Sprache der Neuen Rechten : Kuck mal, wer da spricht!

Was hilft gegen Provokationsspiele und Sprechverbote? Enno Stahl untersucht in seinem Buch die Rhetorik der Rechten.

Hendrikje Schauer
Ein Aufmarsch der rechtsradikalen "Identitären Bewegung" 2017 in der Berliner Brunnenstraße.
Ein Aufmarsch der rechtsradikalen "Identitären Bewegung" 2017 in der Berliner Brunnenstraße.Foto: Paul Zinken/dpa

Wie kommt es eigentlich, dass die Reaktionen auf kalkulierte Provokationen der Neurechten so oft schiefliegen? Wieso lassen sich diejenigen, die der Rechten etwas entgegenhalten wollen, so oft unfreiwillig in deren rhetorisches Spiel hineinziehen? Und wie kann man diesem Strudel entkommen?

Diese Fragen hat Heinrich Detering jüngst in „Was heißt hier ‚wir‘“, einem Essay für Reclams Universal-Bibliothek, aufgeworfen: Mit ruhigem Blick auf Stil, Rhetorik und Kontexte analysiert er ausgewählte Texte der parlamentarischen Rechten.

Wollen wir wirklich die Reden von Gauland, Höcke oder Kalbitz wie Literatur behandeln? Deterings Essay führt vor, wozu das philologische Werkzeug taugt. Wenn der Zweifel an die Stelle der Gesinnung tritt, dann lassen sich antidemokratische Positionen nüchtern nachweisen, nicht bloß unterstellen.

So nimmt man das Argument beim Wort, lässt sich nicht vom Spektakel blenden. So kann man dem Provokationsspiel entkommen, in dem wechselseitige Vorwürfe ins Leere laufen.

Eine Analyse der „populistischen Rhetoriken und Strategien“ verspricht nun auch Enno Stahl in seinem Essay „Die Sprache der neuen Rechten“. Er konzentriert sich auf die außerparlamentarischen Stichwortgeber, um in den letzten beiden Kapiteln auf die parlamentarische Rechte zu kommen.

Was an Recherche fehlt, kompensiert Stahl durch Aplomb

Stahl analysiert keine Rhetorik, sondern gerät ins Reden. Nichts Neues lernen die Leser über die neue Rechte. Darüber trösten die Gesinnungen des Autors nicht hinweg.

Was an Recherche und Methode fehlt, kompensiert er durch Aplomb. Ist das imaginäre „Wir“ der Rechten, das Stahl zu einfach auf Carl Schmitts Freund-Feind-Unterscheidung zurückführt, nur schlecht, weil Stahl die rechten Positionen nicht teilt?

Geht es um Mehrheiten? Geht es um einen klassentheoretischen Standpunkt, der sich in Einsprengseln wie „Überbau“ verrät? Ist die strafrechtliche Verfolgung von Beleidigungen als „Zensur“ richtig beschrieben? Wie kann, wer über Sprache und Rhetorik schreibt, selbst begrifflich so unscharf sein? Einfachste Fragen werden verwirrt: Wer spricht von wo über wen?

Aus der liberalen Demokratie wird die „neo-liberale Gesellschaft“, deren Problem moralische „Sprechverbote“ seien. Sie propagiere nämlich, schreibt Stahl, die freie Meinungsäußerung aller gesellschaftlichen Gruppen, möchte den Rechten aber den Zugang zum Diskurs verweigern. Das hört man sonst eher anderswo. Frei nach Christoph Marthaler: Wenn wir das Argument nicht vergiftet hätten, hätten wir jetzt wenigstens noch ein Argument.

[Enno Stahl: Die Sprache der Neuen Rechten. Populistische Rhetorik und Strategien. Alfred Kröner Verlag, Stuttgart 2019. 208 Seiten, 14, 90 €]

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