Skulpturen im Hamburger Bahnhof : Kunst des Fährtenlesens

„Der Elefant im Raum“: Der Hamburger Bahnhof präsentiert Skulpturen aus der Sammlung Marx neu, darunter auch die Arbeiten von Joseph Beuys.

Abdruck der Stadt. Joseph Beuys’ „Unschlitt/Tallow“ von 1977.
Abdruck der Stadt. Joseph Beuys’ „Unschlitt/Tallow“ von 1977.Foto: Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie/Jan Windszus, VG Bild-Kunst, Bonn 2018

Jetzt ist er doch aufgewacht. Lange waren die Arbeiten von Joseph Beuys aus der Sammlung Marx im Dornröschenschlaf versunken. Mythen und Enthüllungen rund um den Künstler verstellten den Blick. Nina Schallenberg, die seit letztem Sommer an der Nationalgalerie für die Sammlung Marx zuständig ist, hat dem Meister seinen Heiligenschein genommen und cool seine Werke neu befragt.

Für die Ausstellung „Der Elefant im Raum“ im Beuys-Flügel und der Kleihues-Halle des Hamburger Bahnhof hat sie vier Themen aus den Kolossal-Installationen von Beuys destilliert: Körper, Energie, Stelle und Erinnerung. Nach diesen Überschriften ist die gesamte Ausstellung geordnet. Dabei werden die Skulpturen aus der Sammlung Marx erfrischend ergänzt durch Arbeiten aus der Sammlung der Nationalgalerie.

„Der Elefant im Raum“ – der anschauliche Titel umschreibt im Englischen ein Problem, das nicht ausgesprochen wird, aber dennoch den Dialog beherrscht. Im Beuys-Flügel ist das ein kleiner, silberfarbiger Kasten. Sein rätselhaftes Glimmen lockt die Besucher bis ans Ende der Säle. Es ist der Herzschlag von Marcel Duchamp, der jetzt den Blick neu lenkt. Der irisch-amerikanische Künstler Brian O’Doherty, der auch als Arzt ausgebildet ist, fertigte 1966, zwei Jahre vor Duchamps Tod, ein Kardiogramm von ihm an. Durch ein Guckloch im Kasten kann man sehen, wie die Kurve ausschlägt. Die feine, aber kraftvolle Arbeit ordnet den widersetzlichen Beuys in das Koordinatensystem ein, das er immer sprengen wollte. Der Elefant in diesem Raum ist Duchamp. Mit seinen Readymades erweiterte er den Radius der Kunst. Jetzt scheinen sich auch Beuys’ „Richtkräfte“ an den Impulsen von Duchamp zu orientieren.

Die Schau arbeitet mit Gegensätzen

Der Elefant schleicht manchmal nur auf Zehenspitzen durch den Raum. Etwa wenn sich die Skulptur, die eigentlich Körper oder Objekt ist, in ihr Gegenteil verwandelt, in einen Negativabdruck. Rachel Whiteread hat den Raum unter einem ovalen Tisch in Gips abgegossen. Wo sonst Beinfreiheit herrscht, hockt jetzt ein weißer Block, der Raum wird Materie. Hier wiederum war Beuys schon da und die Nachbarschaft eröffnet einen neuen Blick auf seine Skulptur „Unschlitt“.

Für diese Arbeit goss er den Raum unter einer Fußgängerüberführung in Münster ab. 1977 war er dort zu den Skulpturprojekten eingeladen, wollte aber keine Kunst in den öffentlichen Raum stellen. Stattdessen holte er den Stadtraum ins Museum. Er machte den Unort, die Schräge unter der Brücke, zur Skulptur aus Talg, aus Unschlitt, einem alten Material. In den Sammlungen der Staatlichen Museen fand Nina Schallenberg ein Unschlitt-Kännchen, einen Behälter für Talg. Beuys ließ in seine Skulptur Fühler ein, um die Temperatur im Innern des festen Fetts zu messen. Eine großherzige Idee, kalte Ödnis in weiche Wärme zu verwandeln.

