Sommerausstellungen in den Kunst-Werken : Diese Nuss der ganzen Welt

Berliner Kunst-Werke: Heike-Karin Föll lässt sich in „Speed“ von Rapunzels Haar inspirieren, „Image Bank“ erinnert an eine Künstlergruppe mit fluider Identität.

Jens Hinrichsen
Es lebe das Unlogische. Image-Bank-Mitgründer Vincent Trasov 1974 im Erdnusskostüm.
Es lebe das Unlogische. Image-Bank-Mitgründer Vincent Trasov 1974 im Erdnusskostüm.Foto: Bob Strazicich/Kunst-Werke

Dieses Haarbüschel führt ein Eigenleben. Als Korkenzieherlocke dreht es ein paar virtuelle Runden. Schnitt. Die Strähne streckt sich. Noch ein Schnitt. Das Haar plustert sich auf. Ein Solo für weißes Liniengestrüpp auf schwarzem Grund. Nach wenigen Sekunden startet die 3-D-Animation „tangled“ („verwirrt“) auf dem Minibildschirm von vorn. Heike-Karin Föll, der Kopf hinter der Einzelausstellung „Speed“, hat sich von Disneys „Rapunzel“-Version anregen lassen, speziell vom computeranimierten Schopf der Heldin.

Eine eigenartige Schau ist das im ersten Stock der Berliner Kunst-Werke (Auguststraße 69, bis 1. September. Mi–Mo 11–19 Uhr, Do 11–21 Uhr). Neben der haarigen digitalen Arbeit sind vor allem Seiten aus Fölls Künstlerbüchern ausgestellt, außerdem bedruckte und mit Handzeichnungen versehene Blätter. Auf einem großen Papierbogen fügen sich getrocknete Stängel, Blüten und Laub zum Namenszug „Anita Pallenberg“. Ein Bild, das zwischen Kindergartenbastelei und Glamour hin- und herruckelt. Die Ausstellung ist voller solcher Sprünge, wie ein absichtsvoll grob zusammengeschnittener Film.

Formal zusammengehalten wird die Präsentation durch das Mittel der Linie. Die großen Leinwandformate voller dicker Pinselstriche wirken wie Wiedergänger der Aktionsmalerei der 50er und 60er Jahre. Auf einer Föll-Serie mit Farbkopien der „Concetto spaziale“-Bilder, mit denen Lucio Fontana ab 1947 bekannt wurde, schließen sich die berüchtigten Schlitze förmlich wieder, die Fontanas Messer einst in die Leinwände schnitt. Textzutaten wie „Gilles Deleuze. Sacher-Masoch und der Masochismus“ setzen grelle Lichter auf die Praxis des italienischen Kollegen. Heike-Karin Föll spielt mit der Kunstgeschichte, mitunter ätzt sie gegen deren männliche Protagonisten. Sie spielt eigentlich mit allem, mit Wörtern, Farben, Medienbildern, jongliert nicht zuletzt mit ihrer eigenen Produktion, die die Künstlerin in den Kunst-Werken ohne Rücksicht auf Chronologie zur spröden Installation sampelt.

Seile, an denen, wer will, ins Ungewisse klettern kann

Groß ausgedruckte Listen legen eine Systematik hinter Fölls Schaffen nahe. Die Textseiten ähneln Inhaltsverzeichnissen, folgen aber doch eher dem Prinzip der konkreten Poesie als der Logik: „5.1. Dumme Blumen“. Es wundert allerdings nicht, dass die 1967 in Bad Cannstatt geborene Künstlerin ausgebildete Kunsthistorikerin ist, regelmäßig publiziert und Lehraufträge wahrnimmt – aktuell an der Berliner UdK. Professorale Wichtigtuerei ist ihr offenbar fremd, ihre Kunst bewegt sich fernab vom Prätentiösen, wirkt wie aus dem Moment heraus geschaffen.

