Sommerserie "Berliner Mauern" : Wo der Punk aufhört

Teil 3 unserer Serie über "Berliner Mauern" führt nach Kreuzberg, in den Club SO36. Der wurde durch eine Schallschutzwand gerettet.

Die queer-orientale Party Gayhane im Kreuzberger SO36.
Die queer-orientale Party Gayhane im Kreuzberger SO36.Foto: Nanette Fleig

Ein lauter Schlag. Po auf Parkett. Wieder eine Niederlage im Kampf mit der Schwerkraft. Lachend hilft die Gruppe dem Verunglückten auf und stolpert weiter den langen Gang hinauf. Immer dem wummernden Bass entgegen. Ein letzter Schwung, dann haben sie die Tanzfläche erreicht. Es ist ein Montagabend in Kreuzberg. Und wie alle drei Wochen heißt es auch heute: Rollerdisco im SO36. Tanzen auf Rollschuhen. Zwischen elegant dahingleitenden Cracks schieben sich zittrige Anfänger mit dem Rücken an der Wand entlang. Die wenigsten von ihnen werden es wissen: Dieses unscheinbare Gemäuer ist der Grund dafür, dass der Veranstaltungsort in der Oranienstraße 190 überhaupt noch existiert.

Die Spuren dieser Geschichte sind nicht leicht zu entdecken. „Hier ist der Übergang noch zu sehen“. Nanette Fleig richtet den Lichtkegel ihrer Taschenlampe auf den Türrahmen. „Die Außenwand ist von 1871, aber die inneren 40 Zentimeter sind eine hochmoderne Schallschutzmauer.“ Auch wenn sie dick mit mattschwarzer Farbe überstrichen wurde, die Naht ist deutlich zu erkennen. Sie steht für einen Bruch in der Geschichte des SO36, ist zugleich eine symbolische Trennlinie zwischen alter und neuer Hauptstadt, Sinnbild für den Spalt zwischen der subkulturellen Spielwiese Berlin und den Anforderungen einer modernen, verdichteten Wohnstadt.

Alarmierte der Bandname "International Noise Conspiracy" die Behörden?

Fleig, kurze ergraute Haare, rotes T-Shirt und schwarze Gürteltasche, ist im SO36 für Öffentlichkeitsarbeit zuständig. Doch eigentlich hat sie hier alles schon einmal gemacht. Konzertveranstaltung, Buchhaltung, Produktion. Weiß, welche Band welches Graffiti wo hinterlassen hat. Schon Anfang der 90er Jahre war sie Stammgast. Damals arbeitete sie noch bei Fat Wreck Records. Die Größen des Punklabels wie NOFX, Lagwagon und Sick of it all spielten häufig im „Esso“, wie der Konzertladen von seinen Besuchern liebevoll genannt wird. 2017 schloss Fat Wreck seinen europäischen Außenposten in Berlin. Und Fleig heuerte in der Oranienstraße an.

Kurz darauf, am 1. Dezember 2008, war die schwedische Band „International Noise Conspiracy“ zu Gast. Ob es der Name war, der die Behörden alarmierte? Drinnen wütete Sänger Dennis Lyxzén gegen die Auswüchse des Kapitalismus, draußen stand das Ordnungsamt mit einem Schallpegelmessgerät. 45 Dezibel sind laut Immissionsschutzgesetz für Mischgebiete im Stadtraum erlaubt. 49,2 Dezibel standen auf dem Display. Fleig tippt mit den Fingerspitzen auf einen Tisch im Backstagebereich des SO36. Tok. Tok. Tok. „Das sind jetzt 50 Dezibel“. So laut wie Vogelgezwitscher. Oder das Summen eines Kühlschranks. Aber Vorschrift ist Vorschrift. Wenige Wochen später lag ein unscheinbares Schreiben im Briefkasten. Fleig fasst den Inhalt so zusammen: „Ein Todesurteil für das SO36“. Alle Veranstaltungen sollten zukünftig um 22 Uhr enden.

