Silvesterphänomen : 50 Jahre „Dinner for One“

Same procedure as every year: Eigentlich war es nur ein kleiner Sketch, den der NDR 1963 aufzeichnete. Doch „Dinner for One“ wurde die erfolgreichste TV-Sendung der Welt. Ein wunderliches Silvesterphänomen feiert seinen 50 Geburtstag.

Ein Klassiker zu Silvester: Der 90. Geburtstag oder Dinner for One.
Ein Klassiker zu Silvester: Der 90. Geburtstag oder Dinner for One.Foto: EPD

Noch so ein Anruf. „Ja, hört denn das nie auf?“ Sonja Göth kann es nicht fassen. Gut zehn Jahre kommen die Anrufe nun schon, dieses Jahr zum 50. Geburtstag des 90. Geburtstags besonders viele. „Was kann ich denn groß erzählen?“, fragt sie. „Ich habe doch nur gelacht!“

Das ist ein bisschen untertrieben. Von wegen gelacht. Gekreischt hat sie, gegluckst, gewiehert. Auf eine ansteckend wilde Art. Und mehr als einmal in ihrem Leben. Aber nur dieses eine Mal ist sie dafür berühmt geworden. Unter dem Ehrentitel der lautesten Lache der Fernsehgeschichte im Kultsketch „Dinner for One“.

Wann man denn kommen wolle, fragt Sonja Göth ein bisschen schicksalsergeben, aber doch schon amüsiert. Am Sonnabend, gut, aber bitte nicht den übernächsten: „Da ist NDR-Rentnerweihnachtsfeier, da geht sonst gar nichts.“ Auf ihren alten Sender lässt die Frau mit dem Spitznamen Sonni nichts kommen. Schließlich hat er ihr Gelächter unsterblich gemacht. Nur wusste sie lange Zeit gar nichts davon.

Weltberühmte Lache.
Weltberühmte Lache.

„Der 90. Geburtstag oder Dinner for One“, Darsteller: Freddie Frinton, May Warden, deutsche Einführung: Heinz Piper, Regie: Heinz Dunkhase, Länge: 18 Minuten, Originalsprache: Englisch, Aufzeichnung: 30. April bis 4. Mai 1963, NDR, Studio B, Hamburg-Lokstedt, Erstausstrahlung: 8. Juni 1963 ARD, erste Silvesterausstrahlung: 1972 N3, Wiederholungen: bis 2012 in Deutschland 354, weltweit 613, von der ARD erhobene Einschaltquoten zwischen 1976 und 2012: 300,68 Millionen Zuschauer. „Dinner for One“, das außer in Deutschland auch in der Schweiz läuft, in Österreich, Schweden, Norwegen, Dänemark, Finnland, Lettland, Estland, Tschechien, Südafrika und Australien, gilt als die am meisten wiederholte und damit erfolgreichste Fernsehsendung der Welt.

Die lauteste Lache der Welt wohnt in Tornesch, Kreis Pinneberg, nordwestlich von Hamburg. Die kleine Stichstraße zwischen den Einfamilienhäusern scheint viel zu schmal für einen Truck. Mit dem ist das Dänische Fernsehen mal bei Sonja Göth angerückt, um ihr gediegenes Wohnzimmer mit den beigen Ledersesseln und braunen Antiquitäten von außen und innen angemessen auszuleuchten. Natürlich hat sie den Rummel mit Humor genommen. Natürlich hat sie so wie heute Kaffee gemacht und Plätzchen hingestellt. Eine Frau, die eigentlich nichts zu erzählen hat, aber das immer wieder. Hilft ja nichts, „ich war nun mal beim Sender“.

1954 hat sie als Aushilfe beim Norddeutschen Rundfunk angefangen, dann jahrzehntelang als Telefonistin gearbeitet. Ihr Mann, Viktor Göth, steht noch am Klingelschild, 1985 ist er gestorben. Auch einer, der beim Sender war. Und der Grund dafür ist, dass seine Frau sich unwissentlich in die Fernsehgeschichte gelacht und davon bis zu seinem Tod noch nicht mal etwas mitbekommen hat.

