• Simon Beckett, Isabel Allende, Cornelia Funke: Denis Scheck kommentiert die Bestsellerliste

Simon Beckett, Isabel Allende, Cornelia Funke : Denis Scheck kommentiert die Bestsellerliste

Der Literaturkritiker bespricht die „Spiegel“-Bestsellerliste Belletristik. Seine ARD-Sendung „Druckfrisch“ kehrt am 15. September aus der Sommerpause zurück.

Der Literaturkritiker Denis Scheck.
Der Literaturkritiker Denis Scheck.Foto: picture alliance / Rolf Vennenbernd / dpa

10.) Rafik Schami: Die Mission des Kardinals (Hanser, 431 S., 26 €.)

Wie kommt die Leiche eines katholischen Kardinals in ein Fass mit Olivenöl, das im Herbst 2010 an die italienische Botschaft in Damaskus geliefert wird? Der Meistererzähler Rafik Schami überrascht mit einem unterhaltsamen Krimi über einen seltsamen Heiligen mit Wunderkräften, den Alltag in der uralten Stadt Damaskus vor dem Bürgerkrieg und die Abgründe der Assad-Diktatur.

9.) Simon Beckett: Die ewigen Toten (Deutsch von Karen Witthuhn u. Sabine Längsfeld, Wunderlich, 480 S., 22,95 €.)

Der Widerwille, den diese gewaltlüsterne Prosa in mir auslöst, ist mit Ekel nur unzulänglich beschrieben. Becketts Leichenporno um den nach dem Tod von Frau und Kind schwer traumatisierten forensischen Anthropologen Dr. David Hunter und ein aufgegebenes Krankenhaus in London ist ein literarisches Ärgernis, weil er an Banalität und Langeweile schwer zu überbieten ist.

8.) Delia Owens: Der Gesang der Flusskrebse (Deutsch von Ulrike Wasel u. Klaus Timmermann, Hanserblau, 461 S., 22 €. )

Dieses Romandebüt einer 70jährigen amerikanischen Zoologin ist eine originelle Mischung aus Krimi, Nature Writing und Entwicklungsroman. Owens erzählt in hypnotisch eindringlichen Bildern von der Schönheit der Marschlandschaft North Carolinas und dem Mädchen Kya, das, von Eltern und Geschwistern verlassen, dort allein aufwächst, bis es Ende der sechziger Jahre unter Mordverdacht gerät. Ein idealer Ferienschmöker.

7.) Dörte Hansen: Mittagsstunde (Penguin, 320 S., 22 €.)

Auch in ihrem zweiten Roman erweist sich Dörte Hansen als ebenso sprachmächtige wie soziologisch scharfsichtige Erzählerin. „Mittagsstunde“ ist ein Memorial für eine untergegangene Lebensform: das deutsche Dorf.

6.) Isabel Allende: Dieser weite Weg (Deutsch von Svenja Becker, Suhrkamp, 381 S., 24 €.)

Der weite Weg dieses Romans führt aus dem spanischen Bürgerkrieg 1938 über Frankreich auf ein von Pablo Neruda organisiertes Rettungsschiff, das zweitausend Flüchtlinge nach Chile bringt, wo diese schließlich den Militärputsch gegen Präsident Allende erleben. Das ist eine Menge Holz, definitiv zu viel für Isabel Allendes literarische Laubsägearbeit.

5.) Ferdinand von Schirach: Kaffee und Zigaretten (Luchterhand, 191 S. , 20 €.)

Dass die Form zu wahren unser letzter Halt ist, erfährt man mit Imre Kértesz aus diesen lebensklugen autobiographischen Anekdoten und Geschichten. Unprätentiös und wie auf Zehenspitzen daherkommend, verhandelt von Schirach dabei höchst gewichtige Themen vom Suizid über die Todesstrafe bis zum Leben mit der schmerzlichsten Erkenntnis: „Wir wissen vom Tod, und das ist schon alles, das ist unsere ganze Geschichte.“

4.) Joy Fielding: Blind Date (Deutsch von Kristian Lutze, Goldmann, 480 S., 20 €.)

Noch ein Fall von literarischem Gewaltvoyeurismus – dumpf, gedankenfaul, stumpfsinnig. „Wenn du schreist, steche ich dir dieses Steakmesser ins Auge“, sagt er ruhig und hält ihr die gezackte Klinge vors Gesicht. Die Schlinge um ihren Hals hat sich in ihre Haut eingeschnitten. Er bezweifelt, dass sie genug Luft bekommt, um zu schreien, selbst wenn sie wollte.“ Wer mag solche Sätze lesen?

3.) Daniela Krien: Die Liebe im Ernstfall (Diogenes, 288 S., 22 €.)

Die fünf vernetzten Geschichten, die Daniela Krien in diesem Episodenroman erzählt, zählen für mich zum psychologisch versiertesten und gleichzeitig unterhaltsamsten in unserer deutschen Gegenwartsliteratur. Aus diesem Buch lässt sich tatsächlich etwas darüber erfahren, wie erwachsene Menschen hierzulande leben, was sie erhoffen und erträumen, welche Niederlagen sie erleiden und welches Glück sie suchen.

2.) Cornelia Funke und Guillermo del Toro: Das Labyrinth des Fauns (Deutsch von Tobias Schnettler, Fischer, 318 S., 20 €)

Für die Romanfassung seines Filmdrehbuchs über das Frankospanien 1944 hat sich Guillermo del Toro mit der Deutschen Cornelia Funke zusammengetan. Das ist ein Glücksfall für die Fantasyliteratur, denn Funke beweist in diesem in Bann schlagenden Roman, wie poetisch und gleichzeitig politisch Fantasy sein kann.

1.) Karin Slaughter: Die letzte Witwe (Deutsch von Fred Kinzel, HarperCollins, 560 S., 20 €.)

Unter den stilistischen Grobmotorikern der internationalen Thrillerliteratur ragt Karin Slaughter besonders heraus: Ihre wie mit dem Baseballschläger geschriebene Ödprosa – in diesem Fall über eine weiße Suprematisten-Terrorgruppe – setzt neue Maßstäbe an Unterkomplexität. Du weißt, dass Du in einem Karin-Slaughter-Roman gelandet bist, wenn Du jeweils einen eigenen Absatz bildende Sätze liest wie: „Michelles Mund öffnete sich unwillkürlich. Ein Van hielt neben ihrer Tochter. Die Schiebetür an der Seite ging auf. Ein Mann sprang heraus.“ Für die Kriminalliteratur ist dieses Buch das Pendant eines Häschenwitzes: Hattu Leichenberge?

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