Solo von Sophie Rois am Deutschen Theater : Zivilisation adieu

Galliges Vergnügen mit der Robinsonade „Sophie Rois fährt gegen die Wand im Deutschen Theater“.

Katastrophentouristin. Sophie Rois kraxelt im Tortengebirge.
Katastrophentouristin. Sophie Rois kraxelt im Tortengebirge.Foto: Arno Declair

„Ich schlief herrlich. Was hatte ich früher schlecht geschlafen. Aber jetzt ... diese Stille. Ah, diese Stille!“ Die Frau, die hier von den Wonnen der Lärmfreiheit schwärmt, genießt die Natur in den Bergen, ganz ohne Menschen, völlig ungestört.

Im Grunde also der ultimative Touristentraum, für so etwas zahlen Leute viel Geld. Das Problem oder das Glück, je nach Perspektive: Sie wird noch sehr lange allein bleiben. Mutmaßlich bis zum Lebensende.

Die namenlose Protagonistin aus Marlen Haushofers Roman „Die Wand“ muss lernen, die Wildnis zu lieben. Mit ihrer Cousine und deren Ehemann ist sie zu einer Jagdhütte in den Bergen aufgebrochen. Allerdings kehrt das Paar von einem abendlichen Gaststättenausflug nicht zurück.

Und die Zurückgelassene findet sich am Morgen unversehens unter einer Art riesiger, undurchdringlicher Käseglocke wieder.

Jenseits dieser gläsernen Wand sind alle wie versteinert, also tot (obschon man bei einigen Zeitgenossen, wie die Erzählerin treffend bemerkt, ja nicht wirklich sicher sein kann, ob sie je gelebt haben). Die Frau ist jedenfalls fortan auf sich und einige Tiere gestellt und sagt der Zivilisation adieu.

Der Roman "Die Wand" wurde ein großer Erfolg

Zum Erscheinen 1963 schrieb „Der Spiegel“ so unnachahmlich: „Nach der verbreiteten zeitgenössischen Mode, schmale Einfälle zu Romanen breitzutreten, erstellte die 43-jährige Österreicherin Haushofer eine Haus-und-Hof-Robinsonade für 1 Frau, 1 Hund, 1 Katze und 1 Kuh.“

Das hat „Die Wand“ allerdings nicht darin gehindert, ein großer Erfolg zu werden, zumal in den 80ern, als erstens die Friedensbewegung darin einen verschlüsselten Appell gegen die atomare Aufrüstung erkannte, und zum anderen die Frauenbewegung einen gar nicht so versteckten Abgesang auf die Tage des Patriarchats las.

Immerhin wird der einzige Mann, der im Buch später noch auftaucht, ein furchtbarer Grobian, flugs erschossen.

Dass ausgerechnet diese Interpretationen für Sophie Rois den Ausschlag gegeben haben, den Roman ihrer Landsfrau am Deutschen Theater als Solo zu performen, darf bezweifelt werden.

In der Regie, der Bühne und der Fassung von Clemens Maria Schönborn macht sie es sich eingangs an einem Kaffeehaustischchen nebst Plüschbank und Aschenbecher gemütlich und liest den Klappentext des Haushofer-Buches vor.

Ein Erdbeertorten-Stück senkt sich auf die Bühne

Was eine gewisse tagträumerische Sehnsucht danach stiftet, in die Geschichte einzutauchen und sich dem wohligen Kitzel eines Endzeitszenarios hinzugeben – ohne wie die Romanheldin befürchten zu müssen, dass die Streichhölzer in 4000 Tagen zur Neige gehen, und die Zigaretten noch früher. Zivilisationskritik macht im Schoße der Zivilisation eben immer noch am meisten Spaß.

Nicht von ungefähr senkt sich bald ein gigantisches Tortenstück mit Erdbeer-Drapierung vom Schnürboden herab, auf dem Rois herumkraxelt wie im Gebirge oder in das sie hineinklettert, wenn es im Text um die Entdeckung einer Jägerhütte geht, wo einige Schätze schlummern.

Und zwei alte Zeitungsausgaben. „Grenzenlos telefonieren ohne Aufpreis“, liest Rois und lacht tonlos: „Hahahaha!“. Oder: „Feuilleton – hahahaha!“

Um die Erwartung an gepflegtes Einfühlungstheater bereits vor der Tür zu zerstreuen, heißt der Abend auch nicht „Die Wand“, sondern „Sophie Rois fährt gegen die Wand im Deutschen Theater“.

Die Protagonistin reflektiert über ihre Töchter

An der Wiener Burg hat Dorothee Hartinger die Zurück-zur-Natur-Geschichte 2012 mal ohne doppelten diskursiven Boden auf einer zugigen Stiege performt, im gleichen Jahr erschien die Verfilmung des lange als unverfilmbar gehandelten Romans mit der tollen Martina Gedeck in der Hauptrolle.

Im Gegensatz zu diesen „Wand“-Versionen führt Rois ein Gedankenspiel im Wissen um seine Fallstricke vor: mit einigem technischen Aufwand den urtümlichen Wert des Kühemelkens und Himbeerenpflückens zu preisen

Der besondere Reiz aller Robinsonaden ist ja der Umstand, dass mit der Einsamkeit und Isolation alle sozialen Konstrukte, Selbstsuggestionen und Denkverbote hinfällig werden.

Zu den stärksten Passagen des Romans zählen die Reflexionen der Protagonistin über ihre Töchter, die sie vor allem als kleine Mädchen erinnert: „Die beiden eher unangenehmen, lieblosen und streitsüchtigen Heranwachsenden, die ich in der Stadt zurückgelassen hatte, waren plötzlich ganz unwirklich geworden.“

Geschrieben Jahrzehnte vor der „regretting motherhood“-Debatte! Aber hey, was soll’s: „Ich kann mir erlauben, die Wahrheit zu schreiben; alle, denen zuliebe ich mein Leben lang gelogen habe, sind tot.“

[Wieder am: 16. + 26. 2. (ausverkauft)]

Die verführerischen Seiten der Dystopie

Haushofer, die sich laut Regisseur Schönborn die Grundidee ihrer Story aus einem Sciencefiction-Heft mit dem Titel „Die gläserne Kuppel“ geliehen hat, trägt die verführerischen Seiten der Dystopie in bemerkenswert klarer, ungeschnörkelter Prosa vor.

Sophie Rois macht sie sich mit schelmisch-galligem Vergnügen zu Eigen. Als Katastrophentouristin im Textmassiv, mit geschultertem Gewehr, das gern mal unerwartet in die Parkett-Gemütlichkeit knallt, führt sie in kurzweiligen 75 Minuten die Freuden der totalen Folgenlosigkeit vor.

„Selbst wenn mir plötzlich die aufregendsten Erkenntnisse zuteil würden, wäre es ganz ohne Bedeutung für mich“, ruft Rois im typischen Rois-Tonfall. Und beschließt den Soloabend mit einer alpinen Version von „Like a Rolling Stone“, die mindestens so viel Spaß macht wie ein Kaffeehausbesuch mit inspirierender Lektüre.

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