Weil der „Elefant im Raum“ von dem Unausgesprochenen, von den Leerstellen und Auslassungen der Kunst handelt, arbeitet die Schau mit Gegensätzen: Leere und Fülle, Körper und Hülle, Innen und Außen. Die Besucher müssen die Skulpturen im Geist ergänzen. Im Lauf des Rundgangs stellt sich Übung ein – und mit dem Training wächst das Vergnügen. Bei dem zurückhaltenden Franz Erhard Walther kann man die leere Stelle mit dem eigenen Körper füllen. Der Künstler hat unauffällige Blechkästen entwickelt, auf denen sich Besucher postieren können und damit selbst zum Denkmal werden.

Blitzgescheite Arbeiten von Jeff Koons

Für den zweiten Teil der Ausstellung in der Kleihues-Halle hat Nina Schallenberg den Skulpturen der Minimalisten ein lichtes, freies Umfeld geschaffen. Die Aura der lakonischen Würfel von Donald Judd leitet das Publikum weiträumig um sie herum. Da wirkt es fast wie Ironie, dass sich die Oberfläche dieser perfekten Fremdkörper im Lauf der Jahre verändert. Jetzt zieht nicht mehr der undurchdringliche Grauton des Metalls die Blicke an und lässt sie wieder abprallen. Stattdessen zieren Ausblühungen die exakte Kunst mit floralen Mustern. Die Kuratorin geht davon aus, dass der Künstler diese Eigenwilligkeit des Materials kannte, und lässt den Verwandlungsprozess geschehen.

Spannend ist die Rolle, die Jeff Koons in diesem Zusammenhang spielt. Mit seiner etwas kindlichen, kommerziell orientierten Kunst und ihren tollkühnen Abstürzen in die Banalität sitzt Koons oft am Katzentisch des edlen Kanons. Hier sind zwei blitzgescheite Arbeiten zu sehen, an denen man die Gewitztheit erkennen kann, mit der er sich seine Sonderposition erkämpft hat als verspielter Gegenpart zu seinen gewichtigen Kollegen.

Der größte Elefant im kleinsten Raum

Für den „Two Ball 50/50 Tank“ lässt er zwei Basketbälle in einer mit Wasser gefüllten Vitrine treiben. Sie sind so präpariert, dass sie genau zur Hälfte über und unter der Oberfläche schwimmen. Wer steigt auf, wer geht unter, fragt die Arbeit. Sie handelt, so die Kuratorin, von den Hoffnungen, die junge Afroamerikaner in den achtziger Jahren in eine Karriere bei der NBA setzten. Selten standen ihre Chancen fifty-fifty.

Der größte Elefant aber ist in den kleinsten Raum gesperrt. In einem dunklen Kabinett läuft das Schwarz-Weiß-Video „Bataille“ des israelischen Künstlers Absalon. In weißem Hemd und dunkler Hose kämpft Absalon einen aussichtslosen Schattenboxkampf. Der Film entstand 1993 nach der Diagnose der HIV-Infektion. Absalon tänzelt um einen unsichtbaren Gegner, schlägt zu, weicht aus, duckt sich, greift an, erschöpft sich. Vergeblich – der Elefant im Raum ist der Tod.

Weil sich die Ausstellung über zwei weit auseinanderliegende Hallen erstreckt, fordert sie von Besuchern eine hohe Konzentration, um in den pfiffigen Wendungen nicht die Fährte zu verlieren. Wer sich einlässt auf diese Neuerzählung, nimmt Bilder im Kopf mit nach Hause. Denn der Elefant im Raum entsteht in der Imagination. Da wird die Großwildjagd zur Gymnastik fürs Hirn.

Hamburger Bahnhof, bis 8. September 2019, tgl. außer Mo von 10 bis 18 Uhr, Do bis 20 Uhr, Wochenende ab 11 Uhr

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