Skizzen im Museum für Architekturzeichnung : Was ich eben mal notieren wollte

Eintauchen in den Urgrund schöpferischer Arbeit: Das Berliner Museum für Architekturzeichnung zeigt Skizzenbücher und Einzelblätter bekannter Architekten.

Skizzenbuch des Londoner Architekts Tony Fretton.
Skizzenbuch des Londoner Architekts Tony Fretton.Foto: Courtesy Drawing Matter, Tony Fretton

Jedes große Projekt beginnt mit einer Idee, mit einer Skizze; und umgekehrt kann jeder flüchtige Eindruck, jeder Gedanke zeichnerisch festgehalten werden. Viele Architekten führen Skizzenbücher, allein schon, um nicht in lauter Einzelpapieren zu ertrinken und womöglich den einen, später als wegweisend erinnerten Entwurfsgedanken zu verlieren.

Im Museum für Architekturzeichnung Berlin sind jetzt Skizzenbücher und aus Kladden herausgetrennte Einzelblätter von zehn Architekten zu sehen, acht zeitgenössischen und zwei Größen der Architekturgeschichte. Nicht um die einzelnen Ideen, Projekte, Vorzeichnungen oder dergleichen geht es, sondern darum, die Vielfalt von Skizzenbüchern als Medium der Aufbewahrung von Gedanken und Gesehenem vorzuführen.

Die sehr geschmackvoll arrangierte Ausstellung weist jedem Architekten die adäquate Präsentationsform zu, seien es Vitrinen mit Dutzenden von übereinander liegenden Heften, etwa im Fall des Londoner Architekten Tony Fretton, seien es Rahmen für einzelne Blätter, wie bei Adolfo Natalini, der 1966 in Florenz die Gruppe „Superstudio“ gründete und anfangs eher zeichnete denn tatsächlich baute. Manche Vitrinen sind von unten beleuchtet und zeigen so, wie mehrere Lagen von Transparentpapier sich zu einem durchdachten Projekt addieren, wie bei der belgischen Architektin Marie-José Van Hee. Ihre Kollegin Riet Eeckhout hingegen zeichnet, nein: konstruiert eher Zeichnungen auf einer durchgehenden Rolle Polyesterfolie: „Drawing Out Gehry“. Die vier Meter lange Folie wird auf einer Art Handtuchstange abrollbar präsentiert.

Früher zeichneten Architekten gern mit kräftiger Kohle

Von Álvaro Siza schließlich sind Zeichnungen zu Sozialwohnungsprojekten in seiner Heimatstadt Porto zu sehen, aus der Zeit um die Nelkenrevolution von 1974 herum, als die Wohnungsnot in Portugal nicht zuletzt mit dem Rückstrom der Siedler aus den aufgegebenen Kolonien besonders drückend wurde. Der Pritzker-Preisträger des Jahres 1992 ist zudem in einem Video zu sehen, dessen Kamera sich auf die Hände und die Skizzenbücher des Altmeisters richtet – und auf die Zigaretten, deren Rauch er ausbläst.

Früher haben Architekten schwere Zigarren geraucht. Früher haben sie gern mit kräftiger Kohle gezeichnet, wie Hans Poelzig, von dem Entwürfe zu einem unausgeführten Denkmal im Hof der Friedrich-Wilhelms-Universität zu Berlin, der heutigen Humboldt-Universität, zu sehen sind, entstanden in der bitterarmen Zeit gleich nach dem Ersten Weltkrieg. Früher ahnten Architekten nicht, dass ihre Skizzen einmal in musealer Sorgfalt ausgestellt würden.

Wie dem auch sei, die jetzige Ausstellung gibt Gelegenheit, in den Urgrund schöpferischer Arbeit einzutauchen, in den Zustand, da später gebaute Projekte nur ein erstes Gewusel von Strichen, Kringeln und Linien sind. Dafür genügt heutzutage der allergewöhnlichste Kugelschreiber.

Museum für Architekturzeichnung Berlin, Christinenstr. 18a (am Pfefferberg), bis 7. Oktober. – www.tchoban-foundation.de

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