Skulpturen von Charlotte Posenenske : Radikal minimal

Demokratische Kunst: Zwei Prototypen der großartigen Skulpturen von Charlotte Posenenske aus den sechziger Jahren in der Galerie Mehdi Chouakri.

Dorothea Zwirner
Prototypische Skulpturen von Charlotte Posenenske
Prototypische Skulpturen von Charlotte PosenenskeFoto: Jan Windszus

So unscheinbar wie selten sind die beiden Vierkantrohre aus Stahlblech, die in der Galerie Mehdi Chouakri wie frei stehende oder liegende Lüftungsschächte erscheinen. Es handelt sich um zwei der raren Prototypen von 1968, die Charlotte Posenenske noch kurz vor ihrem programmatischen Rückzug aus der Kunst an den Bochumer Sammler Helmut Klinker verkauft hat. Wer dazu ihren begleitenden Brief, die Zeichnung mit sämtlichen Installationsvarianten und das Manifest ihres Ausstiegs liest, beginnt zu ahnen, dass es sich um ein radikales Schlüsselwerk der Nachkriegsmoderne handelt.

Dabei widerspricht der Begriff dem zutiefst sozialen und demokratischen Konzept der deutschen Minimalkünstlerin, die ihr plastisches Hauptwerk der Reliefs, Vierkantrohre und Drehflügel in nur zwei Jahren zwischen 1966 und ’68 geschaffen hat. Denn die industriell gefertigten Objekte sind nicht nur seriell und variabel konzipiert, sondern sogar zum Herstellungspreis reproduzierbar. So hat es die Künstlerin vor ihrem frühen Tod 1985 verfügt und die Kontrolle darüber in die Hände ihres Lebensgefährten Burkhard Brunn gelegt, der den Nachlass zusammen mit der Galerie betreut. Erst mit seinem Ableben ist der Produktion auf Bestellung ein natürliches Ende gesetzt.

Eine anspruchsvoll bescheidene Künstlerin

Im Fall der Vierkantrohre handelt es sich um ein modulares System in Stahlblech oder Wellpappe, bei dem die verschiedenen Elemente variabel miteinander kombiniert werden können. Die Einfachheit der Materialien und die Klarheit der Konstruktionsvorgaben zeugen von einer anspruchsvollen Bescheidenheit, die in dem partizipativen Angebot eine politische Dimension aufweist. Die Welt gemeinschaftlich und spielerisch zu gestalten innerhalb klarer Regeln und Grenzen, ist die Einladung und Botschaft einer Künstlerin mit großem Sinn für die Gleichförmigkeit und deren Nuancierungen.

1930 in Wiesbaden als Tochter eines jüdischen Apothekers geboren, der sich 1940 das Leben nahm, überlebte Posenenske die Nazizeit mit ihrer Mutter in einem Versteck. Nach einem Kunststudium bei Willi Baumeister, dem damals profiliertesten Vertreter der Abstraktion, beginnt Posenenske zunächst am Theater als Kostüm- und Bühnenbildnerin, bevor sie 1959 zur freien Kunst wechselt. Rückblickend lassen ihre frühen Spachtelarbeiten, Streifenbilder und Faltungen einen konsequenten Weg von der Fläche in den Raum und eine zunehmende Hinwendung zur Geometrie erkennen.

Später engagierte sie sich gewerkschaftlich

In dieser experimentellen Phase freundet sie sich mit dem Künstler Peter Roehr und dem späteren Galeristen Paul Maenz an, die 1967 in Frankfurt erste Gruppenausstellungen mit ihr und führenden Minimal- und Konzeptkünstlern wie Sol LeWitt und Carl Andre organisieren. Unter dem Eindruck der amerikanischen Kollegen, die Posenenske bereits 1965 bei einer New-York-Reise kennengelernt hatte, entwickelt sich rasch ihr Hauptwerk. Im Unterschied zum affirmativen Minimalismus der Amerikaner zeichnet sich Posenenske jedoch durch einen reduzierten Minimalismus aus, der die gesellschaftliche und politische Realität zu bündeln sucht und sich in letzter Konsequenz selbst zum Verschwinden bringt. Es waren dieselben Schlagworte der Veränderbarkeit und Partizipation, Kooperation und Öffentlichkeit, mit denen die politischen Protestbewegungen um 1968 in Europa antraten, die auch Posenenskes künstlerisches Konzept formten.

[Galerie Mehdi Chouakri, Mommsenstr. 4; bis 31. August mit eingeschränkten Öffnungszeiten und nach Vereinbarung]

Genauso stringent und radikal wie ihre künstlerische Haltung war auch der Bruch, den sie 1968 mit ihrem Manifest in der Kunstzeitschrift „Art International“ vollzog. Der Text endet mit dem Eingeständnis: „Es fällt mir schwer, mich damit abzufinden, dass Kunst nicht zur Lösung drängender gesellschaftlicher Probleme beitragen kann.“ Egal ob man dieses Manifest als äußeren Bruch oder innere Konsequenz deuten mag, war es selbst ein künstlerischer Akt, in dem Scheitern und Vollendung zusammenfallen. Denn Charlotte Posenenske übertrug ihre Passion für industrielle Fertigung und partizipatives Miteinander von der Kunst in ein Soziologiestudium mit dem Schwerpunkt Arbeitswissenschaft und Fabrikarbeit, um sich später gewerkschaftlich zu engagieren.

Ihre Arbeit steht jetzt auch in einem amerikanischen Museum

Trotz oder wegen ihres entschiedenen Rückzugs aus der Kunstwelt und der Verweigerung einer Wertsteigerungsmöglichkeit wurde sie allmählich wiederentdeckt. Spätestens mit der Documenta 12 von 2007 begann der posthume Erfolg, der aktuell in einer ersten amerikanischen Retrospektive im Dia:Beacon bei New York zu bestaunen ist, wo Posenenske kurz zuvor mit einem großen Ankauf in den Olymp der Minimalkunst aufgenommen wurde. „Work in Progress“ heißt die Ausstellung, die anschließend nach Barcelona, Düsseldorf und Luxemburg wandert. Von dieser unabgeschlossenen Prozesskunst kann man weiterhin eine autorisierte Rekonstruktion zum Herstellungspreis erwerben. Der nahezu ununterscheidbare Prototyp von 1968 ist dagegen unweigerlich dem Prozess der Historisierung und Wertsteigerung ausgesetzt (Preise auf Anfrage).

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