Simon Rattles letztes „Late Night“-Konzert : Brückenbauer

Symphonischer Jazz: Simon Rattle huldigt mit seinem letzten „Late Night“-Konzert dem amerikanischen Bandleader Paul Whiteman.

Mit den Genres jonglieren. Der Dirigent Simon Rattle.
Mit den Genres jonglieren. Der Dirigent Simon Rattle.Foto: Sven Hoppe/dpa

Welche Musik würde Simon Rattle auswählen für seine letzte „Late Night“ in der Philharmonie, diesem vom ihm ersonnenen Format für Werke, die in den Abokonzerten nicht ihren wahren Platz finden? Dabei darf es nicht allzu sentimental zugehen, doch besinnungsloser Taumel wäre ebenso fehl am Platz. Rattle trifft eine seiner unnachahmlich charmanten Entscheidungen und huldigt mit Paul Whiteman nicht nur wunderbar tanzbarem symphonischen Jazz, sondern auch einem der großen musikalischen Brückenbauer. Denn Amerikas zeitweise berühmtester Bandleader brachte in den 20er Jahren den Jazz in Konzertsäle und Hotellobbys, gab jungen Talenten wie Bix Beiderbecke oder Bing Crosby eine Chance und Jazz ein neues Publikum. Ein Mann nach Rattles Geschmack. Als er Whitemans Musik zum ersten Mal spielte, „waren auf den Fotokopien noch die Ringe der Whiskey- Gläser zu sehen“, verrät er schmunzelnd.

Seine animierte Band aus Philharmonikern, ehemaligen wie aktuellen Stipendiaten und regelmäßigen Gästen führt Rattle flott durch Welterfolge wie „Makin’ Whoopee“ oder „Smoke gets in your eyes“. Er würdigt Whiteman als Auftraggeber des jungen Gershwin mit der ursprünglichen Jazz-Band-Version der „Rhapsody in Blue“, der man das Jonglieren mit den Genres immer noch viel unmittelbarer anhört als der Orchesterpartitur. Jazzpianist Miroslav Lacko bringt improvisatorische Leichtigkeit und kauzigen Witz aufs Podium, das ausverkaufte Haus brummt vor Vergnügen. Rattle prägt sogar noch eine klingende Gedenkmedaille auf Mitja Nikisch, Sohn des einstigen Philharmoniker-Chefs, der zum deutschen Whiteman aufstieg, ehe die Nazis seine Karriere beendeten. Von dieser Musik will man mehr hören. Rattle scheint in dieser Umgebung ganz gelöst und angekommen in Berlin, das er ja auch nicht verlassen wird, wenn seine Amtszeit im Sommer endet. „Je verrückter die Programme aussahen, umso besser schienen Sie Ihnen zu gefallen“, verabschiedet er sich von seinem „Late Night“-Publikum. Klingt nicht nach einer Beziehung, von der man lassen will.

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