Simon Fujiwara in der Galerie Wedding : Vergiss den Dreck

Was ist die wahre Identität? Der Künstler Simon Fujiwara geht in seiner Fotoarbeit „Joanne“ gegen eine sexistische Kampagne an.

Lorina Speder
Installationsansicht in der Galerie Wedding.
Installationsansicht in der Galerie Wedding.Foto: Andrea Rossetti

„Joanne“ heißt die aktuelle Ausstellung in der Galerie Wedding, und ihr Titel bezieht sich auf eine real existierende Person. Joanne ist Boxmeisterin, Künstlerin, Lehrerin, Moderatorin und Model. Alle diese Eigenschaften lassen sich belegen, und man hat sie Joanne Salley, der ehemaligen Gymnasiallehrerin des englischen Künstlers Simon Fujiwara, immer zugeschrieben. Bis vor sieben Jahren plötzlich private Fotos von ihr auftauchten, auf dem Salley mit nacktem Oberkörper zu sehen war.

Auf einmal wurde sie zur „Oben-Ohne- Frau“. Die Bilder sorgten für einen Skandal in den britischen Medien – so bekam auch Fujiwara den unglücklichen Verlauf der Dinge für sein ehemaliges Vorbild mit. Salley hatte ihn während der Schulzeit durch ihr multiples Können geprägt und inspiriert. Um gegen die sexistische Kampagne vorzugehen, die nicht nur Salleys Image zerstörte, sondern sie auch ihren Job kündigen und depressiv werden ließ, entschloss sich Fujiwara zu einer Kurzfilmproduktion, die derzeit in der kommunalen Galerie in Wedding zu sehen ist. Nicht als Verkaufsschau, sondern als Plattform zur Präsentation eines bildgewaltigen Manifests, das der etablierte Künstler seinem Idol gewidmet hat.

Über das Paradoxon von Mensch und Marke

Partner für die Herstellung des Films von 2016 waren die Organisation Film und Video Umbrella und die Ishikawa Foundation. Erstmals zeigte Fujiwara „Joanne“ 2016 in der Londoner Photographers’ Gallery. Die von Solvej Helweg Ovesen und Bonaventure Soh Bejeng Ndlkung kuratierte Berliner Ausstellung ist eine groß angelegte Produktion. Die Fotoleinwände mit werbungsgleichen Aufnahmen von der perfekt in Szene gesetzten Salley in Sportswear überzeugen in riesigen Leuchtkästen, das Ausstellungsdesign ist minimalistisch. Besonders die Videoleinwand, die auf der vom Eingang sichtbaren Seite ein riesiges Bild der titelgebenden Hauptdarstellerin präsentiert, beeindruckt. Fujiwaras Konzept bedient sich denselben Marketing-Mechanismen, die auch Salleys Gegner benutzten, um ihr Bild in der Öffentlichkeit zu demontieren. In dem 13-minütigen Film inszeniert der etablierte Künstler die ehemalige Lehrerin als Marke, die sich neu definieren will. Bis ins kleinste Detail und mit einem wahrscheinlich gestellten Team aus Marketing-Spezialisten zeigt der Künstler im Video den Prozess einer Werbevideoproduktion. Dabei spart er nicht an Momenten, die das Paradoxon von Mensch und Marke deutlich machen – wie in der Szene, als Salley einem Schauspieler vorschreibt, was er genau fragen solle, damit sie ganz natürlich und überzeugend für die Zuschauer wirkt. Immer wieder spricht sie vom „the real me“, das zum Vorschein kommen soll, aber alles, was man am Ende des Film mitnimmt, ist die Idee einer Person.

Was man Salley nach dem Film wirklich abnimmt? Sie kann schauspielern. Sie selbst bezeichnet sich als ein Chamäleon. Fujiwara zeigt in seinem Werk und in der Ausstellung auf spektakuläre Art, wie tief und persönlich eine Identität tatsächlich ist. Und im selben Moment, wie schnell einem die Gesellschaft ein passendes Image vorschreiben will.

Galerie Wedding, Müllerstr. 146/147; bis 26. 5., Di–Sa 12–19 Uhr

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