Soziologie : Im Nachklang der Dinge

Mit Schwung gegen die Entfremdung: Der Soziologe Hartmut Rosa plädiert für ein Stück „Unverfügbarkeit“.

Christoph David Piorkowski
Anklang finden. Hartmut 2015 auf dem Evangelischen Kirchentag.
Anklang finden. Hartmut 2015 auf dem Evangelischen Kirchentag.Foto: Imago/Eibner

Der heutige Mensch trägt die Welt via Smartphone am Körper. Freunde und Kontakte, beliebige Konsumgüter, ständig wachsende Wissensgebiete: Alles ist prinzipiell verfügbar. Gleichzeitig aber, so scheint es, sind die Beziehungen der spätmodernen Individuen zu ihresgleichen, Dingen und Tätigkeiten kein bisschen intensiver geworden. Folgt man dem Jenaer Soziologen Hartmut Rosa, korrumpiert das moderne Großprojekt einer unentwegten „Reichweitenvergrößerung“ gar ein wirklich beschwingtes Verhältnis zwischen Subjekten und Lebenswelt. Die Folge totaler Verfügbarmachung ist ein großes Verstummen. Die Welt büßt ihre Geheimnisse ein, als indifferente „Anwesenheit“ kann sie uns nicht mehr berühren.

Rosas neues Buch „Unverfügbarkeit“ ist die Fortsetzung seines Werkes „Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehung“ mit deutlich bescheideneren Mitteln. In der Tradition der Kritischen Theorie hatte Rosa schon 2016 auf rund 800 Seiten versucht, die entfremdeten Strukturen moderner Gesellschaften umfassend zu beschreiben. Zugleich aber hatte er den Anspruch mit dem Konzept der Resonanz als Folie eines gelingenden Weltverhältnisses das zur Entfremdung positive Gegenbild zu liefern.

In resonanztheoretischer Hinsicht hat das aktuelle Buch dem nichts Wesentliches hinzuzufügen. Eher lässt sich der Essay, wenn auch mit eigener Schwerpunktsetzung, als unsystematische und leicht lesbare Aufbereitung von Rosas früheren Arbeiten lesen. Moderne, kapitalistisch verfasste Gesellschaften, so die Ausgangsthese, müssen ihre Gegenwart dauernd übertrumpfen, können sich nur im Hamsterrad „dynamischer Stabilisierung“ erhalten. Beschleunigung, Wachstum und Innovationsverdichtung seien dabei nicht nur im ökonomischen und technischen Bereich die alles beherrschenden Leitlinien. Auch der sozialen und kulturellen Sphäre eigne ein radikaler Steigerungszwang. Unsere Lebensform komme einem Anrennen gegen abwärtsfahrende Rolltreppen gleich – der Job, die Mode, das Medium, die Studie können morgen schon von gestern sein.

Höher, schneller, weiter

So habe der „rasende Stillstand“ (Paul Virilio), das Höher, Schneller und Weiter neben den Institutionen letztlich auch unsere Körper, mithin unser Denken und Fühlen besetzt. Das Selbstverhältnis ist auf Optimierung gepolt, das Weltverhältnis zielt auf Beherrschung. So büßen wir Rosa zufolge die Fähigkeit ein, uns von Menschen, Dingen und Aktivitäten in echte Schwingung versetzen zu lassen. Anstatt uns einen „Weltausschnitt anzuverwandeln“, im Resonanzraum zwischen Berührung und Antwort in einen wirklichen Austausch zu treten, seien wir zu permanenter Aneignung verdammt.

Resonanz ist ein menschliches Urbedürfnis. Das Subjekt und die ihm begegnende Welt – hier ist Rosa ganz Phänomenologe – sind miteinander verflochten. Die Erfahrung des berührenden Berührtwerdens macht tatsächlich schon der Säugling. Die kapitalistische Warenwirtschaft nun suggeriert, Resonanz ließe sich kaufen. Das „Haben“ aber erfüllt uns nicht, entfernt uns vielmehr vom „Sein“. Trotz wiederholter Enttäuschung im Angesicht schweigender Objekte, geben wir die Hoffnung nicht auf, durch „Reichweitenvergrößerung“ glücklich zu werden.

