Sofia Hultén in der Kindl-Brauerei : Wenn Italien im Zementschlamm versinkt

Die britische Künstlerin Sofia Hultén in der Maschinenhalle der Kindl-Brauerei, dem Neuköllner Zentrum für zeitgenössische Kunst.

Jens Hinrichsen
Ansicht von Hulténs Installation „Unstable Fakers of Change in Self“ in der Kindl- Maschinenhalle.
Ansicht von Hulténs Installation „Unstable Fakers of Change in Self“ in der Kindl- Maschinenhalle.Foto: Jens Ziehe, (c) Sofia Hultén/VG Bild-Kunst, Bonn, 2018

Im Jahr 1913 schuf der italienische Futurist Umberto Boccioni die Plastik eines Schreitenden. Obwohl aus starrer Bronze, löst sich die Figur in teils wellenförmigen, teils gezackten Bewegungsmustern förmlich auf. Heute befindet sich die Bronze „Einzigartige Formen der Kontinuität im Raum“ im New Yorker Museum of Modern Art. Man muss schon genau hinschauen, um Boccionis rastlosen Bronzemann in Sofia Hulténs Soloschau im Neuköllner Kindl – Zentrum für zeitgenössische Kunst wiederzufinden. Anfangs informiert nur der Begleittext darüber, wie sich die futuristische Plastik in die neue Werkgruppe der 1972 in Stockholm geborenen Künstlerin eingeschrieben hat.

Doch die dynamische Boccioni-Figur taugt womöglich als Maskottchen sämtlicher aktueller Ausstellungen im ehemaligen Brauerei-Komplex. Denn alles fließt im Kindl. Thomas Scheibitz’ „Plateau mit Halbfigur“ flottiert im Kesselhaus zwischen Malerei und Skulptur. Eine Foto-Gruppenschau unterhält mit „Absurden Routinen“, also foto- oder videografisch festgehaltenen Abläufen oder Resultaten recht eigenartiger Denkbewegungen. Auf Kathrin Sonntags Fotostillleben entwickeln Alltagsdinge magisches Eigenleben, außerdem ist ihre Einzelausstellung „Things Doing Their Things“ so inszeniert, als wäre sie noch nicht eröffnet: Leitern, Farbeimer, fragmentarisch gerollte Wandfarben geben der Präsentation einen flüchtigen Anstrich.

Geht noch mehr Baustelle? Auf jeden Fall! Im Maschinenhaus M1 einen Stock tiefer hat Sofia Hultén neun Baugerüste im Raum verteilt. Es ist eine spröde Struktur, der es trotzdem nicht an Übersichtlichkeit mangelt. In jeder der neun Gerüst-Skulpturen wiederholt sich das Kernrepertoire bestimmter Gegenstände: Baunetz, Rundschlinge, Blecheimer, Holzplatte, Kabelbinder, 20-Cent-Münzen.

Hulténs Installation ist zugleich eine Soundarbeit

Die Künstlerin, die in Birmingham aufwuchs, heute in Berlin lebt und an der Braunschweiger Kunsthochschule lehrt, ist bekannt dafür, ihr Material gleichsam auf der Straße aufzulesen. Eine ältere Videoarbeit von ihr wird knapp unter der Raumdecke projiziert: In den 72 Minuten des Films „Past Particles“ von 2010 zeigt Hultén in viersekündigen Einzelbildern den Inhalt eines gefundenen Werkzeugkastens. Nagel, Dübel, Flügelmutter, Schraube, Unterlegscheibe etcetera. Minimalismus aus dem Hobbykeller.

Mutmaßlich inspiriert von Fischli/Weiss’ legendärem Perpetuum-mobile-Video „Der Lauf der Dinge“ (1987) werden die Materialien auf den Baugerüst-Skulpturen in Bewegung versetzt. Was real dort steht und liegt, ist zugleich auf ins Gerüst integrierten Videoschirmen zu sehen. Die Performerin, von der man höchstens die Hände sieht, stopft zum Beispiel ein Baunetz in einen Eimer. Das kann man ja auch „absurde Routine“ nennen.

Malerisch-abstrakt wirkt es, wenn ein solches blaues Netz auf einem anderen Bildschirm in Mörtelschlamm versinkt. Rundschlingen pendeln durchs Bild. Geldmünzen fliegen scheppernd in Blecheimer. Woanders färbt Sprühlack ein metallgraues Gerüstteil bronzefarben – da wird die Boccioni-Referenz visuell dingfest. Und Hulténs Installation ist zugleich eine Soundarbeit: Es zischt, klickklackt, hämmert, schnarrt. Die Maschinenhalle wird akustisch wiedererweckt.

Ausgeprägtes politisches Bewusstsein

Das MoMA listet Boccionis Skulptur als „Unique Forms of Continuity in Space“. Aus den Anfangsbuchstaben dieses Werktitels leitete Hultén ihre Ausstellungsüberschrift „Unstable Fakers of Change in Self“ ab. Damit nicht genug der Konkreten Poesie, jede Gerüst-Skulptur trägt einen aus den Buchstaben U-F-o-C-i-S generierten Titel: Auf dem Video zur Arbeit „Unfortunate Fiends of Clowns in Shit“ etwa versinkt ein halbes Dutzend 20-Cent-Stücke in Zementschlamm. Auf den Münzen kann man den schreitenden Mann wiederentdecken. Hultén verwendet nur italienische 20-Cent-Stücke mit dem Boccioni- Klassiker als Münzenkopf.

Im Hinblick auf die Finanzkrise in Italien möchte man aus dem Motiv, insofern es Eile und Auflösung suggeriert, durchaus eine bittere Ironie herauslesen. Die Präzision, mit der Sofia Hultén Materialien und Zeichen setzt, lässt auf ein ausgeprägtes politisches Bewusstsein schließen. Bewegung, Dynamik, Verflüssigung – da ist man am Ende nicht weit entfernt von Marx’ und Engels’ kommunistischem Manifest: „Alles Ständische und Stehende verdampft ...“. Eine Überinterpretation? So abstrakt-verspielt jedenfalls, wie man vermuten mag, ist Sofia Hulténs Installation im Kindl sicher nicht.

Am Sudhaus 3, bis 31.3.; Mi–So 12–18 Uhr

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