Sklavendrama "Der Wassertänzer" : Amerikas Gründungsmythos der Unschuld

Ta-Nehisi Coates’ Romandebüt „Der Wassertänzer“ ist Sklavendrama und Superheldengeschichte - und fällt in eine neu aufflammende Debatte über Reparationen.

Im Juni 2019 sagte Ta-Nehisi Coates vor dem Kongress zum Gesetzesentwurf „H.R. 40“ aus, der eine Kommission zur Prüfung von Reparationsmodellen fordert.
Im Juni 2019 sagte Ta-Nehisi Coates vor dem Kongress zum Gesetzesentwurf „H.R. 40“ aus, der eine Kommission zur Prüfung von...Foto: Cheriss May/Imago

Schon im Alter von fünf Jahren weiß Hiram Walker, dass er kein gewöhnliches Kind ist. „Ich redete, ehe ich laufen konnte. Ich hörte die Leute reden, sah aber deutlicher als ich hörte, sah Worte vor meinen Augen zu Bildern werden, zu Farbfolgen, Strichen, Formen und Gestalten, die ich in mir aufbewahren konnte. Und meine Gabe war es, diese Bilder in jedem beliebigen Moment wieder hervorzuholen und sie exakt in jene Worte zurückübersetzen zu können, die sie heraufbeschworen hatten."

Sein Vater Howell Walker fördert diese Talente früh, er gibt Hiram einen Privatlehrer und bereitet ihn auf die Umgangsformen der höheren Gesellschaft vor. Jahre später erst wird Hiram dämmern, dass nicht er, sondern sein Halbbruder Maynard Nutznießer seiner Fähigkeiten sein soll; dass seine Begabung ihm keinen sozialen Aufstieg ermöglicht.

Denn Howell Walker ist nicht nur Hirams Vater, sondern auch sein Herr; Maynard zum Erben der Tabakplantage Lockless in Virginia bestimmt. An Mutter Rose kann Hiram sich kaum erinnern, gelegentlich erscheint sie ihm in Visionen: eine stolze afrikanische Frau, von den anderen „Verpflichteten“ ehrfürchtig Santi Bess genannt, die tanzend einen Krug auf ihrem Kopf balanciert. Hirams Vater verkauft sie, als er noch jung ist.

Analytiker afroamerikanischer Lebensverhältnisse

Ta-Nehisi Coates’ Romandebüt „Der Wassertänzer“ ist eine origin story, der Gründungsmythos eines Superhelden. In den USA gilt Coates seit zehn Jahren als einer der scharfsinnigsten Analytiker afroamerikanischer Lebensverhältnisse.

An „Zwischen mir und der Welt“, einen Brief an seinen Sohn, knüpfte sich gar die Hoffnung auf einen neuen James Baldwin. Dann kam Donald Trump. In der Essay-Sammlung „Wir waren acht Jahre an der Macht“ versucht er zu erklären, wie es dazu kommen konnte. Trump, so Coates’ Fazit, wurde nicht trotz, sondern wegen Barack Obama möglich. Die Rache des weißen Amerikas.

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Die Fiktion „Der Wassertänzer“ ist jedoch mehr als das Substrat von Coates’ schmerzvoller Beschäftigung mit Amerika. Zehn Jahre habe er an dem Roman gearbeitet, erzählte er zur US-Veröffentlichung im Herbst, er habe sich in dieser Zeit intensiv mit der amerikanischen Geschichte, dem Bürgerkrieg und dem systemischen Rassismus in den USA auseinandergesetzt. In seinem Romandebüt kulminieren diese Privatinteressen: weiße Geschichte und schwarze Popkultur, Unterdrückung und Ermächtigung.

Kampf gegen die Sklavenhaltergesellschaft

Ta-Nehisi Coates ist nebenher auch ein Autor der „Black Panther“-Comics, mit „Der Wassertänzer“ hat er jetzt seinen eigenen Superhelden erfunden. Hiram Walker besitzt die Fähigkeit zur Teleportation, er kann sich kraft seines Geistes an andere Orte versetzen. „Konduktion“ nennen die Männer und Frauen des „Underground Railroad“ diese Gabe.

Sie rekrutieren ihn für den Kampf gegen die Sklavenhaltergesellschaft, den „Sarg des Südens“, in dem Millionen afrikanischer Frauen und Männer lebendig begraben sind. Hiram ist ihr Hoffnungsträger. „Wir halten deine Fähigkeit für ein Artefakt aus einer verlorenen Welt, für eine Waffe, die in diesem längsten aller Kriege die Wende herbeiführen könnte“, erklärt ihm Corinne Quinn, eine weiße Landbesitzerin, die dem „Underground“ hilft.

Die Figur der „weißen Retterin“ irritiert kurz, doch sie fungiert nur als eine von zahllosen Nebenfiguren. Hiram ist der Erzähler seines Lebens, in Erinnerung an die realen Autobiografien „The Narrative of the Life of Frederick Douglass, an American Slave“ (1845) und „Twelve Years a Slave“ (1853) von Solomon Northup.