„Indem wir Spätmodernen auf die Verfügbarmachung von Welt zielen, begegnet uns die Welt als Serie von Aggressionspunkten, das heißt von Objekten, die es zu wissen, zu erreichen, zu erobern, zu beherrschen oder zu nutzen gilt, und genau dadurch scheint sich uns das Leben, das, was die Erfahrung von Lebendigkeit und Begegnung ausmacht – das, was Resonanz ermöglicht –, zu entziehen“, schreibt Rosa.

Natürlich weiß der Soziologe, dass ständige Resonanz jede Gesellschaft lähmen würde, da sich nichts mehr planen ließe, nichts mehr einfach funktionierte. Das Verhältnis zwischen Verfügbarem und Unverfügbarem aber sei in der Moderne kein gesundes mehr: Deadline, Arzttermin, wichtige Mails, mit den Eltern telefonieren, die Wochenendreise nach Lissabon buchen, Kneipe mit Freunden, Fitnessprogramm, Onlinebanking und Sex haben – vielleicht am kommenden Sonntag, da gibt es ein zweistündiges Zeitfenster. So oder so ähnlich sieht laut Harmut Rosa der resonanzlose Alltag der Spätmoderne aus. Das Dasein erschöpft sich demnach im hochtourigen Abarbeiten niemals endender To-do-Listen. „Erledigen, besorgen, wegschaffen, meistern, lösen, absolvieren“, bis die „Resonanzachsen“ verstummt sind, das Rad im Burnout zum Stehen kommt.

Ausrasten vor dem Laptop

Je verfügbarer aber die Welt gemacht wird, so Hartmut Rosas Überzeugung, desto mehr weicht sie zurück. Der Akt instrumenteller Verfügbarmachung, den Atombombe und Internet auf ganz unterschiedliche Weise betreiben, schafft neue Unverfügbarkeit in fürchterlichster Form. Hier bringt Rosa eine Unterscheidung an. Die „erratische Unverfügbarkeit“ einer unkontrollierbaren Maschine, die unsere Selbstwirksamkeitserwartung radikal untergräbt, habe mit Resonanz rein gar nichts zu tun. Ein zickiger Laptop bringt uns nicht zum Schwingen, sondern höchstens zum Ausrasten.

Die gute, resonanzverheißende Unverfügbarkeit präzisiert Hartmut Rosa denn auch mit dem Begriff der „Halbverfügbarkeit“. Ein Mensch, ein Ding eine Handlung müsse prinzipiell erreichbar, dürfe aber nicht verfügbar sein. So bedarf ich der berechtigten Hoffnung, dass meine Liebe erwidert wird oder ich ein Musikstück, das ich übe, eines Tages werde spielen können. Und doch braucht das Gegenüber eine eigene und frei antwortende Stimme. Wenn mich jemand oder etwas berühren soll, darf das Ergebnis nicht feststehen.So weit, so stimmig. Das große Problem der Resonanztheorie aber bleibt die begriffliche Unschärfe.

In seiner jetzigen Form ist das Konzept auch für Esoteriker, Impfgegnerinnen und Anhänger von Hausgeburten anschlussfähig, die jenseits verfügender Schulmedizin auf den Eigensinn von Körper und Natur setzen. Auch ein reaktionärer Antisemit wie Martin Heidegger hat auf seinen Schwarzwälder Holzwegen die im „Gestell“ der verfügenden Moderne verstummte Stimme des Seins gesucht. „Instrumentelle Vernunft“ und „identifizierendes Denken“ mögen gefährlich sein, der Irrationalismus der Romantik ist es genauso.

Rosa ahnt die Probleme seines „positiven Gegenentwurfs“. Wie der Paradigmenwechsel hin zu einer „Postwachstumsgesellschaft“ vonstatten gehen könnte, vermag er als Soziologe nicht zu sagen. Adorno wusste genau, warum er sich auf Kritik beschränkte. Auf dem knappen Raum des Unverfügbarkeits-Essays bleiben die theoretischen Schwierigkeiten bestehen. Vielleicht wäre es sinnvoll gewesen, den allzu beliebigen Begriff der Resonanz stärker zu differenzieren. Für ein tragfähiges Gegenbild zur Entfremdung müsste Rosa zwischen emanzipatorischen und regressiven Formen unterscheiden. Vielleicht leistet er das in einigen Jahren, und dann wieder auf 800 Seiten.

Hartmut Rosa: Unverfügbarkeit. Residenz Verlag, Salzburg 2018. 136 Seiten, 19 €.

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