Star-Designer Luigi Colani ist tot : Ein Leben für das Runde

Schon als Kind kreierte Luigi Colani sein Spielzeug selbst. Der Star-Designer verstand sich als lebende Anklage gegen die Mittelmäßigkeit. Ein Nachruf.

Extravagant. Luigi Colani stellt ein von ihm entworfenes Glas vor, 1973.
Extravagant. Luigi Colani stellt ein von ihm entworfenes Glas vor, 1973.Foto: Horst Ossinger/dpa

Muss das Runde wirklich ins Eckige? Man kann das Eckige auch ganz lassen und sich nur dem Runden widmen. So hielt es der Designer Luigi Colani, der zu den eigenwilligsten Gestalten der deutschen Design-Landschaft gehörte. Im Alter von 91 Jahre ist der gebürtige Berliner jetzt in Karlsruhe gestorben.

Unvergessen ist seine Kugelküche von 1970, in der die Bewohner von einem einzigen Sitzplatz aus den Kühlschrank, den Herd und das Spülbecken erreichen konnten. Viel Aufsehen erregte auch ein 500 Meter langes Frachtschiff, dessen Form sich der Erdrundung anpasste.

Luigi Colani, der eigentlich Lutz mit Vornamen hieß, war der Sohn eines italienisch-schweizerischen Filmarchitekten und einer polnischen Mutter.

Dass er so wahnsinnig kreativ wurde, war von Anfang an Absicht der Eltern, die ihn absichtlich von vorgefertigtem Spielzeug fernhielten. In einem eigens eingerichteten Bastelzimmer musste er sich sein Spielzeug selber fertigen. Dieses Konzept behielt er in gewisser Weise ein Leben lang bei.

Über sein Kinderzimmerfenster in Johannisthal seien die wildesten Flugzeugtypen geflogen, die hätten ihn inspiriert, sagte er mal.

Luigi Colani neben seinen Kreationen. Mit dem Ferrari Testarossa (M) fuhr er damals einen Weltrekord von 387 km/h.
Luigi Colani neben seinen Kreationen. Mit dem Ferrari Testarossa (M) fuhr er damals einen Weltrekord von 387 km/h.Foto: Waltraud Grubitzsch/dpa

Zunächst studierte er in Berlin Bildhauerei und Malerei, später an der Sorbonne Aerodynamik. Früh interessierte er sich für Autorennen, gewann 1954 in Genf die „Goldene Rose“.

Zu seinen Werken gehörten große Projekte wie eine Lokomotive oder das Propellerflugzeug Pontresina, das 1985 so schnell war wie ein Düsentransportflugzeug, aber 30 Prozent weniger Kerosin verbrauchte.

Seine im Kinderzimmer angestachelte Fantasie machte freilich vor kaum etwas Halt, Armbanduhren interessierten ihn ebenso wie Kloschüsseln, Regenmäntel, runde Fernseher, dickbäuchige Kugelschreiber oder auch schwimmfähige Schlafsäcke, die in Seenot Leben retten.

Er entwickelte eine Liebe zu Sachsen

Für Villeroy & Boch baute er ein Waschbecken mit Flossen, für Rosenthal eine strömungsfrohe Teekanne. Nachdem ihm die Welt auf einem westfälischen Schloss in der Nähe von Rheda 1982 zu eng geworden war, ging er als Fashion Designer nach Japan.

Später lebte er in der Schweiz, wo er unter anderem Mineralwasserflaschen entwarf. Als Gastprofessor für Urbanistik und Architektur lebte er auch in Shanghai.

Für eine Weile zog es ihn auch nach Usedom. Irgendwann entwickelte eine besondere Liebe zu Sachsen.

Die Form sollte der Emotion folgen

Für den bekennenden Bauhaus-Hasser sollte die Form sollte nicht der Funktion, sondern der Emotion folgen. Im Dortmunder Westfalenpark gab 1992 eine Werk-Retrospektive.

Gern hätte er seine Werke auf der Expo 2000 in Hannover gezeigt. Als das nicht klappte, zog er sich nach Karlsruhe zurück.

Dort wurde sein Werk mit rund 1000 Großobjekten ausgestellt. Weiß war die Lieblingsfarbe des Formphilosophen mit dem prägnanten Seehundschnauzbart und die Publikumsbeschimpfung eine Richtlinie für manchen öffentlichen Auftritt. Er liebte es zu provozieren, zu polarisieren und zu streiten.

Zum Mythos der „Berliner Schnauze“ hat er das Seine sicher beigetragen. Die Kollegen kamen ihm oft zu konservativ vor. Der Zeit fühlte er sich immer ein sattes Stück voraus.

Auch im Alter blieb Colani unruhig

Tatsächlich gingen viele Wünsche, zu denen ein Colani-Museum gezählt hätte, nie in Erfüllung. Von etwa 20 000 avantgardistischen Entwürfen wurden nur 70 bis 80 Prozent verwirklicht. Als visionär galt er trotzdem, ein Vorbild für Designstudenten.

Schon lange bevor das Wort „Bio“ in aller Munde war, propagierte er sein Bio-Design, weil er die Natur in seine Entwicklungen mit einbezog. Früh beherrschte er die Kunst der extravaganten Selbstinszenierung, empfand sich als lebende Anklage gegen die Mittelmäßigkeit.

Auch im Alter wurde er kaum ruhiger. Als er 80 wurde, sagte er dem Tagesspiegel, er habe Ideen für noch mindestens 500 Jahre.

Manchmal als Angeber wahrgenommen gestand er der „Zeit“ zum selben Anlass, dass er von seinen Söhnen Zurückhaltung gelernt habe. Jaguar fuhr er trotzdem noch. Er wäre daran interessiert gewesen, seiner Heimatstadt Berlin „auf die Hinterbeine zu stellen“. Das klappt nun nicht mehr.

 

 

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