„Sonnenfalter und Mondmotten“ : Anita Albus entdeckt die Welt der Schmetterlinge

Ein Traum von Taumlern: Angesichts des Insektensterbens begibt sich die Schriftstellerin und Illustratorin Anita Albus auf Schmetterlingsuche.

Tobias Schwartz
Schmetterling des Jahres 2020. Der Grüne Zipfelfalter.
Schmetterling des Jahres 2020. Der Grüne Zipfelfalter.Foto: Walter Schön/BUND/dpa

In „Von seltenen Vögeln“, einem ihrer bekanntesten Bücher, beschreibt die Schriftstellerin und Illustratorin Anita Albus Vogelschwärme von verheerenden Ausmaßes. Im Kapitel „Taubenfinsternis“ sind es US-amerikanische Wandertauben, die wie eine biblische Plage über das Land herfallen.

Im Folgekapitel „Sittichbräuche“ plündern riesige Scharen von Karolinasittichen – die einzige Papageienart Nordamerikas, deren Verbreitungsgebiet sich bis zu den großen Seen des Nordens erstreckte – die Obstplantagen und Getreidefelder. Beide Spezies sind lange ausgestorben. In Anbetracht ihres einstigen Vorkommens in Millionenanzahl galt das einmal als unvorstellbar.

Unvorstellbar ist heute das dramatische Sterben von Insekten, die in noch größeren Schwärmen vorkommen, als es Vögel je taten. In Deutschland wurde ab 1989 ein Schwund von durchschnittlich 76 Prozent festgestellt.

In ihrem neuen, wieder opulent ausgestatteten Buch „Sonnenfalter und Mondmotten“ begibt sich Anita Albus nun auf entomologische Spurensuche und legt ihren Fokus auf die Schmetterlinge. Enthalten sind mehr als 60 Abbildungen, darunter Zeichnungen von Johannes Goedaert oder Maria Sibylla Merian, aber auch zahlreiche eigene.

Der Name Schmetterling, so erfährt man hier, fand erst in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts Verbreitung. Vorher wurden die grazilen und oft farbenprächtig schillernden Lepidoptera oder Schuppenflügler, wie sie in der Wissenschaft heißen, Papilion, Sommervogel oder schlicht Falter genannt.

Viele Schriftsteller forschten über Schmetterlinge

Albus befindet sich mit ihrem Werk literaturhistorisch in guter Gesellschaft. Schon Goethe, Strindberg und nicht zuletzt Nabokov, der wohl bekannteste Schmetterlingsforscher unter den Schriftstellern, hatten ein Faible für Falter. Auch Ernst Jünger („Subtile Jagden“) darf hier nicht unerwähnt bleiben.

Kürzlich erst erschien in der Naturkunden-Reihe von Matthes & Seitz ein hübscher Band über Schmetterlinge, verfasst von der österreichischen Schriftstellerin und Insektenforscherin Andrea Grill.

Wie schon in ihrem Vogelbuch – oder in dem Band „Das botanische Schauspiel“ – verwebt Albus in „Sonnenfalter und Mondmotten“ eigene Betrachtungen mit naturkundlichem und kulturgeschichtlichem Wissen sowie dem Blick der Malerin.

[Anita Albus: „Sonnenfalter und Mondmotten.“ S. Fischer Verlag, Frankfurt a.M. 2019. 240 Seiten, 48 €.]

Ein üppiges Wissen und eine unterhaltsame Lektüre

Ihre kräftigen, mit Naturfarben gefertigten Aquarelle erinnern aus der Ferne an die Insekten- und Pflanzendarstellungen der Maria Sibylla Merian, das Minutiöse und die Plastizität ihrer Beschreibungen hingegen an den großen Entomologen Jean-Henri Fabre, der diesbezüglich wiederum keinen Vergleich mit dem fast gleichaltrigen Gustave Flaubert hätte scheuen brauchen. Die gedrängte Üppigkeit ihres Wissens erreicht eine nachgerade enzyklopädische Dimension.

Lesenswert machen das Buch aber nicht nur Albus’ weitreichende Kenntnisse und ihre verblüffende Beobachtungsgabe, sondern auch ihre essayistische Fähigkeit, das Gelehrte und das Literarische unaufdringlich zu verschmelzen.

Auch Anekdoten tragen ihren Teil dazu bei, dass die Lektüre unterhaltsam bleibt – etwa wenn ein sogenannter „Totenkopfschwärmer“, ein bald handgroßer, Honig liebender Nachtfalter, sich derart an seiner „süßen Droge“ berauscht, dass er sich kopfüber in das Honigglas stürzt und fast ersäuft.

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