Dinner for One wurde nie in England ausgestrahlt, oder doch?

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Silvesterphänomen : 50 Jahre „Dinner for One“
Ein Klassiker zu Silvester: Der 90. Geburtstag oder Dinner for One.
Ein Klassiker zu Silvester: Der 90. Geburtstag oder Dinner for One.Foto: EPD

Zwei Monate zuvor hatte ihr die Nummer noch wesentlich weniger Eindruck gemacht. Da saßen sie und ihr Mann zufällig bei der Liveausstrahlung der Fernsehshow „Guten Abend, Peter Frankenfeld“ im Theater am Besenbinderhof im Publikum, die in vielen Quellen fälschlich als Deutschlandpremiere des Sketches gilt. Die jedoch fand ebenfalls unaufgezeichnet schon im Dezember 1961 in der Livesendung „Lassen Sie sich unterhalten“ mit Evelyn Künneke statt. Göths saßen also in der Frankenfeld-Show weit weg von der Bühne und wollten anschließend zum Essen in den Wienerwald. „Da war ich in Gedanken schon beim halben Hähnchen“, erklärt sich Sonja Göth die humoristische Nichtwirkung von „Dinner for One“ beim Erstkontakt.

Dann hat es nach ihrem Tonspur gewordenen Lachkrampf bei der nun 50 Jahre durch die Kanäle rotierenden Originalaufzeichnung noch einmal bis 1987 gedauert, bis sie begriff: Dieses irre Kreischen, das bin ja ich. Damals hat ein Journalist den inzwischen verstorbenen „Dinner for One“-Kameramann Frank Banuscher nach der Identität der lachenden Frau befragt, und so kam der Name Sonja Göth in die Welt und der Medienruhm nach Tornesch. „Mein Mann und ich haben das von 1972 an jedes Silvester im Dritten geguckt.“ Ohne, dass bei einem von ihnen der Groschen fiel. „Ich kannte doch meine Lache nicht“, ruft Sonja Göth. Die kenne doch niemand! Inzwischen kennt sie sie. Und obwohl sie sich beim Anschauen des Sketches ein bisschen schüttelt, sieht es nicht nach der schlimmsten Form von Selbsterkenntnis aus. Ihre Kinder, Enkel, Urenkel wohnen anderswo. Sonja Göth verbringt Silvester zu Hause. Mit Verwandten, Freunden, Nachbarn und „Dinner for One“. „Ich lade mir Silvester immer Gäste ein. Wie Miss Sophie. Nur meine leben noch!“

„Dinner for One“, Uraufführung 11. März 1948 im Duke of York’s Theatre London, Autor: Laurie Wylie, Aufführungsrechte: kauft der Komiker Freddie Frinton, der 1954 erstmals mit dem Einakter in den Winter Gardens von Blackpool auftritt und den Sketch in Hunderten von Vorstellungen perfektioniert und zu seiner Paradenummer ausbaut, Auslandsaufführungen: Dezember 1953 bis Juni 1954 am New Yorker Broadway, März 1959 in München, Kabarettbühne Annast, von Ernest E. Regon unter dem Titel „Gedächtnismahl“ übersetzt, die deutschsprachige Deutschlandpremiere. Interpretationen: zahllos, von Plattdeutsch bis Hessisch, in Lego oder Holzpuppen, mit Otto Waalkes oder Bernd das Brot, auf Youtube oder Theaterbühnen.

In Hamburg-Lokstedt gibt es keine Dinnerdevotionalien mehr zu bestaunen, kein NDR-Studio zu „Dinner for One“. Das auch durch Chris Howlands Sendung „Musik aus Studio B“ bekannt gewordene Aufzeichnungsstudio existiert nicht mehr. Freddie Frintons Requisiten lagern in Watford, nordwestlich von London, bei der Familie des 1968 mit nur 59 Jahren früh und in tragischer Unkenntnis kommender Silvesterkulte verstorbenen Komikers.

Etwa die Weißhaarperücken und Zinnbecher, aus denen Miss Sophie und Butler James in Vertretung der verblichenen Freunde Sir Toby, Admiral von Schneider, Mr. Pommeroy und Mr. Winterbottom beim 90. Geburtstag trinken. Und das Tigerfell mit Schädel, über den Frinton elfmal stolpert, den er umrundet, übersteigt, überhüpft, tätschelt und vorher überhaupt erst mit eigener Hand in den Sketch einbaute.

Um diese Reliquie der deutschen Fernsehunterhaltung steht es drüben auf der feuchten Insel, wo die deutsche Originalaufzeichnung des britischen Sketches seit eh und je scheel betrachtet wird, nicht zum besten, wie Christian Breidert aus Hamburg weiß. Der NDR-Fernsehmacher hat die für Besuche Gebühren einziehende Familie anlässlich einer neuen Dokumentation über „Dinner for One“ besucht. Sie kann angesichts der Wiederholungsrate des Sketches verständlicherweise schlecht verwinden, dass der Sender Frinton und Warden 1963 mit einer einmaligen Gage von 4150 DM ausbezahlt hat. Das Fell werde in einem blauen Müllsack gelagert, berichtet Breidert. Hinten am Kopf, gegen den der Komiker immer stieß, sei es mit Leopardenfell geflickt, und die zwei im Maul verbliebenen Fangzähne wackelten. Wie der Tiger riecht? „Modrig.“

Fell wie Familie sind Breidert seit Jahren vertraut, er hat sie schon für seine erste Dokumentation 2007 besucht. Aber erst jetzt ist ihm endlich der Nachweis gelungen, dass „Dinner for One“ niemals in England ausgestrahlt worden ist. Einige „Dinnerologen“ behaupten nämlich immer wieder, dass doch. Als Kronzeuge fungiert nun Jon Plowman, 25 Jahre Comedychef der BBC, der bündig erklärt, warum der Sketch – trotz mehrmaliger Probeansicht – beim britischen Fernsehen nicht auf Interesse stößt: In Schwarz-Weiß gedreht und von Toten gespielt, wer wolle das schon sehen?

Bei der „Dinnerologie“ verhält es sich wie bei allen Forschungsgebieten. Es gibt immer jemanden, der noch mehr weiß. Einer, der ziemlich weit vor allen anderen Experten rangiert, ist Stefan Mayr. Der hat das erste und bisher einzige Sachbuch zu „Dinner for One“ verfasst. Die Erstauflage erschien 2002, als der inzwischen mit mindestens 15 meist humoristischen Titeln bestückte „Dinner“-Buchmarkt noch gähnend leer war. Nun ist eine Neuausgabe des „A-Z-Lexikons“ erschienen.

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