Spaziergang durch Lissabon : Im Land der sanften Sitten

Zu Silvester wird kaum geknallt, an den Bussen steht "Frohe Festtage" und der Kunde ist König: Portugals Hauptstadt begegnet ihren Gästen mit Freundlichkeit.

Die stille Schöne: Blick auf die Altstadt von Lissabon
Die stille Schöne: Blick auf die Altstadt von LissabonFoto: picture alliance / dpa

Kaum vier Minuten dauert der Krach um Mitternacht: Über dem träge dahinfließenden Tejo schießt das offizielle Feuerwerk in die Höhe, die Kulisse des Burgbergs wird von ein paar weiteren Raketen erleuchtet, auf einem Balkon in der Nähe betrommelt jemand kurz und leidenschaftlich einen Topf – dann senkt sich erneut die Stille über Lissabon herab.

Am nächsten Morgen werden die Bürgersteige mit buntmetallisch glänzenden Konfettischnipseln übersäht sein, Freunde, die sehr spät noch unterwegs waren, berichten von einer angenehmen Feier-Atmosphäre, die ganz ohne Aggressivität auskommt.

Freundlich zeigt sich die portugiesische Hauptstadt ihren Gästen zum Jahreswechsel. Der Besucher aus Berlin staunt besonders über die Anzeigetafeln an den Linienbussen. Im stetigen Wechsel mit dem jeweiligen Fahrtziel erscheint dort der Gruß „Boas Festas“, zu Deutsch: Frohe Feiertage. Wie nett.

Dass bei uns noch keiner auf so eine stimmungsfördernde Idee gekommen ist! Wobei: Hierzulande würde wohl eher „Ja, ich bin zu spät“ eingeblendet werden oder „Einsteigen, Schnauze halten“.

Wunderschön altmodisch: Die "Pastelaria Versailles"

Höfliche Zugewandtheit darf der Tourist in Lissabon sogar dann erleben, wenn ein Laden brechend voll ist. Im Traditions-Café „Pastelaria Versailles“ an der Avenida da Republica drängen sich charismatische Damen in Pelzjacken und feine alte Herren mit monumentalen Siebzigerjahre-Brillengestellen und fast bis zum Brustbein hochgezogenen Flanellhosen, um fürs familiäre Jahresendgelage süße Köstlichkeiten einzukaufen.

Auf der Gastronomie-Empore aber wird von den Kellnern mit bewundernswürdiger Gelassenheit ein Mittagessen serviert, das so charmant altmodisch anmutet wie die hoch verehrte Kundschaft.

Das Opernhaus hat eine Chefdirigentin

Wobei ja nicht alles in Lissabon rückwärtsgewandt ist. Das Opernhaus Sao Carlo beispielsweise, 1793 von der Bürgerschaft erbaut, hat eine Chefdirigentin.

Und Joana Carneiro ist nicht die erste Frau, die hier den Takt angibt. Ihre Vorgängerin war die britische Maestra Julia Jones. Sehr musiktheateraffin allerdings sind die Lisboetas nicht: Gerade einmal 22 Opernvorstellungen finden in der aktuellen Saison statt.

Die emotionale Exaltiertheit des Genres passt wohl wenig zur charakterlichen Disposition vieler Portugiesen. Als „país dos brandos costumes“ sieht man sich, als „Land der sanften Sitten“, das Lebensgefühl wird mit dem unübersetzbaren Begriff der „saudade“ beschrieben, einer Art bittersüßer Melancholie.

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Der Blick geht also eher nach innen, das Treiben der Welt wird aus der Distanz beobachtet. Der Nationaldichter Fernando Pessoa hat es mal so ausgedrückt: „Ich bin eine lebendige Bühne, auf der verschiedene Schauspieler auftreten, die unterschiedliche Stücke aufführen.“

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