Das Gebäude, in dem der Club liegt, entstand vor 150 Jahren

Fleig öffnet eine Seitentür des Veranstaltungssaals. Kurz müssen sich die Augen an das Tageslicht gewöhnen. Dann ist ein Garten zu erkennen. Spielzeug der benachbarten Kita liegt herum, im Sandkasten sind noch Spuren von der morgendlichen Matschkuchenproduktion zu erkennen. Hinter dem SO36 rattert die U1 in Richtung Kottbusser Tor vorbei. Davor eine große Baugrube. Hier soll in Kürze ein zehnstöckiges Bürogebäude entstehen. An der Ecke ein Autohaus von Audi. Auf der anderen Seite eine Filiale der BioCompany. Dahinter die Mevlana- Moschee. Ist das noch Punk? Sicher nicht, aber auch keine Nachbarschaft, die sich des Nachts beschwert.

Wie ein gemauerter Dinosaurier, der seinen langen Hals durch die Häuserzeile in die Oranienstraße streckt, liegt das SO36 dazwischen. Der Bau aus rotem Klinker entstand vor mehr als 150 Jahren als Bierlokal. Damals hieß Kreuzberg noch Luisenstadt. Später beherbergte das Haus ein Kino, dann ein Atelier, schließlich einen Supermarkt. Mit dem sogenannten „Mauerbaufestival“ öffnete am 13. August 1978 der Musik-Club SO36. Zum ironischen Gedenken an die Errichtung der Berliner Mauer tischten die neuen Besitzer einen großen Kuchen in Gestalt der Grenzanlage auf, der später auf der Bühne zerstört und verspeist wurde. David Bowie erschien an diesem Abend in einem beigefarbenen Anzug, in Begleitung eines angetrunkenen Iggy Pop, der später zugedröhnt an der Bar kollabieren sollte.

Nach dem Mauerfall wurde es ruhig in Kreuzberg - eine Zeit lang

Fortan trafen sich hier jene Künstler, die sonst kaum Orte zur kreativen Entfaltung fanden. Weil sie zu schräg waren. Oder zu kaputt. Oder schlicht zu krachig. Ehemalige Nachbarn erinnern sich noch heute, dass die Konzerte schreiend laut waren. Aber so war Kreuzberg nun mal. Wer hierher zog, wusste, was ihn erwartet. Beschwert hatte sich nie jemand. Dabei konnten die Konzertabende im SO36 durchaus in Straßenschlachten zwischen Linksautonomen und der Polizei umschlagen. Manchmal war der Anlass dazu auch einfach nur, dass die Buslinie 29 wegen der zahlreichen Besucher vor dem Laden die dort gelegene Haltestelle nicht anfahren konnte. Als die legendäre US-Punkband Dead Kennedys 1982 spielte, war der Andrang gar so groß, dass die Oranienstraße komplett gesperrt werden musste.

Ausgerechnet der Mauerfall war es, der das SO36 vorübergehend zu einer Randnotiz im Stadtbild werden ließ. Denn nun lockten im Osten neue Freiräume für Hausbesetzer und deren subkulturelle Entfaltung. „Kreuzberg war out, verstrickt in soziale und ökonomische Stagnation und Abwärtsbewegung“, erinnert sich Fleig. „Ein Ort zum Gähnen.“ Doch die Ruhe währte nicht lange. Der Immobilienboom setzte ein und spülte Neueigentümer, die vom kulturell lebendigen Berlin angezogen worden waren, in die Kieze. Und schon bald folgten die ersten Klagen.

