Slowakei bei Young Euro Classic : Flüstern ausdrücklich erwünscht

Eine ganz besondere Aufführung: Der slowakische Nachwuchs begeistert bei Young Euro Classic mit einem ungewöhnlichen Klangerlebnis.

Jakob Wittmann
Faible für ungewöhnliche Kompositionen. Das Nationale Jugendorchester der Slowakei.
Faible für ungewöhnliche Kompositionen. Das Nationale Jugendorchester der Slowakei.Foto: © Lars Reimann

Wie Schilf im Wind klingt es, wenn ein ganzer Konzertsaal die Hände aneinander reibt, wie aufziehender Regen, wenn die Zuschauer mit den Fingern schnipsen und dabei immer lauter werden. Das Young Euro Classic Konzert der Slowakei beginnt am Sonntagabend mit einer ganz besonderen Aufführung. Etwa dreißig Kinder und Jugendliche präsentieren ihre „Hymne über die kulturelle Vielfalt Europas“ – und beziehen dabei das Konzerthaus-Publikum mit ein. In den Juniorfestival-Workshops haben die jungen Musikenthusiasten ausprobiert und komponiert, wie der Kontinent als Symphonie klingen könnte: verschiedene Melodien, nacheinander, nebeneinander, übereinander, eine spanische Gitarre, die Melodie von „Frère Jacques“, dazu die Handgeräusche – und das Flüstern verschiedener Sprachen im ganzen Saal. Viele sind sichtbar gerührt von diesem entrückt-multimelodischen Klangerlebnis.

Begleitet wird „der Nachwuchs des Nachwuchses“ dabei vom Nationalen Jugendorchester der Slowakei. Dem Ensemble gehört dann auch der Rest des Abends. Gleich im Anschluss beweist es, dass es ein besonderes Faible für ungewöhnliche Kompositionen hat: „Le boeuf sur le toit“, der Ochse auf dem Dach, war vom französischen Komponisten Darius Milhaud 1920 eigentlich als Filmmusik für eine Chaplin-Komödie gedacht, ist als Orchester-Fantasie aber nicht minder unterhaltsam. Immer wieder wechseln sich verschiedene zum Teil polytonale Motive mit einem wiederkehrenden Thema ab. Dieses erinnert durch seinen synkopischen Rhythmus – vom Perkussionisten mit dem Ratschen eines hölzernen Guiros angetrieben – und der leicht angetrunkenen Melodie der Trompeten an Gershwin und macht deutlich, dass das Stück auch brasilianische Einflüsse hat.

Wie ein spannungsgeladenes Westernszenario

Für den australischen Dirigenten Benjamin Bayl sind die vielen Tempo- und Stimmungswechsel eine sichtbare Herausforderung, die er im wahrsten Sinne des Wortes tanzend löst: Bei seinen Hüpfern hebt er zwischendurch fast ab. Der lebendige Einstieg gelingt und wird dann vom modern-cineastischen „Konzert für Klavier“ der slowakischen Komponistin Lubica Cekovská kontrastiert. Das expressionistische Spiel des Pianisten Miki Skuta, die stimmungsvolle Begleitung der Streicher und Gongschläge aus der letzten Reihe erinnern an ein spannungsgeladenes Westernszenario.

Zeitgenössisch geht es auch nach der Pause weiter. Der junge Klarinettist Martin Adámek wirkt auf den ersten Blick schüchtern – und begeistert dann die Zuschauer in Ondrej Kukals „Clarinettino“ mit feiner Rhythmik und kraftvollem Klang. Der musikalische Höhepunkt, Beethovens zweiter Symphonie, wirkt als Finale an diesem Abend erstaunlicherweise wie ein retardierendes Moment. Das Orchester nutzt die Gelegenheit dennoch, zu beweisen, dass in dem kleinen Land musikalische Vision und Tradition Hand in Hand gehen.

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