„Sommernachtstraum“ mit Guttenberg und Brandauer : Text gegen Musik

Gastspiel in der Philharmonie: Enoch zu Guttenberg dirigiert sein Orchester Klangverwaltung, Klaus Maria Brandauer liest aus dem „Sommernachtstraum“.

Der Dirigent Enoch zu Guttenberg
Der Dirigent Enoch zu GuttenbergFoto: Markus C. Hurek

Huch, was ist denn mit Enoch zu Guttenberg geschehen? Der dirigierende Baron erschien in der Vergangenheit stets glattrasiert und mit tadellos pomadiertem Haar auf dem Pult. Nun aber widerstehen Silberhaar und Bart jeglicher Bändigung. Was man Guttenberg nie direkt ansah, seine Widerspruchslust, seine Leidenschaft für das Ungeglättete, nun fällt es als Erstes ins Auge. Vielleicht liegt das daran, dass er für sein Gastspiel in der Philharmonie mit Klaus Maria Brandauer einen unberechenbaren Charakterkopf verpflichtet hat, dem er optisch Paroli bieten wollte. Oder daran, dass in der zweiten Hälfte Mendelssohns Musik zu Shakespeares „Sommernachtstraum“ erklingt, an dessen Ende alle Beteiligten ziemlich gerupft wirken.

Im Laufschritt springt Guttenberg aufs Podium vor ein Orchester, das ihm seit 30 Jahren treu ergeben ist. Der sperrige Name „Klangverwaltung“ soll daran erinnern, dass die Musikerinnen und Musiker sich als Treuhändler der Musik verstehen. Zuletzt waren sie in Berlin fulminant mit großen Chorwerken von Bach, Mozart und Verdi zu erleben. Diesmal aber macht Beethovens achte Symphonie den Anfang, jenes vertrackte Werk, an dem sich nicht nur immer die Frage nach dem Humor des Komponisten entzündet, sondern das vor allem nach den rechten Tempi fragt. Spätestens im Finalsatz überschlagen sich die Takte regelrecht – und gegen jede Regel.

Stockend und verstockt

Guttenberg tut sich hier schwer, seinen Weg gegen den Strom zu finden. Zu tief die Furchen, die Harnoncourt gezogen hat, zu virtuos, wie Rattle und seine Philharmoniker darin getanzt haben. Die Streicher der Klangverwaltung erreichen nur wenig Präsenz, der Druck, den Guttenberg permanent erneuert, rutscht durch ihre Saiten. Dadurch erhält dieser Beethoven einen fahlen Zug um die Nase. Nicht nur gibt es keinen fühlbaren Ruhepuls, auch Zusammenhänge kommen ins Purzeln – lange vor dem Finale.

Dass Guttenberg zu seiner Bestimmung findet, wenn sein Chor mit im Spiel ist, lassen seine kurzen Einwürfe in Mendelssohns Schauspielmusik erahnen. Plastisches Musizieren, atmend, verzaubernd. Doch das stockende, auch verstockte Moment dominiert diesen Sommernachtstraum – auch, weil Brandauer als mimender Erzähler nicht mit Unlust an den abzusehenden Liebeswirren spart. Hat man schon tausendmal gesehen, so beschränkte Menschenwesen. Kann man ruhig zwischendrin wegnicken und dem Hochzeitsmarsch ein vergiftetes „schön – immer wieder schön“ hinterherschicken. Text und Musik wissen sich wenig zu sagen und trachten danach, einander auszulöschen. Mithilfe des Chors trägt die Musik leicht gezaust den Sieg davon.

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