Die Sprache der Gewaltverhältnisse

Viele Biografien im Roman, so Coates, basieren auch auf Dokumenten des „Underground Railroad“. Eine zeitgemäße Form für das umgangssprachliche „African American Vernacular English“ zu finden, ist eine Herausforderung, wie der Übersetzer Bernhard Robben in seiner Nachbemerkung schreibt. Vielleicht klingt die deutsche Ausgabe von „Der Wassertänzer“ daher manchmal eine Spur zu prosaisch – ungewöhnlich für Coates’ schnörkellose, dabei eloquente Eleganz.

Gelungen hingegen ist Robben der Begriff der „Verpflichteten“ (im Original „The Tasked“) für die Ausgebeuteten, mit dem Coates auf knapp 500 Seiten die Sprache der Gewaltverhältnisse umgeht. Hirams Erzählungen beschreiben das Leben auf Lockless, bei aller Brutalität des Plantagenalltags, als komplexes soziales System, innerhalb dessen sich die „Verpflichteten“ Freiräume herausnehmen.

Im Zuge der Proteste gegen Polizeigewalt in den USA werden auch die Forderungen nach Reparationen erneuert.
Im Zuge der Proteste gegen Polizeigewalt in den USA werden auch die Forderungen nach Reparationen erneuert.Foto: Mark Ralston/AFP

Für die Erfahrung der Sklaverei findet Coates klare, in ihrer Einfachheit erschütternde Bilder. Den Anblick der Narben auf dem Rücken eines Arbeiters nennt Hiram die „Reise der Peitsche“. Ein Mann, dem Hiram auf seiner Odyssee entlang der Fluchtrouten des „Underground Railroad“ begegnet, spricht über den Verlust seiner Identität: „In mir sind so viele Löcher, so viele Teile wurden aus mir herausgetrennt. All die verlorenen Jahre, meine Frau, meine Kinder. So vieles verloren.“

Reparationen für das schwarze Amerika

Den magischen Realismus von „Der Wassertänzer“ als Superheldenfantasie abzutun, wird dem Roman darum nicht gerecht. Coates beschäftigt sich schon lange mit der Idee der Wiedergutmachung für die schwarze Bevölkerung Amerikas, sein Essay „Ein Plädoyer für Reparationen“ eröffnete vor sechs Jahren diesen Diskurs für eine neue Generation.

Er steht mit dieser Forderung nicht allein. 1973 bezifferte der Rechtsgelehrte Boris Bittker die „Lohnforderungen“ der 12,5 Millionen verschleppten Afrikanerinnen und Afrikaner auf 34 Milliarden Dollar. Im Januar vergangenen Jahres stimmte der US-Kongress erstmals einer Anhörung zum Gesetzesentwurf „H.R. 40“ zu, der eine Kommission für eine Studie über Reparationsmodelle vorsieht.

Jahrhundertelange Ausgrenzung

Die Stimmung scheint nach den landesweiten Protesten gegen Polizeigewalt zu kippen. Joe Biden ist der erste Präsidentschaftskandidat, der „H.R. 40“ – wenn auch nach langem Zögern – unterstützt.

Anfang Juni forderte Robert L. Johnson, der Gründer von „Black Entertainment Television“, als Reaktion auf die Ermordung von George Floyd Reparationen, um der jahrhundertelangen Ausgrenzung von Afroamerikanerinnen und Afroamerikanern – Sklaverei, die Jim-Crow-Gesetze, Roosevelts „New Deal“, das „Redlining“ auf dem Immobilien- und Finanzmarkt, Masseninhaftierung, Einschränkung des Wahlrechts – entgegenzuwirken. 26 Prozent aller Amerikaner teilen nach aktuellen Umfragen diese Haltung – eine Minderheit zwar, aber größer als jemals zuvor.

Corona hat die gesellschaftliche Ungleichheit offengelegt

Die Corona-Pandemie hat die gesellschaftliche Ungleichheit auf eklatante Weise offengelegt: Eine schwarze Durchschnittsfamilie besitzt heute etwa ein Zehntel des Wohlstands einer weißen. Über 150 Jahre der Benachteiligung haben das soziale Gefälle zementiert.

Vor diesem Hintergrund ist „Der Wassertänzer“ alles andere als eine tröstliche Fiktion. Die Frage, welche Summe das Unrecht wiedergutmacht, hält Coates für nebensächlich, ihm geht es um historische Verantwortung. „Die Zahlung von Reparationen“, schrieb er 2014, „würde Amerikas Reifeprozess vom kindlichen Mythos der Unschuld zu jener Weisheit bedeuten, die seiner Gründungsväter würdig ist.“
Ta-Nehisi Coates: Der Wassertänzer Blessing Verlag, München, 484 Seiten, 24 €

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