Drakonische Maßnahme: Die Musikanlage wurde von den Behörden verplombt

Auch ein Nachbar des SO36 war darunter. Häufiger hatte er sich schon beschwert: zu laut. Zu lang. Zu viel. „Weil er den Straßenverkehr am Heinrichplatz nicht verklagen konnte, haben wir es dann abbekommen“, vermutet Fleig. Dabei hatte sie zunächst viel Verständnis: „Ich weiß ja, wie nervig so eine Geräuschkulisse sein kann, schließlich wohne ich selbst an einem Schulhof“. Das SO36 bot an, ihm den Einbau von Schallschutzfenstern zu finanzieren, doch er schlug jeden Kompromiss aus. Zuletzt soll der Nachbar gar regelmäßige Geldzahlungen als Entschädigung für die Belästigung eingefordert haben. Dann übernahmen die Behörden. Als erste Konsequenz wurde die Musikanlage im Konzertsaal verplombt, eine festgelegte Lautstärke konnte fortan nicht mehr überschritten werden. Die SO36-Mitarbeiter begannen ihrerseits mit der Mobilisierung: Ämter, Anwälte, Akustiker, Architekten. Bald stand fest: Die günstigste Lösung wäre ein Mauerbau im Hinterhof. Doch die Anfrage nach einer Baugenehmigung beantwortete die Vermieterin des Gebäudes kurzerhand mit einer Kündigung.

Also entschieden sich Fleig und ihre Kollegen dazu, an die Öffentlichkeit zu gehen. Über Nacht plakatierten Unterstützer die ganze Oranienstraße mit Postern: „SO36 bleibt!“. Auf Solidaritätskonzerten spielten die Beatsteaks und die Toten Hosen. Verzweifelte Lokalpolitiker baten die Verantwortlichen der Kampagne bald schon darum, besänftigend auf die Anhängerschaft einzuwirken, denn ihre Postfächer quollen über vor Solidaritätsbekundungen und Protestnoten. Die Angst vor dem kulturellen Bankrott in Berlin war groß. Im selben Jahr hatte es bereits die Auseinandersetzung um den Knaack-Club in Prenzlauer Berg gegeben. Auch dort hatten sich Bewohner von im Hinterhof neu gebauten Eigentumswohnungen über die laute Musik beschwert. Die Folge: Nach 57 Jahren folgte das Aus für den Club.

100 000 Euro kostete die Schallschutzmauer

Die Lokalpolitiker in Kreuzberg konnten die Vermieterin überzeugen, den Vertrag weiterlaufen zu lassen. Doch woher sollte man die 100 000 Euro für Schallschutzmaßnahmen nehmen? Hunderte Spender folgten schließlich dem Aufruf „30 Jahre ohne Mauer sind genug!“. Und dann fanden sich auch endlich die richtigen Fördertöpfe. So konnten im Sommer 2010 die Arbeiten am Lärmschutz beginnen. Zwei Wochen blieb das Scherengitter am Eingang des SO36 zugezogen. Eine Trockenbauwand entstand an der inneren Ostseite, Dutzende Quadratmeter groß, gefüllt mit ausreichend Steinwolle, um das Sägen der Gitarre und Scheppern der Becken in Zukunft zu schlucken.

Zwar kommen auch heute manchmal noch die Nachbarn aus dem Vorderhaus vorbei, erzählt Fleig. „Na, war aber janz schön laut jewesen gestern!“ Meist ist die Quelle für das Problem aber schnell gefunden: Eine offene Tür oder ein gekipptes Fenster. Das hat man aus dem Nachbarschaftskonflikt gelernt: „Kommunikation hilft.“

Am 13. August 1978, dem Eröffnungsabend des SO36, waren die Gründer einst zur nahegelegenen Mauer gezogen, um gegen das „Schandmal“ zu demonstrieren. Heute ist ausgerechnet eine mattschwarz gestrichene Mauer das Symbol für den inneren Zusammenhalt, im Laden und im Kiez. Mehr denn je ist das „Esso“ nicht nur ein Club, sondern ein Begegnungszentrum, wo nach einem Hardcore-Konzert die zutätowierten und durchgeschwitzten Punker nach draußen stolpern und dort auf die geschminkten Besucher der queer-orientalischen Gayhane-Party treffen, die auf ihren Einlass warten. „Es mag seltsam klingen, aber seit dem Bau unserer Mauer ist das SO36 noch offener geworden“, sagt Fleig. Dann steckt sie ihre Taschenlampe weg. Die Schatten der Vergangenheit dürfen wieder ruhen.

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