Slowenien bewirbt sich als Ehrengast der Frankfurter Buchmesse

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Slowenien : In Europas Puppenstube
Nationalhymnendichter. Das Monument von France Prešeren auf dem nach ihm benannten Platz in Ljubljana, links die Franziskanerkirche.
Nationalhymnendichter. Das Monument von France Prešeren auf dem nach ihm benannten Platz in Ljubljana, links die...Foto: Wojtek Buss /AGF Creative / vario images

Pirjevec, einer von rund 15000 Triestiner Slowenen, hat jahrzehntelang an italienischen Universitäten unterrichtet. Er besitzt die doppelte Staatsbürgerschaft. Er freut sich darüber, dass die Diskriminierung gerade in den letzten Jahren abgenommen habe. Der Posten eines Rektors, glaubt er, wäre ihm trotzdem verwehrt geblieben. „Die alte Apartheid ist noch da“, sagt er im Garten seines Hauses, inmitten von wucherndem Grün, „sie wohnt in den Köpfen.“

Tatsächlich finden sich in Triest fast nirgends slowenische Aufschriften. Allerdings gibt es öffentliche Kindergärten, ein Theater und neben der Synagoge die Libreria Triestina/Tržaška Knjigarna, eine von Ljubljana subventionierte Buchhandlung. Ein ganzes Regalfach gehört Marko Sosič, dem neben dem 102-jährigen Boris Pahor bekanntesten slowenischen Erzähler aus Trst, wie die Stadt in seiner Sprache heißt.

Auf einem eigenen Tisch stapeln sich die Bändchen des 1926 im Alter von nur 22 Jahren gestorbenen Srečko Kosovel, des erst in den sechziger Jahren in seiner avantgardistischen Bedeutung zur Gänze entdeckten Konstruktivisten. Neben dem romantischen Nationaldichter France Prešeren, der in Bronze gegossen und mit einer Muse als Beigabe die Altstadt von Ljubljana bewacht, hat Kosovels Ruf es am weitesten hinaus in die Welt geschafft.

Die Slowenische Bibliothek ist auf 30 Bände angelegt

Um sein literarisches Gewicht unter Beweis zu stellen, bewirbt sich Slowenien gerade als Ehrengast der Frankfurter Buchmesse. Der international renommierteste lebende Erzähler ist wohl der 1948 geborene Drago Jančar. In Deutschland kennt man den 1973 geborenen Dichter Aleš Šteger am besten – und seine verstorbenen Freunde Tomaž Šalamun und Dane Zajc. Derjenige, von dem man sich künftig Großes erhofft, ist der 1980 geborene Goran Vojnovič. Er hat bei Folio mit „Vaters Land“ einen ersten Roman auf Deutsch veröffentlicht.

Zu entdecken gilt es aber auch ein weithin unbekanntes Erbe. Die erzählende Literatur des 19. und 20. Jahrhunderts steht im Mittelpunkt einer auf 30 Bände angelegten Slowenischen Bibliothek, einem Gemeinschaftsprojekt der Klagenfurter Verlage Drava, Mohorjeva/Hermagoras und Wieser. Fünf Bände hat Herausgeber Erwin Köster bisher vorgelegt.

Aber woher soll die Aufmerksamkeit für die Dichter kommen? Von Gregor Strniša, den nicht nur Šteger für die bedeutendste Stimme in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts hält, gibt es kein einziges Gedicht auf Deutsch. Mit seinen metaphysischen, auf die Durchdringung kosmologischer Strukturen ausgerichteten Texten, galt Strniša selbst dem im Mai verstorbenen Fabjan Hafner, der sich stets als Mann für schwierige Fälle empfahl, als unübersetzbar.

Heinrich Böll rettete Kocbek vor weiterer Verfolgung

Von dem Linkskatholiken Edvard Kocbek (1904-1981) konnte man hierzulande immerhin Notiz nehmen, etwa durch Klaus Detlef Olofs Gedichtauswahl „Aschenglut“. Unter den modernen Klassikern ist er eine historische Schlüsselfigur. Seine Distanz zu den Kommunisten hielt ihn nicht davon ab, sich 1941 auf die Seite der Partisanen zu schlagen und in Titos Übergangsregierung kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs einen Ministerposten zu bekleiden. Er wurde aber schnell zur persona non grata, nachdem er die Moral der Partisanen infrage gestellt hatte. Insbesondere als er Mitte der 70er Jahre darauf hinwies, dass die Kommunisten unmittelbar nach Kriegsende 12 000 kriegsgefangene Angehörige der mit den Deutschen kollaborierenden Slowenischen Heimwehr gemeuchelt hatten, konnte ihn nur Heinrich Böll vor weiterer Verfolgung schützen.

Die 30 Bände umfassenden Tagebücher des inzwischen Rehabilitierten gelten als zeitgeschichtliche, philosophische und poetologische Schatztruhe. Eine deutsche Auswahl würde genügen, und man würde wohl auch das heutige Slowenien in seiner Zerrissenheit zwischen jugoslawischem Erbe und europäischem Auftrag besser verstehen. Schon Kocbek ahnte, dass es, ganz allein auf sich gestellt, verkümmern würde. In einem wunderbaren kleinen Gedicht spinnt er die Idee aus, dass die Chinesen nur im selben Moment von einer zwei Meter hohen Stelle auf Feindesland springen müssten, um ein verheerendes Erdbeben auszulösen. Eine solche Kriegswaffe sei seinen Landsleuten nicht gegeben: „Die Slowenen müssten aus solcher Höhe / auf die Erde springen, / dass alle draufgingen. / Deshalb müssen wir uns dem Nachbar verschreiben, sagen sie im Futurismus-Seminar.“

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