Kultur : Silikon-Allee

Die Künstlerin Julie Mehretu ist Gast der American Academy und entwirft Utopien des Zusammenlebens

Christina Tilmann

Erst als sie auf dem Alexanderplatz steht, erkennt sie ihn wieder: „Den habe ich doch schon für eines meiner Bilder benutzt“, fährt Julie Mehretu auf. Das Mosaik am Haus des Lehrers, die Weltuhr, das Forum-Hochhaus: Elemente, die in eins der verzwickten Architektur-Pasticci der geborenen Äthiopierin eingeflossen sind. Dass man sie nicht auf den ersten Blick erkennt, hat System: Schicht auf Schicht legt Mehretu in ihren Bildern übereinander, sampelt die Motive am Computer, überträgt sie auf Leinwand, fixiert sie mit einer Acryl-Silikonschicht und tuscht dann wieder freihändig darüber. Vexierbilder entstehen so, monumentale, schwindelnde Architekturphantasien, an die man dicht herangehen muss, um Elemente wie Treppen, Balustraden, Glasfassaden oder Hochstraßen auszumachen. Den Alexanderplatz erkennt man nicht wieder.

Wilde braune Locken, Turnschuhe, sehr selbstbewusstes Auftreten: Die 1970 in Addis Abeba geborene und seit Jahren in New York lebende Malerin Julie Mehretu ist ein whizz kid, einer der Shooting Stars der Internationalen Kunstszene. Bestens vernetzt und gleichzeitig wirkungsvoll exotisch, in den USA längst von solventen Sammlern entdeckt und in Institutionen wie dem New Yorker P.S. 1 oder auf der Whitney Biennale gezeigt, gilt sie in Europa gerade noch als Geheimtipp.

Seit Mitte Januar ist sie nun mit ihrer Lebensgefährtin, der australischen Künstlerin Jessica Rankin, Gast der American Academy in Berlin. Und geht auf Motivsuche durch die Stadt. Olympiastadion, Karl-Marx-Allee, Kanzleramt und Hauptbahnhof, das sind Orte, die sie interessieren, weil Flughäfen, Stadien, Bahnhöfe, politische Bauten ohnehin zu ihren Hauptthemen gehören: Orte, an denen viele Menschen zusammenkommen, architektonische Utopien des Zusammenlebens im 20. Jahrhundert, die sich oft in ihr Gegenteil verkehrt haben.

Ortstermin im Wedding, zwischen Rotkreuz-Krankenhaus, Domäne-Möbelmarkt und türkischem Großhandel, dort, wo Berlin am hässlichsten ist. Backsteinhallen, eine alte Fabrik, Glaslager, Betontreppenhäuser, Laderampen, man irrt zwischen Gebäudeteilen und rangierenden Müllautos hin und her. Der denkbar größte Gegensatz zur Wannsee-Idylle der American Academy, wo Mehretus zweijähriger Sohn glücklich mit Enten spielt und sie selbst die abendlichen Diskussionen mit anderen Stipendiaten als „großartiges Lernprogramm“ empfindet. Hier, im Berliner Norden führt man die Kampfhunde durch die Straßen, pöbeln Jugendliche einen in der U-Bahn an. „Das hier ist wie in Brooklyn, meinem New Yorker Wohnort“, führt Mehretu zur Erklärung an, warum sie sich gerade hier wohlfühlt.

Im Wedding hat sie, dank ihrer Berliner Galerie Carlier + Gebauer, ein Atelier gefunden, das groß genug ist für ihre Bilder – im Atelier nebenan stickt Freundin Jessica Bilder für eine Ausstellung in der Londoner White Cube Gallery fertig. Bei Julie haben den Herstellungsprozess längst Assistenten übernommen. „Auf meine Handschrift kommt es nicht so sehr an, wenn es darum geht, die Pläne und Aufrisse auf die Leinwand zu übertragen und mit Silikon zu überziehen“, erklärt die Vielbeschäftigte. Früher habe sie monatelang an einem einzigen Bild gearbeitet, so die Malerin, das Oeuvre wuchs sehr langsam, die Nachfrage umso schneller.

Jetzt gilt es, den europäischen Markt zu erobern. Da trifft es sich gut, dass just zu Beginn ihres sechsmonatigen Berlin-Stipendiums im Kunstverein Hannover die erste deutsche Retrospektive eröffnet, die noch bis 1. April läuft: 17 großformatige Bilder, dazu zwei Säle voller Zeichnungen, die zum Teil schon in Berlin entstanden sind. Doch nicht alles lief nach Plan: Im Atelier hängt noch ein Hochformat an der Wand, das eigentlich für Hannover gedacht war und nicht rechtzeitig fertig wurde. Jetzt hofft Mehretu es für die nächste Station im Louisiana Museum nahe Kopenhagen zu schaffen. Die Motive muten darauf vertraut an: schwerer Beton, Rolltreppen, Hochhausstrukturen, dann wieder explodierende Perspektiven, Aufbau und Zerstörung. Es scheint, als habe sich für Mehretus Bilder Le Corbusier mit Fritz Lang und dem Barockgraphiker Piranesi verbündet, um schwindelerregende Stadtvisionen à la „Metropolis“ zu entwerfen. Und dann kommt die Künstlerin mit breitem Pinselstrich, um die minutiös aufgetragenen Linienkonstrukte in einem Kandinsky’schem Farbwirbel zum Einsturz zu bringen. Der Hurrikan Katrina kommt in den Sinn, der das Stadtbild von New Orleans verwüstet, und vielleicht auch die explosionsartige Entwicklung von Megacities wie Lagos oder Shanghai, wo jeder Stadtausbau den vorangehenden überlagert, sich Hochhausviertel über Holzbauten türmen, ein Prozess der Auslöschung und Überschreibung. Auf Überschreibungen basieren auch Mehretus Bilder.

Kein Wunder, dass sie auch Berlin fasziniert, die ehemals zweigeteilte Stadt: „Spricht man mit Menschen, die schon lange hier wohnen, merkt man, dass sie über eine Stadt sprechen, die gar nicht mehr existiert“, erzählt Mehretu. Verkehrswege sind ihr Steckenpferd, liebend gern fährt sie Straßenbahn oder S-Bahn, erkundet die Stadt, die man vom Auto aus doch nur unzureichend begreift. Nur von der American Academy ins Atelier, da fährt sie Auto, aus Bequemlichkeit und Zeitersparnis. Die Avus vor der Tür, die Stadtautobahn und der Ring: das waren, für Berlin, an den USA geschulte Träume von der autogerechten Stadt. Und Julie Mehretu, die mit ihren Eltern als Sechsjährige auf der Flucht vor der Militärdiktatur in Äthiopien nach Michigan kam und dort aufwuchs, ist eben doch von ganzem Herzen Amerikanerin.

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