Als der britische Komiker Freddie Frinton und seine Partnerin May Warden im Frühjahr 1963 „Dinner for One“ aufzeichnen, ist Viktor Göth der diensthabende Oberbeleuchter. Frinton absolviert einen Durchgang ohne Studiopublikum. Die Stille gefällt ihm nicht. Also trommeln Göth und seine Studiocrew auf dem NDR-Gelände Mitarbeiter zusammen. Manche sagen 50, andere sagen 100 Leute, Sonja Göth jedenfalls setzt sich in die erste Reihe. Nicht lange darauf droht ihr der Aufnahmeleiter schon den Rausschmiss an.

Das Vergehen: zu lautes Lachen. Auf Regieanweisung? Ach was, sagt Sonja Göth, auf Anweisung könne sie gar nicht lachen. „Ich hatte einen ganz schlimmen Lachkrampf, bekam kaum Luft, konnte einfach nicht aufhören.“ Die Anarchie des Körpers eben, das Urlachen, unkontrollierbar, fast schon anstößig. Das ist ihr damals mit 36 passiert, das passiert ihr heute mit 86. Neulich erst auf einer Beerdigung oder als junges Mädchen im Krieg, wo die gebürtige Flensburgerin mal mit einer Freundin vor Lachen die Treppe runter fiel. Was sie am Sketch so komisch fand? „Das Spiel mit der Erwartung, ob der Butler über den Tigerkopf stolpert oder nicht.“

Ein Klassiker zu Silvester: Der 90. Geburtstag oder Dinner for One.
Ein Klassiker zu Silvester: Der 90. Geburtstag oder Dinner for One.Foto: EPD

Zwei Monate zuvor hatte ihr die Nummer noch wesentlich weniger Eindruck gemacht. Da saßen sie und ihr Mann zufällig bei der Liveausstrahlung der Fernsehshow „Guten Abend, Peter Frankenfeld“ im Theater am Besenbinderhof im Publikum, die in vielen Quellen fälschlich als Deutschlandpremiere des Sketches gilt. Die jedoch fand ebenfalls unaufgezeichnet schon im Dezember 1961 in der Livesendung „Lassen Sie sich unterhalten“ mit Evelyn Künneke statt. Göths saßen also in der Frankenfeld-Show weit weg von der Bühne und wollten anschließend zum Essen in den Wienerwald. „Da war ich in Gedanken schon beim halben Hähnchen“, erklärt sich Sonja Göth die humoristische Nichtwirkung von „Dinner for One“ beim Erstkontakt.

Dann hat es nach ihrem Tonspur gewordenen Lachkrampf bei der nun 50 Jahre durch die Kanäle rotierenden Originalaufzeichnung noch einmal bis 1987 gedauert, bis sie begriff: Dieses irre Kreischen, das bin ja ich. Damals hat ein Journalist den inzwischen verstorbenen „Dinner for One“-Kameramann Frank Banuscher nach der Identität der lachenden Frau befragt, und so kam der Name Sonja Göth in die Welt und der Medienruhm nach Tornesch. „Mein Mann und ich haben das von 1972 an jedes Silvester im Dritten geguckt.“ Ohne, dass bei einem von ihnen der Groschen fiel. „Ich kannte doch meine Lache nicht“, ruft Sonja Göth. Die kenne doch niemand! Inzwischen kennt sie sie. Und obwohl sie sich beim Anschauen des Sketches ein bisschen schüttelt, sieht es nicht nach der schlimmsten Form von Selbsterkenntnis aus. Ihre Kinder, Enkel, Urenkel wohnen anderswo. Sonja Göth verbringt Silvester zu Hause. Mit Verwandten, Freunden, Nachbarn und „Dinner for One“. „Ich lade mir Silvester immer Gäste ein. Wie Miss Sophie. Nur meine leben noch!“

„Dinner for One“, Uraufführung 11. März 1948 im Duke of York’s Theatre London, Autor: Laurie Wylie, Aufführungsrechte: kauft der Komiker Freddie Frinton, der 1954 erstmals mit dem Einakter in den Winter Gardens von Blackpool auftritt und den Sketch in Hunderten von Vorstellungen perfektioniert und zu seiner Paradenummer ausbaut, Auslandsaufführungen: Dezember 1953 bis Juni 1954 am New Yorker Broadway, März 1959 in München, Kabarettbühne Annast, von Ernest E. Regon unter dem Titel „Gedächtnismahl“ übersetzt, die deutschsprachige Deutschlandpremiere. Interpretationen: zahllos, von Plattdeutsch bis Hessisch, in Lego oder Holzpuppen, mit Otto Waalkes oder Bernd das Brot, auf Youtube oder Theaterbühnen.

