Nonstop Nonsense - kein Urlaub für die Lachmuskeln

Seite 3 von 3
Silvesterphänomen : 50 Jahre „Dinner for One“
Weltberühmte Lache.
Weltberühmte Lache.

Der in Augsburg als Korrespondent der „Süddeutschen Zeitung“ lebende Autor hat das Nachschlagewerk geschrieben, weil er sich jedes Silvester darüber ärgerte, dass immer andere Lügengeschichten über Frinton und Warden in den Zeitungen standen. Darunter auch eine beiden zeitweilig angedichtete und längst widerlegte Affäre. Mayr scheint so ziemlich alle Gerüchte und Anekdoten zu kennen. Er selbst stellt die interessante These auf, dass Freddie Frinton den ursprünglich vierten Gast der Herrenrunde – einen Mr. Mansfield – in seiner Sketchversion in Mr. Winterbottom verwandelte, um dem erfolglosen britischen Nationaltrainer Walter Winterbottom eins auszuwischen.

Die trottelige, Komplimente ausrufende Figur Winterbottom „You look younger than ever, love!“ ist zur Rechten von Miss Sophie das, was der vierschrötige Adelige Sir Toby „Cheerio, Miss Sophie!“ zu ihrer Linken ist: ein Wüstling mit nur mühsam gezügelter Triebhaftigkeit. Nur so ist Sir Tobys aus dem 1958 in England und Amerika populären Song „Sugartime“ entlehnter Gaga-Ausruf „Sugar in the morning“ zu deuten, der in der 16. Sketchminute als verkappte sexuelle Anspielung schon mal das schlüpfrige Ende „I’ll do my very best!“ vorwegnimmt.

Überhaupt der Subtext. An dessen Analyse haben sich Wissenschaftler und Studenten abgearbeitet. Dass der Sketch funktioniert, weil er perfekt gearbeitet und programmplanerisch als Ritual im Ritual perfekt platziert ist, darin sind sich alle einig. Aber ob es nun mehr Slapstick oder mehr Situations- und Typenkomik, für gebildete oder eher gröbere Stände ist, da gehen die Ansichten auseinander. Die steilste These hat der Kulturwissenschaftler Rainer Stollmann, Schwerpunkt Lachforschung/Lachkulturen, von der Uni Bremen vorgelegt: Er hält das seit 50 Jahren andauernde Gelächter über einen verzopften, englischsprachigen Sketch für den rituellen deutschen Waschzwang zum Jahreswechsel. Und woher stammt der abzuwaschende Schmutz? Vom Dritten Reich natürlich. Zumindest wenn man Freuds Unterbewusstes bemüht.

Stollmann holt gerne zu originellen Argumentationsbögen aus: Über die evolutionsbiologische Herkunft des Urlachens, das vor acht Millionen Jahren im angsteinflößenden wie angstauflösenden Akt des Kitzelns entstand. Über das „kitzelige“ Zusammenfallen von Vergangenheit und Zukunft in einem von Greisen und unsichtbaren Toten bevölkerten Sketch. Und darüber, dass die Deutschen ausgerechnet mit dem Lachen über diesen britisch anmutenden Sketch unbewusst Ängste und Schuld der Vergangenheit vertreiben. Er habe monatelang darüber nachgegrübelt, warum ausgerechnet eine Varieténummer aus Blackpool den phänomenalen Erfolg habe und nicht ein viel besserer Sketch wie etwa Loriots „Weihnachten bei Hoppenstedts“. Der unbewusste Waschzwang ist die Lösung. Und weil junge Deutsche den deutlich weniger nötig haben als die Fernsehzuschauer von 1963, hält der Kulturwissenschaftler die hohe Zeit des Sketches für vorbei. „Ich sage voraus, dass die Einschaltquote in fünf Jahren sinkt.“

Und was bleibt am Ende übrig vom liebsten Silvesterritual der Deutschen? Mit sexuellen Anzüglichkeiten verminte 18 Minuten? Oder eher der bodenständige Ansatz, mit dem Dieter Hallervorden, seit „Nonstop Nonsense“ früher Sketchkönig des deutschen Fernsehens, das Phänomen erklärt: „Das dramaturgische Strickmuster ist denkbar einfach – aber man muss eben erst mal drauf kommen. Und es dann auch noch so punktgenau mit dem Timing eines alkoholgeschwängerten Metronoms gestalten!“

Na bitte, die Zeit ist so flüchtig wie die Zeiten, der Zeitpunkt aber, der ist alles. In der Komik, im Leben und im Fernsehprogramm. Die Dritten strahlen „Dinner for One“ auch in diesem Jahr wieder vor den Abendnachrichten aus. Dann kann Silvester werden.

Mehr lesen? Jetzt E-Paper gratis testen!

16 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben