SpiegelSTRICH : Wenn’s nichts geworden ist

eeeeeeeeeeee

Tagesspiegel-Kolumnist Klaus Brinkbäumer.
Tagesspiegel-Kolumnist Klaus Brinkbäumer.Foto: Tobias Everke

Ein aufgewühltes Jahr endet, und jene Redner des Jahres, die ihre Souveränität, ihre gedankliche Kraft im allgemeinen Getöse bewahren konnten, haben wir an diesem Ort bereits geehrt.

Politische Sprache ist jedoch mehr als Reden, ist auch geschriebener Text, wenngleich Goethe seiner Schwester Cornelia einst riet: „Schreibe nur, wie du reden würdest.“

Heute also: die Essays des Jahres.

Essai, das französische Wort, stammt vom lateinischen exigere ab: abwägen, beurteilen. Kurt Tucholsky riet uns allen einst, Roman, Theaterstück oder Börsenbericht zu verfassen: „Versuch, versuch alles. Und wenn es gar nichts geworden ist, dann sag, es sei ein Essay.“

Mein erster Gewinner ist „Hannibals Schattennetzwerk“ aus der „taz“; das ist eine Enthüllungsserie mit einem Essay („Herbeigesehnter Bürgerkrieg“) in der Mitte, aber alle Essays, die etwas Neues durchdenken, gründen ja auf Recherche. Es geht um eine rechte Bewegung, die vom deutschen Untergrund hinaufreicht in Verfassungsschutz und Bundeswehr. Theoretischer Kern dieses Konstrukts ist die angebliche Bedrohung durch den von „globalistischen“ Eliten gewollten „großen Austausch“ der Bevölkerung durch Migranten, darum die gefühlte Notwehr, darum die Vorbereitung des Widerstands. Es geht um das, was unseren Staat zusammenhält oder eben auch nicht.

Novina Göhlsdorf hat in „Frankfurter Allgemeine Quarterly“ („Der Autist als ‚Neuer Mensch‘ der Zukunft“) über Greta Thunberg und deren Asperger-Syndrom ähnlich klug, geradezu erleuchtend geschrieben wie John Hendrickson im „Atlantic“ über das Stottern jenes Kindes, das der heutige Präsidentschaftskandidat Joe Biden einst war („What Joe Biden can’t bring himself to say“). Beide Texte lehren: Ehe wir Menschen beurteilen, sollten wir mindestens wissen, auf welcher Grundlage unser Urteil steht – oder, besser, wir sollten mehr wissen wollen.

In „How America Ends“ von Yoni Applebaum, gleichfalls im „Atlantic“ erschienen, erfahren wir, dass letztlich die konservativen Parteien und ihr Zustand entscheidend für das Überleben einer Demokratie sind; sie verhindern den Absturz in den Faschismus (oder eben auch nicht).

Das Thema des Jahres ist die Klimakrise, und weil er den „grünen Konsens der Ära Merkel“ („sich ökologisch fühlen, unökologisch handeln“) überführt und eine endlich radikale Klimapolitik verlangt, ist Bernd Ulrichs „Zeit“-Text „Grün ist schön, macht aber viel Arbeit“ ein Essay des Jahres.

Den Text „Father Time“ (von David Sedaris über das Sterben seines Vaters) nehme ich auf, weil er mich zum Weinen bringt, selbst wenn das in diesem Jahr, in dem mein Sohn geboren wurde, eigentlich allen Essays gelingt, die sich auch nur entfernt mit Vätern und Kindern befassen. Oder mit Liebe, Freundschaft, Vergänglichkeit. Bin ich bloß verletzlicher oder gleich ein Sensibelchen geworden? „The Lingering of Loss“ von Jill Lapore, ebenso aus dem „New Yorker“, hatte ähnliche Wirkung: Eine beste Freundin stirbt und vererbt ihr Laptop der Autorin; 20 Jahre später öffnet diese das Gerät und unendlich viel mehr.

Kühler ist ein anderes Thema unserer Zeit: künstliche Intelligenz. In der „Süddeutschen Zeitung“ diskutierte Sarah Spiekermann die Machtfrage: Wie viel Kontrolle soll der Mensch haben und wie viel die Maschine? Spiekermanns Antwort liegt in ihrem eigenen positiven Menschenbild, also in der Steuerung der Technik durch den Homo sapiens – in der Welt der Digitalkonzerne allerdings sei diese Haltung nicht besonders verbreitet. Dort gelte der Mensch als zynischer Egoist und der Computer als, vergleichsweise, edel und altruistisch (ich danke Julia Encke, Andrian Kreye und Nils Minkmar für aufmerksame Lesetipps).

Klaus Brinkbäumer war zuletzt Chefredakteur des „Spiegel“ und arbeitet heute als Autor unter anderem für „Die Zeit“.

Sie erreichen ihn unter Klaus.Brinkbaeumer@extern.tagesspiegel.de oder auf Twitter unter @Brinkbaeumer.Foto: Tobias Everke

Der neue Morgenlage-Newsletter: Jetzt gratis anmelden!