Staatliche Repression in China : Hua Yongs Kampf für Pekings Wanderarbeiter

Vom Staat verfolgt. Weil der Künstler Hua Yong sich für chinesische Wanderarbeiter einsetzt, muss er untertauchen.

Der Hinschauer. Hua dokumentiert den Abriss von Wohnquartieren.
Der Hinschauer. Hua dokumentiert den Abriss von Wohnquartieren.Foto: Radio Free Asia

Keine Stadt der Welt wächst derzeit schneller als Peking. Die chinesische Staats- und Parteiführung hat sich das ehrgeizige Ziel gesetzt, die 3000 Jahre alte Hauptstadt, in der jetzt schon mehr als 20 Millionen Menschen leben, mit der Hafenstadt Tianjin zu einer Metropolregion namens Jing-Jin-Ji für bis zu 130 Millionen Einwohner zu verschmelzen.

Was bei der Vision im Weg steht, wird rabiat abgeräumt. Zum Beispiel Unterkünfte von Wanderarbeitern. Einen Großbrand in einer Siedlung am Stadtrand, bei dem im November 19 Bewohner gestorben waren, nutzen die Behörden als Vorwand, um derlei Behausungen großflächig zerstören zu lassen.

„Was man hinter mir sehen kann, ist nicht das Ergebnis eines Taifuns oder eines Erdbebens“, sagt der Bürgerrechtler Hua Yong, im Hauptberuf Maler, während er durch eine Trümmerlandschaft läuft, die an ein Schlachtfeld erinnert. „Nein, das wurde von Menschen gemacht.“ „Schwarze Wächter“, dunkel gekleidete Hilfspolizisten, sperren die Straßen ab und lassen den Bewohnern oft nur zwei, drei Stunden Zeit, um ihre Sachen zu packen. Dann rollen die Bagger an.

Hua Yongs Engagement erinnert an Kunst von Ai Weiwei

Hua Yong, 48, hat bei YouTube und WeChat Dutzende Videos veröffentlicht, in denen er die Abrissaktionen und die Vertreibung der Anwohner dokumentiert. Weil die staatlich kontrollierten Medien in China über die Verdrängung gar nicht berichten oder sie als harmlose Umsiedlung darstellen, versucht der Künstler, im Netz eine Gegenöffentlichkeit herzustellen. Das ist nicht ungefährlich. Nachdem Hua letzte Woche verhaftet werden sollte, ist er, wie die „New York Times“ und die News-Plattform Reddit berichten, aus Peking geflohen und untergetaucht.

Hua Yongs Engagement erinnert an die Aktionskunst seines inzwischen in Berlin lebenden Kollegen Ai Weiwei, der nach Recherchen über den durch Korruption und Behördenversagen verursachten Tod von Hunderten Schulkindern beim Erdbeben von Sichuan krankenhausreif geschlagen worden war. Wie Ai hat auch Hua Erfahrungen mit staatlicher Repression machen müssen. Seine Performance „Memory Cycle“ auf dem Tiananmen-Platz in Peking, mit der er die Niederschlagung der Studentenproteste von 1989 reflektierte, brachte ihn 2012 für 15 Monate in ein Umerziehungslager.

„Die Regierung denkt zuerst an sich“

Staatschef Xi Jinping hatte erst im Oktober beim 19. Parteitag seiner Kommunistischen Partei gefordert, die Funktionäre sollten sich „zuerst“ um die Menschen kümmern. Nun fragt in einem von Huas Videos eine gerade obdachlos gewordene Mutter: „Zuerst wir?“ Neben ihr hocken zwei kleine Kinder. „Die Regierung hat uns nach draußen in die Kälte gesetzt. Sie denkt zuerst an sich.“ Ein Mann, der seine Habseligkeiten auf einen Lastwagen räumt, klagt: „Sie behandeln uns nicht wie Menschen. Peking ist nicht mehr die Stadt der einfachen Menschen.“

Dabei ist die boomende chinesische Wirtschaft auf billige Arbeitskräfte angewiesen. Rund 280 Millionen Wanderarbeiter gibt es, das sind 35 Prozent der arbeitenden Bevölkerung. Sie bauen Hochhäuser, setzen Smartphones zusammen, fahren Taxis. Behandelt werden sie als Menschen zweiter Klasse. Man nennt sie „Diduan renkou“, was so viel wie „Bodensatz“ oder „Abschaum“ bedeutet. Hua Yong, der aus der Hafenstadt Yingkou nach Peking kam, beansprucht für sich, selbst auch zum „Abschaum“ zu gehören. Bevor er die Hauptstadt verließ, sagte er in einem Interview: „In einer Umgebung, in der man nicht die Wahrheit sagen kann, ist die Schaffung von Kunst absolut wertlos.“

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