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Solidarität in Zeiten des Coronavirus : Singen gegen die Quarantäne

Musik hilft: Opern-Streamings, digitale Popkonzerte, Igor Levit gibt Twitter-Konzerte - und ganz Italien singt: Wie die Menschen zusammenhalten.

Alles wird gut: Der Hashtag ist omnipräsent in Italien, wo die Menschen auf die Balkone kommen, um der Einsamkeit mit Flashmobs zu trotzen.
Alles wird gut: Der Hashtag ist omnipräsent in Italien, wo die Menschen auf die Balkone kommen, um der Einsamkeit mit Flashmobs zu...Foto: REUTERS/Massimo Pinca

Berliner Clubs und Kneipen sind seit Samstag geschlossen, die Party ist also auch hierzulande vorbei? Von wegen. Sie wird nur etwas kleiner, privater, anders als bisher. Aber sie fällt wegen Corona noch lange nicht aus. Der Berliner Club „Wilde Renate“ ist der erste, der seine Partys per Livestream in die Wohnzimmer überträgt.

Auch die Tango-Schule Nou Mitte gehört zu den Vorreitern und streamt ihre Milonga-Abende mit DJ-Sets (freitags ab 21.45 Uhr), und unsereins verabredet sich zu Online-Pilates. Clubnächte in den eigenen vier Wänden, die Küche als Tanz- oder Sportstudio: Die Fantasie ist gefragt.

Der Mensch ist erfinderisch, und ein ungeheuer soziales Wesen. Also lassen sich Veranstalter, Künstler und in ihren Wohnungen isolierte Leute etwas einfallen, um in Zeiten des Shutdowns Gemeinschaft zu stiften. Ständig klingelt das Telefon, Freunde und Verwandte schicken Nachrichten am laufenden Band, es ist deutlich zu spüren: So viel Miteinander war nie. Das Virus bringt uns auseinander und gleichzeitig enger zusammen. Die Krise als Chance zur Solidarität? Vielleicht funktioniert es ja.

Nach dem „Geisterkonzert“ der Berliner Philharmoniker unter Leitung ihres Ex-Chefs Simon Rattle am vergangenen Donnerstag haben die Berliner Philharmoniker ihre Digital Concert Hall komplett frei geschaltet, mit mehr als 600 Konzerten aus über zehn Jahren, darunter alleine 15 mit dem neuen Chefdirigenten Kirill Petrenko sowie die Projekte des Educationprogramms. Einfach vor dem 31. März mit dem Code BERLINPHIL registrieren und man ist 30 Tage gratis dabei.

Auch die Staatsoper Unter den Linden hatte bereits einen Livestream am Start, zusammen mit dem RBB. Zur „Carmen“-Inszenierung unter Regie von Martin Kusej, der von über 160.000 Zuschauern aus der ganzen Welt verfolgt wurde, gesellt sich nun der Livestream der Generalprobe von Mozarts „Idomeneo“ aus der Lindenoper am 18. März (Regie: David McVicar, am Pult: Simon Rattle). Was die ausfallenden Oster-Festtage betrifft, versucht Daniel Barenboim ebenfalls, ein digitales Festival auf die Beine zu stellen.

Das Theater La Fenice in Venedig macht’s vor, seit Anfang des Monats wurden bereits zwei Opernabende und zwei Konzerte live gestreamt, als nächstes folgt Luigi Nonos „Intolleranza 1960“. Auch die Bayerische Staatsoper hat blitzschnell reagiert und präsentierte an diesem Sonntag nicht nur ihre Spielzeit-Präsentation live auf staatsoper.tv (ab11 Uhr), sondern zeigt auch das Akademiekonzert unter Leitung von Joana Mallwitz am Montag online, mit Schuberts Unvollendeter, Mahlers 1. Symphonie und Liszts Klavierkonzert Nr. 1. Solist ist Igor Levit.

Von München und Berlin über das Theater Krefeld und die Kölner Philharmonie (an diesem Sonntag Bachs Johannespassion auf philharmonie.tv) bis zu Broadway-Ankündigungen: Überall werden jetzt Online-Vorstellungen annonciert.

