Silvio Maraini in der Galerie Albrecht : Pferde flüstern

Die Galerie Albrecht zeigt Bilder von Silvio Maraini.

Gruppenbild mit Mähne. Team Exell A aus dem Jahr 2017.
Gruppenbild mit Mähne. Team Exell A aus dem Jahr 2017.Foto: Silvio Maraini

Silvio Maraini liebt die Pferde. Sechs davon stehen in seiner Koppel in der Ostschweiz. Doch noch prächtigere Rösser hat er in den Rennställen gesichtet, wo die meisten Tiere einen Namen tragen und oft auch schon Medaillen einsammelten, wahre Stars also.

So nennt er denn auch, nach bemerkenswerten Serien über unterirdische Wasserspeichergewölbe und ein stillgelegtes Lungensanatorium, seine 13 großformatigen Colorprints, die derzeit in der Galerie Albrecht seinen Namen auch in Berlin bekannt machen.

Leute, die gern Wetten auf den Lauf der Pferde abschließen, haben den Tieren womöglich noch nie in die Augen gesehen. Herren und Damen hoch zu Ross mögen schwärmen: „Das Glück der Erde liegt auf dem Rücken der Pferde.“

Aber fragten sie sich schon einmal, warum diese „Freunde des Menschen“ die Menschen mit so viel individuellem Gefühl und einem oft tieftraurigen Ausdruck anschauen?

Silvio Maraini, 1970 geboren, liebt diese Blicke und kann nicht aufhören zu staunen. Seine meist im Halbdunkel einer Reithalle oder eines Stalls entstandenen Fotografien heben den Tierleib von einem schwarzen Hintergrund ausdrucksstark ab, verlieren jedoch bei aller Lust am schönen Aussehen nie die nötige Bodenhaftung mit allen vier Pferdebeinen, von denen aber meist nur die vorderen zu sehen sind.

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Mal fasziniert das Profil eines Rappen oder Schimmels, mal sind es die weißen Flecken über einem vorgestreckten Fuß oder einer gesenkten Stirn. Das Hauptinteresse gilt den großen Augen, die sich angstvoll weiten, vermutlich da plötzlich ein Fremder eingetreten ist. Leid, Kummer, manchmal auch verletzter Stolz sprechen aus den Blicken, Erstaunen, Zorn, Wehmut und Wut.

Kein Tier ist wie das andere, doch alle beeindrucken durch ihren trainierten, von Maraini vorteilhaft in Szene gesetzten Leib.

Ein Rappe blickt mit kaum gebändigter Kraft am Fotografen vorbei, ein Fohlen verbirgt sich unter dem schützenden Hals der Mutter, ein Schimmel senkt den hellen Kopf mit dem dunklen Maul und streckt ein Bein vor, als gälte es, einen Schönheitswettbewerb zu gewinnen.

Als Schmuckbild für Wettbüros oder Wohnzimmer werden Silvio Marainis Arbeiten kaum Anklang finden. Überhaupt wollen sie keiner Erwartung schmeicheln, nicht Reitlust oder Wettfreude befeuern, sondern Betroffenheit auslösen.

[Galerie Albrecht, Bleibtreustr. 48; bis 30. 11., Di–Sa 11–18 Uhr]

Man möchte die Tiere streicheln und würde doch zögern.

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Es könnte sogar eine Art Schuldgefühl aufkommen, denn wem verdanken die einstigen Wildpferde ihr Dasein an Halfter, Zügel oder als Ackergäule? Marainis Fotografien richten sich, hochartifiziell und unsentimental, an das Mitgefühl im Auge des Betrachters (Preise: 2700–4200 Euro).

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