In Hamburg-Lokstedt gibt es keine Dinnerdevotionalien mehr zu bestaunen, kein NDR-Studio zu „Dinner for One“. Das auch durch Chris Howlands Sendung „Musik aus Studio B“ bekannt gewordene Aufzeichnungsstudio existiert nicht mehr. Freddie Frintons Requisiten lagern in Watford, nordwestlich von London, bei der Familie des 1968 mit nur 59 Jahren früh und in tragischer Unkenntnis kommender Silvesterkulte verstorbenen Komikers.

Etwa die Weißhaarperücken und Zinnbecher, aus denen Miss Sophie und Butler James in Vertretung der verblichenen Freunde Sir Toby, Admiral von Schneider, Mr. Pommeroy und Mr. Winterbottom beim 90. Geburtstag trinken. Und das Tigerfell mit Schädel, über den Frinton elfmal stolpert, den er umrundet, übersteigt, überhüpft, tätschelt und vorher überhaupt erst mit eigener Hand in den Sketch einbaute.

Um diese Reliquie der deutschen Fernsehunterhaltung steht es drüben auf der feuchten Insel, wo die deutsche Originalaufzeichnung des britischen Sketches seit eh und je scheel betrachtet wird, nicht zum besten, wie Christian Breidert aus Hamburg weiß. Der NDR-Fernsehmacher hat die für Besuche Gebühren einziehende Familie anlässlich einer neuen Dokumentation über „Dinner for One“ besucht. Sie kann angesichts der Wiederholungsrate des Sketches verständlicherweise schlecht verwinden, dass der Sender Frinton und Warden 1963 mit einer einmaligen Gage von 4150 DM ausbezahlt hat. Das Fell werde in einem blauen Müllsack gelagert, berichtet Breidert. Hinten am Kopf, gegen den der Komiker immer stieß, sei es mit Leopardenfell geflickt, und die zwei im Maul verbliebenen Fangzähne wackelten. Wie der Tiger riecht? „Modrig.“

Fell wie Familie sind Breidert seit Jahren vertraut, er hat sie schon für seine erste Dokumentation 2007 besucht. Aber erst jetzt ist ihm endlich der Nachweis gelungen, dass „Dinner for One“ niemals in England ausgestrahlt worden ist. Einige „Dinnerologen“ behaupten nämlich immer wieder, dass doch. Als Kronzeuge fungiert nun Jon Plowman, 25 Jahre Comedychef der BBC, der bündig erklärt, warum der Sketch – trotz mehrmaliger Probeansicht – beim britischen Fernsehen nicht auf Interesse stößt: In Schwarz-Weiß gedreht und von Toten gespielt, wer wolle das schon sehen?

Bei der „Dinnerologie“ verhält es sich wie bei allen Forschungsgebieten. Es gibt immer jemanden, der noch mehr weiß. Einer, der ziemlich weit vor allen anderen Experten rangiert, ist Stefan Mayr. Der hat das erste und bisher einzige Sachbuch zu „Dinner for One“ verfasst. Die Erstauflage erschien 2002, als der inzwischen mit mindestens 15 meist humoristischen Titeln bestückte „Dinner“-Buchmarkt noch gähnend leer war. Nun ist eine Neuausgabe des „A-Z-Lexikons“ erschienen.

Weltberühmte Lache.
Weltberühmte Lache.

Der in Augsburg als Korrespondent der „Süddeutschen Zeitung“ lebende Autor hat das Nachschlagewerk geschrieben, weil er sich jedes Silvester darüber ärgerte, dass immer andere Lügengeschichten über Frinton und Warden in den Zeitungen standen. Darunter auch eine beiden zeitweilig angedichtete und längst widerlegte Affäre. Mayr scheint so ziemlich alle Gerüchte und Anekdoten zu kennen. Er selbst stellt die interessante These auf, dass Freddie Frinton den ursprünglich vierten Gast der Herrenrunde – einen Mr. Mansfield – in seiner Sketchversion in Mr. Winterbottom verwandelte, um dem erfolglosen britischen Nationaltrainer Walter Winterbottom eins auszuwischen.

Die trottelige, Komplimente ausrufende Figur Winterbottom „You look younger than ever, love!“ ist zur Rechten von Miss Sophie das, was der vierschrötige Adelige Sir Toby „Cheerio, Miss Sophie!“ zu ihrer Linken ist: ein Wüstling mit nur mühsam gezügelter Triebhaftigkeit. Nur so ist Sir Tobys aus dem 1958 in England und Amerika populären Song „Sugartime“ entlehnter Gaga-Ausruf „Sugar in the morning“ zu deuten, der in der 16. Sketchminute als verkappte sexuelle Anspielung schon mal das schlüpfrige Ende „I’ll do my very best!“ vorwegnimmt.

Überhaupt der Subtext. An dessen Analyse haben sich Wissenschaftler und Studenten abgearbeitet. Dass der Sketch funktioniert, weil er perfekt gearbeitet und programmplanerisch als Ritual im Ritual perfekt platziert ist, darin sind sich alle einig. Aber ob es nun mehr Slapstick oder mehr Situations- und Typenkomik, für gebildete oder eher gröbere Stände ist, da gehen die Ansichten auseinander. Die steilste These hat der Kulturwissenschaftler Rainer Stollmann, Schwerpunkt Lachforschung/Lachkulturen, von der Uni Bremen vorgelegt: Er hält das seit 50 Jahren andauernde Gelächter über einen verzopften, englischsprachigen Sketch für den rituellen deutschen Waschzwang zum Jahreswechsel. Und woher stammt der abzuwaschende Schmutz? Vom Dritten Reich natürlich. Zumindest wenn man Freuds Unterbewusstes bemüht.

Stollmann holt gerne zu originellen Argumentationsbögen aus: Über die evolutionsbiologische Herkunft des Urlachens, das vor acht Millionen Jahren im angsteinflößenden wie angstauflösenden Akt des Kitzelns entstand. Über das „kitzelige“ Zusammenfallen von Vergangenheit und Zukunft in einem von Greisen und unsichtbaren Toten bevölkerten Sketch. Und darüber, dass die Deutschen ausgerechnet mit dem Lachen über diesen britisch anmutenden Sketch unbewusst Ängste und Schuld der Vergangenheit vertreiben. Er habe monatelang darüber nachgegrübelt, warum ausgerechnet eine Varieténummer aus Blackpool den phänomenalen Erfolg habe und nicht ein viel besserer Sketch wie etwa Loriots „Weihnachten bei Hoppenstedts“. Der unbewusste Waschzwang ist die Lösung. Und weil junge Deutsche den deutlich weniger nötig haben als die Fernsehzuschauer von 1963, hält der Kulturwissenschaftler die hohe Zeit des Sketches für vorbei. „Ich sage voraus, dass die Einschaltquote in fünf Jahren sinkt.“

Und was bleibt am Ende übrig vom liebsten Silvesterritual der Deutschen? Mit sexuellen Anzüglichkeiten verminte 18 Minuten? Oder eher der bodenständige Ansatz, mit dem Dieter Hallervorden, seit „Nonstop Nonsense“ früher Sketchkönig des deutschen Fernsehens, das Phänomen erklärt: „Das dramaturgische Strickmuster ist denkbar einfach – aber man muss eben erst mal drauf kommen. Und es dann auch noch so punktgenau mit dem Timing eines alkoholgeschwängerten Metronoms gestalten!“

Na bitte, die Zeit ist so flüchtig wie die Zeiten, der Zeitpunkt aber, der ist alles. In der Komik, im Leben und im Fernsehprogramm. Die Dritten strahlen „Dinner for One“ auch in diesem Jahr wieder vor den Abendnachrichten aus. Dann kann Silvester werden.

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