem Land der Guten, resümierte Hans-Magnus Enzensberger, beschwor man den Humanismus und setzte auf bürgerliche Kulturheroen, insbesondere auf Goethe als Garant eines Abendlandes, das jetzt wieder Schlagzeilen macht.

Letzte Chancen für letzte Spurenrettungen

Woher kamen aber die Trümmer, die symbolischen Zeugen der Gegenwehr der Alliierten? Schon als Kind fragte sich das der Autor W. G. Sebald, geboren im letzten Kriegsjahr. Sebald hatte das Gefühl, es werde ihm „etwas vorenthalten, zu Hause, in der Schule und auch von den deutschen Schriftstellern, deren Bücher ich in der Hoffnung las, mehr über die Ungeheuerlichkeiten im Hintergrund meines eigenen Lebens erfahren zu können“. Für Sebald war das Beschweigen der zerstörten Städte ein Symptom für die „erstaunliche Fähigkeit der Selbstanästhetisierung“ einer ganzen Gesellschaft, einer Gesellschaft, die Spuren auslöscht.

Heute bestehen letzte Chancen für letzte Spurenrettungen. Haushalte der letzten Zeitzeugen werden aufgelöst, Privatarchive ausgehoben, Dokumente ans Licht geholt, Tagebücher, Notizen, Briefe. Am Bundesarchiv wird seit zwei, drei Jahren ein enormer Anstieg an Nachfragen zur Rolle von Familienangehörigen während der NS-Zeit bemerkt. Doch häufig verläuft die Trennlinie, ähnlich wie in Missbrauchsfamilien, zwischen den Aufklärern und den Bagatellisierern, die den Rettern der Reste das „Herumwühlen in der Vergangenheit“ vorwerfen.

Erkenntnisse für die Zukunft

Nicht selten werden die Aufklärer einsam zwischen den übrigen Angehörigen, wie es der mutigen Rechercheurin Beate Niemann erging, als sie ihr Buch „Mein guter Vater“ veröffentlichte. In der Regel dominiert auch in den Familien eine Mehrheit, wenn es um Dokumente der Privatarchive geht. Man soll das „lieber wegtun“, es „diskret verschwinden“, im Altpapier zerschreddern lassen. Doch Dokumente des Zivilisationsbruchs gehören der Zivilisation. An ihr vergeht sich, wer solche Spuren zerstört. Denn es ist das Recht und die Aufgabe der Gesellschaft, mithilfe der Archivare, Historiker, Soziologen, aus allen Dokumenten, auch und gerade den privaten, Erkenntnis zu gewinnen, zu lernen. Geschuldet wird das den Nachkommen der Opfer wie der Täter. Und der Zukunft.

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