In einer Serie bedruckter und mit Föll’schen Linien bezeichneter Blätter kommen Werke aus den Jahren 2010 bis 2019 zusammen. Lauter Linien. Zahlen als sinnfreie Formen. Luftige Sätze wie: „then understanding that everyone is not understanding everything“. Der Titel der Konstellation, „my brain“, wirkt höchst ironisch. Die Künstlerin, die ihr Inneres nach außen kehrt – was für eine altmodische Idee! Föll wirft eher Seile aus, an denen, wer will, ins Ungewisse klettern kann. Welches Rapunzel am Ende des dicken Zopfs wohl zum Vorschein kommt?

Die Installation "My Brain" von Heike-Karin Föll.
Die Installation "My Brain" von Heike-Karin Föll.Foto: Frank Sperling / Kunst-Werke

In einem Interview hat die Künstlerin sich als „anti-partizipatorisch“ bezeichnet. Künstlerische Kollaborationen sind nicht ihr Ding. Eine historische Ausstellung, die ein Stockwerk höher in den Kunst-Werken gezeigt wird, wirkt vom Selbstverständnis der Akteure her geradezu komplementär. Image Bank ist weniger eine Künstlergruppe als ein Netzwerk, das 1970 von einem Briten und zwei Kanadiern gegründet wurde. Stempel, Postkarten, Briefe, Mail-Art-Exponate sind zuhauf in den Ausstellungsvitrinen ausgebreitet. Eine zentrale Aktivität von Image Bank bestand in einem internationalen Austausch von Bildern und Korrespondenz auf dem Postweg. Neben dem Gründungstrio Michael Morris, Vincent Trasov und Gary Lee-Nova (der die Gruppe 1972 verließ) wirkten Dana Atchley, Anna Banana, Eric Metcalf, General Idea oder das Kollektiv Ant Farm regelmäßig mit.

Praxis jenseits des Geniebegriffs

Die Ausstellung zeugt von einer Praxis jenseits des Geniebegriffs. Das Kollektiv rangierte vor einzelnen Egos. Aus dem schillernden Durcheinander der Exponate steigt eine Ahnung davon auf, was aus dem Internet hätte werden können, ein Spielfeld fluider Identitäten vielleicht, bevor die Konzerne das Web verschlangen.

Die Image-Bank-Künstler lebten ihren ausgeprägten Hang zu Rollenspielen und Pseudonymen aus. Michael Morris trat als Marcel Dot auf – und erwies damit dem Vorbild Marcel Duchamp (alias Rose Sélavy) seine Reverenz. Mitgründer Vincent Trasov ist auf den Dokumenten der Schau ausschließlich im Erdnusskostüm zu sehen. Als Mr. Peanut prangt er auf dem Cover des ersten „FILE“-Hefts, das wie das legendäre Magazin „LIFE“ aufgemacht war.

Malerei und Bildhauerei verloren ihre Autonomie

1974 bewarb sich Mr. Peanut bei den Gemeindewahlen in Vancouver um das Amt des Bürgermeisters. In dem Schriftsteller William S. Burroughs fand er einen Fürsprecher: „Die unentrinnbare Logik des Wirklichen hat nichts als unlösbare Probleme geschaffen“, sagte Burroughs in einer Rede, deshalb sei es Zeit für einen unlogischen Kandidaten, nämlich Mr. Peanut – der die Wahl natürlich nicht gewann. Anders als die Comedians, die in der Ukraine, in Italien und Slowenien jüngst politische Erfolge feierten.

1972 erwarben Morris und Trasov ein über sechs Hektar großes Grundstück, das sie „Babyland“ tauften und als idyllische Naturkulisse für kooperative Projekte nutzten. Ein Ausstellungsvideo dokumentiert, wie sich nackte Künstlerinnen und Künstler gegenseitig mit gespiegeltem Licht „zeichneten“. Malerei und Bildhauerei wurden in diesem Ambiente entgrenzt, verloren ihre Autonomie. Die „Babyland“-Bewohner umgaben sich mit Holzbrettchen, die mit den Farben des Spektrums bemalt waren. In den Kunst-Werken sind eine Reihe dieser bunten Bauklötze für eine freiere, unlogischere, künstlichere, bessere Welt ausgestellt, die über die Testphase nicht weit hinauskam. Aber Western Front, der 1973 von Image Bank in Vancouver gegründete Kunstraum, existiert noch.

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