Starpianist Igor Levit ist bereits seit Donnerstag dabei und gibt allabendlich ein Hauskonzert über Twitter: Auf Beethovens Hammerklavier-Sonate folgten am Freitag eine seiner Lieblingskompositionen, Frederik Rzewskis Variationszyklus mit dem gerade besonders passenden Titel „The People United Will Never Be Defeated“ und am Samstag – bereits aus München – Bachs Chaconne d-moll in der Brahms’schen Klavierbearbeitung für die linke Hand.

Ein von tiefer Trauer und gleichzeitig großer Lebensenergie getränktes Werk: die Beschränkung als Herausforderung. Mal sehen, ob er am Montag aussetzt, weil sein Liszt ja live aus der Staatsoper gestreamt wird.

Die Popmusik steht dem nicht nach. Nachdem James Blunt mit seinem Konzert vor den leeren Rängen der Hamburger Elbphilharmonie den Anfang gemacht hatte, gab der Sieger des Eurovision Song Contest 2017, Salvador Sobral, am Samstagabend ebenfalls ein Online-Konzert, speziell für jene Menschen, die „zu Hause in Quarantäne sind, ob freiwillig oder unfreiwillig“.

Die „kleine Show“ mit seinem musikalischen Partner und Gitarristen André Santos, wie der 30-jährige portugiesische Sänger das Event per Facebook ankündigte, ging ab 21.30 Uhr über Sobrals soziale Netzwerke über die Bühne, unter anderem mit einer mitreißenden Version von "Happy together". Trotz des eher mumpfigen Sounds hörten nach einer halben Stunde 21.000 Leute zu - ein Publikum in Waldbühnen-Größe.

Sobral hatte 2017 den ESC in Kiew mit „Amar Pelos Dois“ gewonnen und anschließend wegen einer Herztransplantation Schlagzeilen gemacht.

Die Weltmeister des Singens gegen die Quarantäne sind jedoch die Italiener. Gianna Nanini streamt Live-Konzerte aus ihrem privaten Musikstudio, das Mailänder Sinfonieorchester Giuseppe Verdi hat die Parole #Lamusicanonsiferma ausgegeben – die Musik hört nie auf. Und das ganze Land macht auf seine Weise aus der Ausgangssperre ein Fest, die italienische Fantasie zur Überwindung der Isolation sorgt für die schönsten Nachrichten und Bilder dieser Tage.

Alles wird gut: Unter dem Hashtag #andratuttobene finden sich zahllose anrührende Szenen und Videos im Netz, ob auf Instagram oder Twitter. Angefangen vom Balkon-Flashmob über Fensterkonzerte, Sportstunden und einen Online-Nähkurs bis zum virtuellen gemeinsamen Abendessen.

Vor allem die Macht der Musik bricht sich Bahn. Krise, Ausnahmezustand, Isolation? Es ist der Gesang, diese alterierte Form des Sprechens und der Kommunikation, auf den viele in dieser besonderen Situation zurückgreifen, ein fast archaischer Akt.

Im Internet finden sich bewegende Szenen: Aus Siena wird das Video einer nächtlichen Straße getwittert, aus deren Häusern ein wehmütiges Volkslied erklingt, mehrstimmig, vorgetragen offenbar von älteren Männern.

„Isabella“ twittert eine Darbietung mit Vaterlandsgesang, auf dem oberen Balkon eine kleine Blaskapelle, auf dem Balkon darunter die Sängerin.

In Turin, Salerno oder Neapel, überall versammeln sich die Menschen, singen a cappella oder begleitet von Topfdeckeln, Tamburin, Trompete, akustischer oder E-Gitarre. Es war die Nachtigall und nicht die Lerche? Es ist das Virus, das die Menschen auf neue Weise zusammenbringt.
Flashmobs, Nationalflaggen und Selbstgemalte "Alles wird gut"-Bettlaken gegen die Einsamkeit. Mal sehen, was die Deutschen sich einfallen lassen, sollte es auch hier zu einer Ausgangssperre kommen. In Spanien singen sie auch schon. (mit dpa)

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