Spritzdekor im Museum der Dinge Berlin : Von der Leinwand auf den Kaffeetisch

Tortenplatten sind Avantgarde: Die Ausstellung „Dekor als Übergriff“ im Kreuzberger Museum der Dinge zeigt todschickes Spritzdekor der Weimarer Republik.

Gebäckdose. Entstanden ab 1930 in der Feinsteingutfabrik Christian Carstens, Gräfenroda.
Gebäckdose. Entstanden ab 1930 in der Feinsteingutfabrik Christian Carstens, Gräfenroda.Foto: Armin Hermann, 2019

Tortenplatten als Avantgarde? Keramik, die subversiv ist? Steingut hängt gemeinhin nicht der Ruf an, solcherlei Botschaften zu transportieren. Zumal die Zeiten, als noble Porzellanservice ein Distinktionsmerkmal adeliger Dynastien waren, im 20. Jahrhundert mit dem Aufstieg des wohlhabenden Bürgertums längst zu Ende gehen.

Die Stunde keramischer Massenware als ästhetischer Speerspitze der Moderne schlägt in der Weimarer Republik. Und damit sind ausnahmsweise nicht die Keramik-Werkstätten des schon das ganze Jahr über hingebungsvoll gefeierten Bauhauses gemeint.
Ab 1925 werden aus den Gebrauchsartikeln Kakaokannen, Keksdosen und Kuchenplatten plötzlich Träger einer völlig neuen ästhetischen Botschaft. Was Flohmarktgängerinnen angesichts der abstrakt gemusterten, teilweise ungemein poppigen Motive dieser Geschirre längst geahnt haben, belegt die Ausstellung „Dekor als Übergriff“ im Kreuzberger Werkbundarchiv – Museum der Dinge.

„Spritzdekor“, wie das kostengünstig maschinell hergestellte und mit Hilfe von Schablonen und Pressluftpistolen dekorierte Steingut heißt, schwemmt massenhaft in Proletarierstuben. Knapp zehn Jahre lang. Dann riechen die Nationalsozialisten den Braten und erkennen, dass die expressiven Zacken, psychedelischen Ringe, geometrischen Farbflächen das nachahmen, was die von ihnen als „entartet“ und „kommunistisch“ verfemten Konstruktivisten wie Malewitsch, Mondrian oder El Lissitzky in der Malerei veranstalten.

Tortenplatte. Datierung unbekannt, aus der Sammlung Stefan Bachmann, Berlin.
Tortenplatte. Datierung unbekannt, aus der Sammlung Stefan Bachmann, Berlin.Foto: Armin Hermann, 2019

Von der Leinwand auf den Küchentisch – diese Verbindung zwischen avantgardistischer Kunst und Kuchentellern lässt sich in der Ausstellung anhand von Drucken der genannten Künstler nachprüfen. Und zwar im Angesicht einer die Längsseite des ganzes Raumes einnehmenden Parade todschicker, teil überaus poppiger Tortenplatten.

Wer das Dekor der Kreise und Linien in Grün und Blau variierenden Zuckerdose der „Form 489“ um 1929 für Villeroy & Boch entworfen hat, ist unbekannt. Steingut, das bislang als minderwertiger Porzellan-Ersatz gilt, wird durch neue Misch- und Brennverfahren in Zwanzigern stark verbessert. Und ist nun das günstigere, formal überlegenere, kurz das modernere Produkt.

Allein in Deutschland stürzen sich mehr als 60 Betriebe in die Produktion und treffen den Nerv der Zeit. Indem sie sich bewusst gegen die Position moderne Gestalter stellen, farbige Muster als gefälligen Kitsch abzuwerten.
Ein berühmter Verfechter dieses auch von Bauhaus-Mitgliedern und dem Deutschen Werkbund verfochtenen Purismus ist der Architekt und Gestalter Adolf Loos.

Torrtenplatte. Um 1930 als Dekor 1556 in der Steingutfabrik Sörnewitz-Meissen entstanden.
Torrtenplatte. Um 1930 als Dekor 1556 in der Steingutfabrik Sörnewitz-Meissen entstanden.Foto: Armin Herrmann, 2019

Sein 1908 erschienener Leittext „Ornament und Verbrechen“ findet sich in der Ausstellung selbstredend zitiert – in originaler Kleinschreibung. „Ich habe folgende erkenntnis gefunden und der welt geschenkt: evolution der kultur ist gleichbedeutend mit dem entfernen des ornaments aus dem gebrauchsgegenstande. Ich glaubte damit neue freude in die welt zu bringen, sie hat es mir nicht gedankt.“
So pflegt es in der undankbaren Warenwelt zu gehen, die den schlechten, nach floralem Kitsch und gefälligen Farben gierenden Geschmack der Massen zuverlässig über das Formbewusstsein asketischer Eliten stellt. Umso schöner, dass „Dekor als Übergriff“ den Blick auf die kurze Phase zu Beginn des 20. Jahrhunderts lenkt, als ein totschicker Arm der Moderne den Weg über jedermanns Kaffeetisch nimmt. Gunda Bartels
[Werkbundarchiv – Museum der Dinge, Oranienstr. 25, Kreuzberg, bis 10. Februar 2020, Do-Mo 12-19 Uhr]

Mehr lesen? Jetzt E-Paper gratis testen!